Wo keiner Valenciano spricht

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Arabisch oder Englisch hört man auf Feldern oder in den Urbanisationen der Vega Baja ja recht oft – aber die zweite Amtssprache der Region? Fotos: Stefan Wieczorek

Orihuela – sw. Es waren einmal zwei benachbarte Dörfer an der spanischen Südostküste, Daya Nueva und Daya Vieja. Friedlich lebten sie nebeneinander das ländliche Leben der Vega Baja und sprachen miteinander den im Kreis typischen murcianisch klingenden Dialekt. Doch plötzlich waren sie sich total uneins: Es ging um die Unterrichtssprache ihrer Kinder. 2015 beschloss die damals neue PSOE-Compromís-Landesregierung, an staatlichen Schulen das Valenciano stärker zu fördern.
Das 2018 formulierte Dekret zu Plurilingüismo (Mehrsprachigkeit) erhöhte zunächst an Grundschulen die Präsenz der Regionalsprache und tritt 2020 an weiterführenden Schulen in Kraft. Auch in der Vega Baja, wo ihrem Ruf nach – Ausnahme Guardamar – niemand Valenciano im Alltag spricht, wo aber die Meinungen zum Dekret ganz unterschiedlich ausfallen.

Man muss nur Marzà sagen,…
Die Sprachdebatte reißt heute nicht nur die zwei Dayas auseinander, sondern den ganzen Kreis. Am 18. Januar zieht eine Großdemo gegen das Dekret durch Orihuela, organisiert von der Elterrnvereinigung Gabriel Miró, unterstützt von konservativ-liberalen Parteien. Mit dabei: Bürgermeisterin Teresa Martínez (C‘s) von Daya Nueva.
Nicht dabei: José Vicente Fernández, Daya Viejas Ortschef. Mit der Zugehörigkeit zum grün und valencianistisch geprägten Linksbündnis Compromís ist er nicht nur ein Paradiesvogel in der Vega Baja, sondern auch Parteikollege von Schulminister Vicent Marzà.
Marzà. Man muss nur den Namen nennen, um herauszufinden, wie ein Gesprächspartner in der Sprachendebatte denkt. Schüttelt er sich und läuft rot an, werden Sie ihn wohl auch am 18. Januar in der demonstrierenden Menge sehen.
Ein Beispiel: José Aix, in Orihuela Vizebürgermeister und Chef der liberalen C’s. In einem vielzitierten Artikel verglich er Marzà neulich mit Rainer Wenger, einer Figur aus dem deutschen Film „Die Welle“. Der Lehrer erschafft darin mit Schülern eine faschistoide Bewegung – ein Experiment, das völlig aus den Fugen gerät.
So stünde hinter Marzàs Politik auch eine autokratische Ideologie. Welche? Die nannte der nationale PP-Chef Pablo Casado vor zwei Wochen beim Besuch im Katastrophengebiet der Vega Baja beim Namen. Einen „Pankatalanismus“ wolle Valencia schaffen. Dem Land stünde ein Separatismus wie in Barcelona bevor. Die PP würde daher „alle rechtlichen Mittel“ dagegen unternehmen.

„Zuhören, Dialog, Flexibilität“
So überdreht die Vorwürfe klingen mögen – sie werden von einer breiten Masse gehört und ernstgenommen. Gerade dem Umfeld der öffentlich bezahlten, privat verwalteten Schulen (Concertados) ist Marzà, der sich gern als Anwalt der staatlichen und Kritiker der privaten Schulen gibt, spinnefeind.
Hier laufen die Netzwerke heiß, wenn mehr und weniger wahre Meldungen über Marzà als vermeintliche Beweise für die valencianistische Verschwörung hin- und hergeschickt werden. Selten sind moderatere Töne dabei, wie sie der konservative Bürgermeister von Callosa de Segura, Manuel Martínez (PP) Ende 2019 formulierte.
Durch „Zwang“ zum Valenciano schaffe Marzà selbst die Abneigung dagegen. Würde er Wahlfreiheit fördern, wäre die „Zuneigung“ zur Regionalsprache größer, sagte Martínez. Ähnlich äußerte sich zuletzt Orihuelas Ortschef Emilio Bascuñana (PP). Doch wie viel Zwang steckt im Plurilingüismo?
Gar keiner, sagt ein Architekt des Dekrets, Landesbildungssekretär Miquel Soler. Jede Schule könne doch das für sie beste Sprachprofil auswählen. Nach vier Jahren zeige eine Evaluation, ob alle wesentlichen Ziele erreicht seien. Wenn nicht, würde das Profil an der Schule erneut überdacht.
In einem Interview mit der Zeitung „Información“ beteuerte Soler, nicht zu wissen, was die PP und Co. am Plurilingüismo zu beanstanden hätten. „Es gibt keinen Grund dafür, das Gesetz zu ändern und auch nicht für Proteste.“ Das Dekret setze auf „Zuhören, Dialog und Flexibilität“, gerade was Schulen in Zonen mit sprachlichen Besonderheiten wie die Vega Baja angeht.
Doch halten Kritiker die vermeintliche Wahlfreiheit für einen Trick: Zwar biete Valencia mehrere Sprachmodelle an, sehe aber vor allem Förderungen für die Schulen vor, die sich für die Regionalsprache entscheiden. Um also etwa Lehrerfortbildungen zu erhalten, nähmen daher auch Schulen in Castellano-Gebieten zähneknirschend die Valenciano-Schiene.

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