Wie Feuer unter der Haut
Im Südwesten Andalusiens ist der Flamenco entstanden – Inzwischen dringen Tänze und Musik bis China vor

Flamenco-Tänzerinnen wie Eva Yerbabuena haben der typisch spanischen Kunstform Weltruhm eingebracht. Fotos: CBN, AFP, Agujeta |
Katharina Korell
Ein Vorort bei Jerez de la Frontera. Ein Haus, umgeben von endlosen Weinfeldern. Dolores Agujeta, Tochter des legendären Flamenco-Sängers Manuel Agujeta, genannt duende, öffnet das eiserne Gartentor: „Kommt rein, wollt ihr was trinken?“ Auf der Veranda mit ihren bunt zusammengewürfelten Stühlen und Blumen bahnt sich ein urtypisches Schauspiel an.
Plötzlich springt Dolores’ 15-jähriger Sohn Diegito auf, holt seine Gitarre und spielt wie ein Altmeister, sein Vater Pedro klatscht dazu, dann stimmt Dolores ein. Ihre kleinste Tochter, gerade von der Schule zurück, wirft den Ranzen fort und tanzt.
Flamenco, Kunst aller spanischen Künste, unter Franco als Klischee missbraucht, heute auf Festivals weltweit gefeiert, war bis zum großen Boom in den 80er Jahren genau so: eine familiäre Angelegenheit, bei der Junge und Alte mitmachten. Seitdem ist die Flamenco-Szene geradezu explodiert, die Zahl bekannter Gruppen, Tänzer und Gitarristen enorm. Der traditionelle Flamenco im familiären Ambiente hat sich allerdings in dem Gebiet gehalten, wo er seine Wurzeln hat, in dem Dreieck zwischen den Städten Cádiz, Jerez de la Frontera und Triana (Sevilla).
Über den Ursprung des Flamenco sind sich führende Ethnologen und Musikwissenschaftler bis heute uneins. Die einen sagen, Flamenco sei einzig und allein aus der Kultur der gitanos (spanischen Zigeuner) entstanden. Die anderen gehen davon aus, dass der Flamenco – so wie die Menschen Andalusiens – eine Mischung ist.
Archaische Ursprünge
Kultregisseur Carlos Saura, der 1981 mit seinem Film „Bluthochzeit“ und zwei Jahre später mit „Carmen“ in Deutschland dem Flamenco den Weg bereitete, schließt sich im Vorspann seines Films „Flamenco“ (1995) dieser zweiten Theorie an. „Der Flamenco“, erzählt eine Stimme in der ersten Szene aus dem Off, „wie wir ihn heute kennen, entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts. Er setzt sehr verschiedene Einflüsse voraus.“ Hinduistische Psalmengesänge, gregorianische Choräle, persische, jüdische und arabische Melodien plus afrikanische Klänge und kastilische Volkslieder prägten das Phänomen Flamenco.
Facettenreich wie der Ursprung des Flamenco sind die gegenwärtigen musikalischen Formen (palos). Saura geht in seinem Film „20 Palos“ auf den Grund und lässt sie von den größten Flamenco-Künstlern der 90er Jahre vorführen. Der Zuschauer lernt und staunt: Flamenco besteht aus drei fundamentalen Säulen: dem Tanz (baile), dem Gitarrenspiel (toque) und dem Gesang (cante). Die älteste Komponente ist zweifellos der Gesang, der bis heute von rhythmischem Klatschen in die Hände (palmas) begleitet wird. Die Gitarre kam erst um 1860 auf, als Flamenco außerhalb der familiären Kreise in Kaffeehäusern gesellschaftsfähig gemacht wurde. Das jüngste Element ist der Tanz, der in seiner heutigen Form erst seit hundert Jahren besteht.
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