Die letzten Nomaden
Transhumanz auf spanischen Viehwegen – Eine vergessene Welt kämpft gegen ihr Verschwinden
Nur noch wenige Schäfer treiben ihre Herden über Hunderte von Kilometern von den Bergen in den Süden. Foto: Ángel García
Stephan Kippes
Eine vergessene Welt kämpft in Spanien gegen ihr Verschwinden an. Auf alten Wegen, die niemand mehr betritt, und tausendjährigen Routen, die keiner mehr kennt. Die letzten Transhumanten wandern auf verschlungenen Pfaden mit ihren Viehherden von den Sommerweiden in den Bergen zu den Winterweiden im Süden quer durchs Land und wieder zurück, legen dabei Hunderte Kilometer zurück.
Jedes Jahr ringt der Vorsitzende des Rats der Schäfer, Jesús Garzón, darum, dass über dieses mittelalterliche Netz der Triftwege von 125.000 Kilometern Länge und 450.000 Hektar Fläche mindestens eine Viehherde zieht. Wie etwa die 5.000 Schafe, die am 30. Oktober mitten über die Puerta del Sol in Madrid trabten, oder die 30.000-köpfige Herde, die derzeit von den Bergen Teruels hinab nach Valencia marschiert und dort am 30. November erwartet wird.
Viehtrieb und Umweltschutz
Hinter den in Europa über diese großen Distanzen einmaligen Viehtrieben verbirgt sich mehr als eine Hommage an die goldenen Zeiten der Wanderweidewirtschaft, als Millionen von Schafen, Ziegen und Rindern über die festgelegten „Vías Pecuarias“ dem Klima folgten und von den Sommerweiden in den kantabrischen Bergen zu den Winterweiden trampelten. „Ökologische Motive“ führten Garzón und die deutsche Organisation Euronatur in den Kampf für die Wiederbelebung der Transhumanz und den Schutz der spanischen Triftwege.
Diese mittelalterliche Tradition des Viehtriebs war in Spanien mit der Eisenbahn untergegangen. Über die alten Wege legte sich die Zivilisation mit ihren Autobahnen, Schienen und Häusern. Kein Bagger und Bauherr scherte sich mehr um des Königs Wort, das den Hirten freies Wegerecht garantiert und Bauten und Hindernisse auf den bis zu 75 Meter breiten Viehwegen streng untersagt hatte. So ließen Viehtransport und Monokulturen der extensiven Weidewirtschaft keinen Platz mehr. Binnen weniger Jahre fiel eine fast 1.000-jährige Geschichte und ein immenses Kulturgut in Vergessenheit. Bald erinnerte sich kaum jemand mehr, dass die Transhumanz der spanischen Krone mehr einbrachte als das Gold aus Peru. Ganz Europa lechzte im Mittelalter nach der Wolle von Merinoschafen.
Herden im Herzen Madrids
Alles änderte sich in den 1990er Jahren, als ein Schäfer erneut diese Wege beschritt, vor der baffen Weltöffentlichkeit eine Herde durchs Herz von Madrid über die Puerta del Sol führte und auf das alte königliche Wege- und Weiderecht pochte. „Jesús Garzón ist ein Visionär“, lobt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer von Euronatur, den „Life“-Umweltpreisträger. Denn heute sprechen tausend Gründe wieder für die extensive Viehwirtschaft und nur einer gegen sie: die Wirtschaftlichkeit. Nichtsdestotrotz laufen im spanischen Agrarministerium Bemühungen, die Transhumanz zu erhalten und im Dezember in einem Weißbuch erstmals numerisch zu erfassen.
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