Wie Zuwanderer ohne Papiere ausgebeutet werden – Der Fall des Bolivianers Franns Rilles Melgar
In Sektoren wie der Bau- oder Landwirtschaft blüht die Schwarzarbeit.
Foto: Ángel García
Stephan Kippes
Valencia
Franns Rilles Melgar wollte den Papierschnipsel noch schnell herausziehen. Es störte ihn, es gehörte nicht in den Teig. Vielen anderen wäre es vielleicht egal gewesen. Dem Bolivianer aber war „die Arbeit wichtig“. Also griff er in die Knetmaschine – und blieb drin hängen. Wie eine Spirale drehte sie sich, zog ihn immer weiter hinein. Bis zur Schulter hing der 33-Jährige darin, bevor er es schaffte, den Knopf zu drücken. Da hatte er seinen linken Arm verloren.
Franns Rilles Melgar hat nicht den Eindruck, dass sein Schicksal eine kollektive Bestürzung unter Einwanderern in Gandía auslöste, die wie er in der Schattenwirtschaft arbeiten. „Einige sehen mich schief an, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben“, meint er. Mit apathisch-trübem Blick sitzt er am Tisch und erzählt einigen Landsleuten, die betreten auf den Stumpf an seiner Schulter schauen, es fühle sich so an, als ob sein linker Arm noch da wäre und nur die Hand etwas taub. Doch er ist weg, ein „Arm zum Arbeiten“ fehlt ihm nun. Was er machen wolle, fragen sie ihn, jetzt da er nicht mehr arbeiten könne.
Im Reich der Schattenwirtschaft dreht sich alles um Arbeit. Die Wirtschaftskrise hat jüngsten Schätzungen zufolge 800.000 Immigranten dorthin abgedrängt. Sie gehören laut einer EPA-Umfrage der aktiv arbeitenden Bevölkerung an, aber in der Sozialversicherung tauchen sie nicht auf. Fast ein Drittel aller nicht aus der EU stammenden Ausländer ist nur einem einzigen und mitunter brutalen Gesetz unterworfen: dem von Angebot und Nachfrage.
Zwei Jahre lang arbeitete Franns Rilles Melgar schwarz in der Brotfabrik. Ein Gitterkäfig hätte verhindern müssen, dass er in die Knetmaschine greifen kann. Doch den gab es schon lange nicht mehr. Seine fünf Kollegen schufteten wie er, manchmal von zwölf Uhr nachts bis zwölf Uhr mittags für 900 Euro im Monat. Keiner hatte Papiere, keiner zeigte den Betrieb an. Weder die Einwanderungsbehörde noch die Arbeitsaufsicht, noch das Gesundheitsamt stellte die Maschinen ab. Wie war das möglich?
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