Die beste Erde der Welt

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Aus seinem Fenster sah der Marquis die Palmenlandschaft am Meer. Unten: Gemüse und Tonkrüge, Gaben der alicantinischen Erde. Fotos: Ángel García

Alicante – sw. „#lamillorterradelmon“ würde der Hashtag lauten, wenn Mariano Roca de Togores – vielleicht unter dem Nickname El_Marqués – im 21. Jahrhundert das obige Foto auf Instagram posten würde. Doch der Marquis von Molins, als den ihn Alicante kennt, machte das Motto „La millor terra del món“ – Die beste Erde der Welt – berühmt, indem er es 1848 mit einer Feder auf Papier schrieb. Heute findet man den Spruch in Stein gemeißelt wieder, ob auf der Plaza de la Montañeta oder der Burg Santa Barbara.
Die meisten Besucher überlegen nicht lange, wie die Worte zu verstehen sind. Ganz klar: Gemeint ist ein Ort voller Schönheit, mit Palmen, Playas und Meer, wo ein paradiesiescher Urlaub winkt. Etwa so verstand das Motto auch der Marqués, als er es im Brief an Manuel Bretón niederschrieb.
„Sepades, señor Bretón, que de Poniente a Levante es sin disputa Alicante la millor terra del món“, ließ der Marquis den Poeten wissen. „Sie wissen schon, Herr Bretón, dass von West bis Ost, ohne Zweifel Alicante die beste Erde der Welt ist.“
Mit Bretón verband Roca nicht nur Freundschaft, sondern auch eine poetische Rivalität. Analog zu heutigen Influencern sendeten sich die Autoren Briefe zu, in denen sie mit sprachlichen Künsteleien ihre jeweiligen Aufenthaltsorte priesen.
Der Slogan „beste Erde der Welt“ wird seither dem Marquis zugeschrieben – etwa in der 1902 von Juan Latorre Baeza gedichteten Hymne von Alicante. Aber wahrscheinlich ist der Spruch viel älter, und hatte in der Volkssprache einen völlig anderen Sinn. Als „la millor terreta del món“ sprach man über die Alicantiner Erde nämlich, um sie für ihre Fähigkeit im „escurar“ zu loben, womit im Valenciano nichts anderes, als das Schrubben in der Küche bezeichnet wird.
Nach altem Denken war die sehr tonhaltige und daher scheurige Erde aus Alicante dafür die beste. Das Putzen mit Erde kann man auf dem Land höchstens gelegentlich noch beim Scheuern der Paella-Pfanne sehen. Vor Jahrhunderten hatten Dörfer eine Lache, aus der sich jeder Erde zum Schrubben holte. Doch es gab auch Handel mit „terreta d’escurar“ Marke Alicante: Es handelte sich um ein Set aus einer Portion Erde und einem Strohwisch aus Espartogras.
Der Marquis jedoch war in Alicante kein Bauer, sondern Tourist. Und somit dem Land, das sich gerade einmal zum Industrialisieren anschickte weite Schritte voraus. Südlich der Stadt stand seine Ferienvilla in einer Hügellandschaft und bot einen prächtigen Ausblick.

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