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Ansichtssache: Dürfen wir noch guten Gewissens Songs von Nena oder Xavier Naidoo hören?

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Von: Christoph Seidl, Jonas Erbas

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Nena Xavier Naidoo Musik Debatte
Handeln wir richtig, wenn wir die Musik von Nena oder Xavier Naidoo boykottieren? © Jan Woitas/Alexandra Wey/dpa (Montage)

Die Liste gefallener Künstler ist lang: Xavier Naidoo hat Musik mit Rechten veröffentlicht. Nena spaltet mit ihren Corona-Aussagen die Gesellschaft. Dürfen wir ihre Lieder noch hören?

„Lasst euch die Songs und Erinnerungen nicht nehmen“, fordert Redakteur Christoph Seidl.

„In meiner Streaming-Liste haben Naidoo oder Nena nichts zu suchen“, sagt Online-Redakteur Jonas Erbas.

Es gibt Künstler, die Meisterwerke und Songs erschaffen haben. Doch was bleibt von einem Werk, wenn der Komponist moralisch abstürzt oder gar zum Straftäter wird?
Die Standpunkte der Debatte:

Christoph Seidl Musik Xavier Naidoo Debatte
Christoph Seidl komponiert privat Songs. Er weiß: Was ein Musiker fühlt und denkt, fließt in seine Stücke ein. Bei IPPEN leitet der 35-Jährige die Formatentwicklung. © IPPEN.MEDIA

„Lasst euch die Songs und Erinnerungen nicht nehmen“, fordert Redakteur Christoph Seidl.

Ich höre die Musik eines verurteilten Pädophilen. Ich schäme mich dafür. Ian Watkins, Sänger der Band Lostprophets, wurde wegen Kindesmissbrauchs in mehreren Fällen zu 35 Jahren Haft verurteilt. Watkins hat versucht, ein Baby zu vergewaltigen und sitzt seit mehr als zehn Jahren in Haft. Warum singe ich beim Song „Rooftops“ trotzdem jedes Wort mit? 

Das Lied begleitet mich seit meinem Abi. 15 Jahre her – und ich höre „Rooftops“ immer noch: beim Sport, vor Prüfungen. Immer dann, wenn ich im Leben ein Ziel erreichen möchte. Bevor in „Rooftops“ die Gitarren brachial aus den Boxen krachen, singt Watkins: „Werden wir am Ende des Lebens sagen können, dass wir alles versucht haben?“ Mich hat dieser Satz bewegt. Dieser Moment der Stille vor dem Refrain. Hast du wirklich alles versucht? Dann kannst du nicht mehr scheitern!

„Über Künstler wie R. Kelly oder Michael Jackson müssen wir als Straftäter sprechen.“

Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Man muss Kunst und Künstler trennen. Das ist aus meiner Sicht aber Schwachsinn. Denn: Die Werke eines Künstlers laufen nicht auf einer Parallelspur zu dessen sonstigem Leben. Der Mensch ist immer als Ganzes zu sehen. Die Täter haben diese Lieder geschrieben. Bei R. Kelly oder Michael Jackson wurde viel zu lange weggeschaut. Über diese Künstler müssen wir als Straftäter sprechen.

Bei zweifelhaften Künstlern wie Nena oder untragbaren Musikern wie Naidoo geht es darum, was sie in der Gesellschaft mit ihren Aussagen anrichten. „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen.“ Diese Zeilen von Xavier Naidoo haben mir im Fußball-Sommer 2006 viel bedeutet. Seit seinen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik sind sie für mich unerträglich geworden. Ich finde: Es wäre dennoch ein Fehler, die Musik dieser Leute aus seinem eigenen Leben zu verbannen. Glückwunsch an jeden, der das kann. Ich kann es nicht! 

„Hört die Musik von R. Kelly, von Michael Jackson, von Xavier Naidoo.“

Ich bin einer der Fans, die zurückbleiben, wenn das Idol gefallen ist. Ich bin nicht alleine. Unter dem Social-Post zum Urteil von R. Kelly hat eine Frau geschrieben: „I believe I can fly’ war mein Hochzeitstanz.“ Es ist unmöglich, einen Song hinter sich zu lassen, der für die Liebe zu einem Menschen steht. 

Hört die Musik von R. Kelly, von Michael Jackson, von Xavier Naidoo. Der gefallene Künstler hat den Song zwar geschrieben. Aber der Moment, den ihr mit diesem Lied verbindet, gehört allein euch. Lasst euch die Erinnerungen nicht nehmen – und blendet nie aus, wer diesen Song geschrieben hat. Und welche Taten er verbrochen oder was er gesagt hat. Christoph Seidl

Die Fakten der Debatte

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Jonas Erbas ist Metal-Fan und schreibt seit Jahren über Musikthemen. Für IPPEN.MEDIA ist Jonas Erbas Experte für Rock-, Pop-, Metal- und Schlagergeschichten. © IPPEN.MEDIA

„In meiner Streaming-Liste haben Naidoo oder Nena nichts zu suchen“, sagt Online-Redakteur Jonas Erbas.

Xavier Naidoo, Nena, Michael Wendler – abgesehen von meinem Musikgeschmack: In meiner Streaming-Liste haben die nichts zu suchen. Schließlich tragen sie mit ihren verschwurbelten Aussagen dazu bei, dass die spürbar wachsende Verunsicherung und Spaltung innerhalb der Bevölkerung zunimmt. Kunst und Künstler lassen sich – das zeigt schon die Wortverwandtschaft – eben nicht voneinander trennen. Die verschwurbelten Aussagen des Künstlers schwingen für mich beim Hören der Kunst untrennbar immer mit.

Außerdem: Wer die Musik dieser Leute jedes Mal über Streaming konsumiert, unterstützt Naidoo und Co. sogar noch, da für jeden abgerufenen Stream ja Tantiemen für die Künstler abfallen. Das möchte ich auf keinen Fall unterstützen. 

Wer Richard Wagner hört, muss bedenken: Der Komponist war bekennender Antisemit.

Man kann eine Künstler-Biografie doch beim Hören seiner Kunst nicht ausblenden. Wer etwa eine Oper von Richard Wagner hört, muss auch immer bedenken, dass der Komponist bekennender Antisemit war. Nur, weil jemand etwas „Schönes“ erschaffen hat, erwirkt er damit nicht gleichzeitig das Recht, dass ihm verziehen wird – im Gegenteil: Ruhm ist auch stets mit Verantwortung verbunden. Wer sich dieser entzieht, zwingt seine Hörer damit zu einem verantwortungsvollen Verzicht.

Übrigens: Nicht Nena oder Xavier Naidoo waren unter den Kulturschaffenden die Leidtragenden der Corona-Pandemie. Sie haben als große Superstars längst ausgesorgt. Es sind diejenigen, deren Stimmen aufgrund eines geringeren Bekanntheitsgrads ungehört blieben und trotzdem wacker durchhielten. Höchste Zeit also, alten Hörgewohnheiten Lebewohl zu sagen und sich denen zuzuwenden, die sich nicht ihrer Status bemächtigen, um Ideologien durchzuringen. Jonas Erbas

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