Fastenzeit oder Zeit zu fasten

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Louisa Hessling fastet selbst zweimal im Jahr – Heilfasten mache sie aber nicht unbedingt zu einer besseren Christin, sagt sie. Fotos: Ángel García/pixabay

lh. Kein Wunder, dass man sich bei diesem Bild fragt, ob die christliche Fastenzeit nicht schon lange Geschichte ist: Zur Sonntagsmesse ist gerade mal ein Drittel der Bänke in Benissas Kirche besetzt. Es ist der fünfte und letzte Sonntag der Fastenzeit – Ostern steht kurz bevor. Ostern, das wichtigste Fest des Christentums, auf das man sich während der 40-tägigen Fastenzeit vorbereitet. Allerdings scheint sich kaum jemand in Benissa vorbereiten zu wollen. Oder in überhaupt irgendeiner katholischen Gemeinde Europas.
Dies sah vor einigen Jahrzehnten noch anders aus, als Religion im Leben der Menschen eine größere Rolle spielte, meint José Abellán Martínez, Pfarrer der katholischen Gemeinde Nuestra Señora del Consuelo aus Altea. Er spricht von einer Verweltlichung des alten Europas. Die Menschen gäben dem Glauben keinen Raum in ihrem Alltag mehr, so Abellán. Sie wendeten sich von der Religion ab. Und kehren vermutlich nicht kurz zurück, um die Gottesdienste während der Fastenzeit zu besuchen.

Zukunft für das Christentum
Bei den Gemeindemitgliedern, die in Benissa zur Messe gekommen sind, handelt es sich nicht um junge Eltern mit ihren Kindern, sondern um die Menschen, die schon vor einigen Jahrzehnten pflichtbewusst jeden Sonntag zur Kirche gingen. Und die in ihrem inzwischen fortgeschrittenen Alter nicht damit aufhören.
Abellán sieht allerdings durchaus eine Zukunft für das Christentum: Neue Gemeinden und Gruppen entstünden, die vielleicht in der Minderheit seien, doch ihren Glauben und die Fastenzeit wahrhaftig lebten. Es seien vor allem Menschen, die „sich von der Masse an Lügen und von der Leere abkehren, die der Materialismus der heutigen Welt mit sich bringt.“ Junge Menschen, die nicht zufrieden sind mit dem, was die Welt der sozialen Netzwerke als Antwort auf Daseinsfragen bietet.
In Benissa sitzen einige solcher jungen Menschen in der ersten Reihe. Sie begleiten den Gottesdienst musikalisch – mit Gitarre, schmissigen Rhythmen und Gesang. Abellán scheint Recht zu haben: Nicht alle lassen ihren Glauben angesichts der vorherrschenden Modernität in Europa hinter sich.
Klaus Eicher, deutscher Pfarrer des Tourismuspfarramtes in Dénia, erklärt, wie es in der evangelischen Kirche mit der Fastenzeit aussieht. Während für Katholiken die Teilnahme am Fasten verpflichtend ist, wird in der evangelischen Kirche dazu eingeladen, an dem Projekt „7 Wochen ohne“ teilzunehmen. Die Verpflichtung zur Teilnahme am Fasten in der römisch-katholischen Kirche geht auf das Sakrament der Buße zurück, welches in den protestantischen Kirchen nicht existiert. Es muss vor Ostern keine Buße getan werden, allerdings wird in der Passionszeit durchaus zu Besinnung und innerer Einkehr aufgerufen. Lange war es den Protestanten nicht geläufig, die Fastenzeit vor Ostern zu leben – schließlich gibt es keine Verpflichtung dazu. Vor etwa 35 Jahren entstand dann die Aktion „7 Wochen ohne“, die das Fasten vor Ostern wieder in den Vordergrund rückte.

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