Besuch aus der Westsahara

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Saad aus Esmara (Mitte) lebt drei Monate lang bei Familie García Úbeda in Villajoyosa. Foto: A. García

Altea – ste. Kindern Liebe und Geborgenheit schenken und ihnen eine neue Perspektive aufzeigen, das ist die Mission der Gastfamilien des Vereins Luali aus Altea. Jährlich werden um die zehn Kinder aus der Westsahara für zwei Monate in ganz Spanien aufgenommen, „je mehr Familien wir finden, desto mehr Kindern können wir auch eine Chance geben“, so der Vorsitzende der Organisation, José Suay.

Er selbst ist schon seit 15 Jahren Gastvater und hatte bereits vier Kinder zu Gast. Für ihn ist besonders der Empfang eines Neuankömmlings immer eine einzigartige Erfahrung. „Ein Junge hat mir erzählt, dass es sein größter Traum ist, einmal in einem Pool zu baden und den konnte ich ihm sofort am ersten Tag erfüllen, nachdem er sieben Jahre darauf gewartet hatte“, sagt Suay ergriffen. Eine große Verantwortung ist das: Mindestens für drei Jahre in Folge sollte sich eine Familie verpflichten, betont der begeisterte Austausch-Vater.

Die Westsahara ist seit 1963 von der UN als Territorium ohne legitime Staatsregierung anerkannt, was seitdem zu andauernden Konflikten zwischen den Bewohnern, den Saharauis, und zuerst den Spaniern und dann den Marokkanern führte. Mit Abzug der Spanier im Jahr 1975 – im Gegensatz zu den im 19. Jahrhundert unabhängig gewordenen Überseekolonien hielt sich die afrikanische Kolonie bis zum Ende des Franco-Regimes – marschierten marokkanische Truppen im Land ein und behindern bis zum heutigen Tag die Unabhängigkeit der Region, die aktuell in etwa 553.000 Einwohner zählt. Der zwölfjährige Saad aus Esmara in der Westsahara nimmt bereits zum dritten Mal an dem Projekt Vacaciones en paz (Ferien in Frieden) teil. María Ángeles García und ihr Mann Domingo Úbeda haben ihn für drei Monate bei sich im Landhaus bei Villajoyosa aufgenommen, mit dabei auch die beiden Söhne der Familie, Xavi und Gerard Úbeda.

„Bei der Ankunft war ich ziemlich nervös, aber danach habe ich mich direkt zu Hause gefühlt“, erzählt der Austauschsohn. Gemeinsam mit seinen Gastbrüdern hat er an unterschiedlichen Sommerveranstaltungen teilgenommen und ist auch in die Familienurlaube nach San Sebastián und Valencia mitgefahren.

Eine große Leidenschaft von Saad ist auch die Musik. Nach fast drei Monaten Spanien ist er mittlerweile großer Reggaeton-Fan. Im Garten der Familie steht aber auch eine afrikanische Trommel. „Ich habe allen beigebracht, wie wir in meiner Heimat darauf trommeln“, erklärt der musikalische Zwölfjährige mit leuchtenden Augen. Als Kompromiss haben sich Saad und seine Gastbrüder auf das Lied „Descapotables“ von Zouhair Bahaoui geeinigt, „quasi das arabische Despacito“, wie Gastmutter García sagt.

Doch eine Erfahrung hat den Jungen noch mehr beeindruckt als die Musik. „So einen starken Regen wie in der letzten Woche habe ich noch nie gesehen“, erzählt der junge Weltentdecker, der fließend Castellano und auch ein paar Worte Valenciano spricht. Neben dem kulturellen Austausch spielen auch die medizinischen Bedürfnisse der Austauschkinder eine große Rolle. Saad wurde von einem Zahnarzt, Augenarzt und Allgemeinarzt untersucht. „Diese Versorgung können wir in den Lagern nie und nimmer zur Verfügung stellen“, macht der Vereinsvorsitzende Suay klar. Er ärgert sich über Kritik, der Verein solle lieber in Afrika helfen, statt Kinder nach Spanien zu
holen. „Die aktuelle Flüchtlingsdebatte nehme ich als sehr unmenschlich wahr. Wir tun in der Westsahara und in Spanien unser Bestes, um Kindern eine Chance zu geben“, sagt der Aktivist enttäuscht. „Die Kinder haben so viel zu erzählen und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen als ihnen zu helfen.“

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