José Ángel Boix sitzt in seiner Werkstatt in Agost, Spanien, an der Töpferscheibe.
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Als sei die Zeit stehengeblieben: José Ángel Boix in seiner Töpferwerkstatt in Agost.

Zwei Seelen aus Ton

Agost, das Töpferdorf an der Costa Blanca

  • vonAnne Götzinger
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Agost ist das Töpferdorf der Costa Blanca. Dass seine Geschichte und Tradition nicht verloren ging, ist nicht zuletzt einer deutschen Lehrerin zu verdanken. 

AgostGemeinde in Spanien
Höhe376m
Fläche66,46km²
Bevölkerung4.713 (2018)
ProvinzProvinz Alicante

Agost - Töpferdorf – das klingt nach weiß gekalkten Häuschen, kleinen Gässchen, schön gelegen, hübsch. „Aber wer nach Agost an der Costa Blanca kommt, wird erst einmal enttäuscht sein“, meint Toñi López Abril. Die Gemeindekoordinatorin für Kultur und Entwicklung macht keinen Hehl daraus, dass ihr Dorf neben vielen anderen in Spanien auf den ersten Blick eher unattraktiv ist. Ein Besuch lohne sich aber trotzdem. „Es ist nicht pittoresk, aber interessant“, verspricht López.

Denn praktisch alles in Agost dreht sich um ein Material und seine Verarbeitung: den Ton. Die Töpferei hat überall im Ort ihre Spuren hinterlassen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in insgesamt 40 Werkstätten Keramik hergestellt, vor allem Küchengeschirr, aber auch Ziegel und Backsteine. Zu Boomzeiten, also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, waren bisweilen um die 20 Töpfereien gleichzeitig in Betrieb.

Agost und das langsame Sterben des Töpfer-Handwerks: Tupper- verdrängt Tonware

Mit dem Siegeszug des Plastiks ab den 1950er Jahren beginnt auch in Agost das langsame Sterben des Töpferhandwerks. Heute existiert nur noch eine Handvoll Werkstätten im Ort. Vier von ihnen haben sich unter der Marke „Agost fet a mà“ (Handgemachtes Agost) zusammengeschlossen, um – statt sich Konkurrenz zu machen – das Töpferhandwerk am Leben zu erhalten. Und das teils auf ganz unterschiedliche Weise.

In der Werkstatt Severino Boix im Töpferdorf Agost scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Durch das staubige Fenster fällt das Licht auf einen rustikalen Arbeitsplatz und die Töpferscheibe, auf Spanisch torno genannt, an der José Ángel Boix wie mit Zauberhand in wenigen Sekunden aus einem Klumpen Lehm einen Krug wachsen lässt. „Die Form, die entstehen soll, musst du immer im Kopf haben“, verrät der Töpfermeister. Während sich der Krug auf der Scheibe dreht, fährt Boix’ Hand an der Innenseite entlang, von außen bringt der Töpfer ihn mit einem Stück halbierten Schilfrohr in die richtige Form. „Die Masse muss gleichmäßig verteilt werden und der Ton darf weder zu trocken noch zu nass sein“, gibt der 34-Jährige weitere Geheimnisse seiner Zauberkunst preis.

Mit einer an Holzstücken befestigten Gitarrensaite, die sonst eher Flamenco-Klänge hervorbringt, löst er das Tongut behutsam von der Scheibe und versetzt ihm mit einer hölzernen Spitze zwei Löcher. Bereits vorher hat Boix Ringe und Tüllen gefertigt, die er jetzt mit nasserem Ton, dem fang, auf den Krug klebt. Es ist die Geburt eines botijo, eines typisch spanischen Wasserkrugs mit Henkel und zwei Tüllen, aus dem in hohem Bogen getrunken wird. Er ist ohne Zweifel Agosts bekanntestes Steingut.

Töpferdorf Agost: Ein Krug als Schlüsselstück

„Der botijo ist mein Schlüsselstück, er macht 98 Prozent von dem aus, was ich produziere“, sagt José Ángel Boix, der die dritte Generation seiner Töpferfamilie darstellt. Das Geheimnis des Krugs bestehe darin, dass das Wasser im Innern wegen des porösen Tons lange frisch bleibe. „Der botijo muss schwitzen“, erklärt der Töpfer. „Dann bleibt der Inhalt selbst bei großer Hitze vier bis fünf Grad kühler als die Außentemperatur.“

Von klein auf steckten José Ángel Boix’ Hände im Lehm. Bereits mit zehn Jahren halfen er und sein Bruder dem Vater Severino Boix in der Töpferei in Agost. Heute ist die Werkstatt ein Ein-Mann-Betrieb, sein Bruder wurde lieber Lehrer. Das heißt, von der Vorbereitung der Tonmasse bis zum fertigen Produkt übernimmt José Ángel Boix alles selbst.

Agost an der Costa Blanca ist berühmt für seinen guten Lehm.

Im Hof der Werkstatt greift er in einen Berg Erde und holt ein paar Brocken heraus: Agosts berühmte weiße Erde, die Boix hauptsächlich für seine botijos verwendet. Sie wird zunächst ausgebreitet, damit sie gut trocknet. Die sogenannte coladora – ein Becken mit Rührwinde – mischt sie mit Wasser und siebt kleine Steine aus. Die entstandene, braune Flüssigkeit kommt dann in zwei niedrige Wasserbecken. „Der Lehm setzt sich ab, und das Wasser verdunstet“, sagt Boix. „Zurück bleibt der feuchte Ton.“ Der valencianische Ausdruck „Ves a pastar fang“ (wörtlich: „Geh‘ zum Tonkneten“) stamme übrigens aus der Zeit, als der Lehm in diesem Wasserbecken wie die Trauben bei der Weinlese mit den Füßen durchgeknetet wurde, und bedeute so viel wie „Scher’ dich zum Kuckuck“ oder auch „Rutsch mir den Buckel runter“.

Später wird dem Ton Salz zugesetzt. „Das sorgt dafür, dass er beim Brennen weiß wird und das Steingut später porös ist“, erklärt der Töpfermeister. Eine Art Fleischwolf für Ton knetet die Masse noch einmal durch und schneidet sie auf die gewünschte Länge.

Gebrannt werden die fertigen Stücke – etwa 500 Stück – heute in einem großen Gasofen. Doch bis vor etwa zehn Jahren füllte Boix mit seinem Vater auch noch den maurischen Ofen in Agost. Unter dessen Kuppel finden 3.000 Stücke Platz. „Für eine Ofenladung töpferten wir drei Monate lang, drei Tage lang wurde der Ofen dann wie ein Puzzle mit kleinen und großen Stücken befüllt“, erzählt Boix. Diese wurden 100 Stunden lang bei 940 bis 980 Grad gebrannt, das Feuer musste dabei ununterbrochen kontrolliert werden. Nach Ablauf der Zeit entnahmen die Töpfer aus einem Loch in der Kuppel ein Probestück. Es wurde zerschlagen und auf seinen Klang geprüft. „Ist Töpferware gut durchgebrannt, klingt sie wie eine Glocke“, erläutert der Meister.

Bis zu 3.000 Krüge passen in den „maurischen Ofen“, in dem José Ángel Boix und sein Vater das Tongut bis vor etwa zehn Jahren brannten.

So traditionell Boix’ Arbeitsweise und Produkte auch sind, er zeigt sich durchaus auch innovativ. So fertigt er nicht nur alle möglichen Varianten des botijo – von Wasserspendern für Tiere bis hin zu Plastikflaschen nachempfundenen dünnen Krügen für die Kühlschranktür – sondern gibt sein Wissen auch in Töpferkursen, vor allem an Kinder, weiter.

Ein paar Straßen in Agost weiter sitzt auch Roque Martínez an der Töpferscheibe, im Hintergrund läuft das Radio, und während seine Hände die tönernen Klumpen bearbeiten, hat auch er die Endform immer im Kopf. Doch das war es auch schon mit den Parallelen zu Boix.

In Martínez’ Werkstatt herrscht kreatives Chaos. Auf Regalen und dem Boden stapeln sich Hunderte von Farbtöpfen, stehen unzählige Plastikflaschen mit fragwürdigen Flüssigkeiten. Huey Lewis, Madonna, Sting und Radio Futura betrachten von der Wand aus das Durcheinander und dessen Meister. Während Boix’ massenweise botijos fertigt, sitzt Martínez stundenlang an einem einzigen Stück. Beim Kunsthandwerk Töpfern steht Boix für das Handwerk, und Martínez für die Kunst.

„Bei allem Respekt für die Arbeit von José Ángel, ich finde es besser, ein sehr spezielles Stück zu kreieren und es dann teurer zu verkaufen“, meint Roque Martínez. Ihm war schnell klar, dass für noch einen botijo-Töpfer in Agost erstens kein Markt da war, und zweitens diese immer gleiche Massenanfertigung ihn auch nicht erfüllen würde. Also setzte er auf die Keramik als Dekorationselement. Als Grundmaterial verarbeitet der Künstler dabei eine ganz besondere Tonmischung, die er aus Deutschland bezieht. „Da ich versuche, besondere Stücke zu machen, ist mir der Materialpreis egal“, erklärt er.

Innovation im Töpferdorf Agost: Roque Martínez fertigt moderne Keramik.

Auf der Suche nach immer neuen Formen, Fertigungsmethoden und Materialien, hat er sich inzwischen auf den Prozess des Pit Firing spezialisiert. Dabei wird das getöpferte und teils emaillierte Steingut in Materialien wie Stahlwolle oder Baumwolle eingewickelt und in Metallfässern gebrannt. Dabei dringt der Rauch in die Struktur des Stückes ein und erzeugt – auch abhängig von Temperatur, Wind und Feuchtigkeit – immer andere Muster und Effekte. Das Ergebnis sind ganz besondere Einzelstücke, die den Betrachter verwirren: Töpferkunst, die aussieht, als sei sie aus Marmor oder Metall angefertigt. „Wenn man die Tonnen aufmacht, ist immer ein Überraschungsfaktor mit dabei“, erzählt Martínez.

Agosts Töpferhandwerk bewahren: Deutsche Lehrerin mit Weitblick

Einen ähnlichen Überraschungseffekt werden auch Besucher des Töpfermuseums von Agost erleben, falls sie das Museo de la Alfarería in der Vergangenheit schon einmal besucht haben. Das Gebäude – ebenfalls eine ehemalige Töpferwerkstatt – wurde komplett restauriert, neu eingerichtet und im vergangenen Oktober neu eröffnet.

Agosts Töpfermuseum erzählt die Geschichte des Handwerks im Ort.

Auf drei Stockwerken erzählt es anschaulich die komplette Geschichte des Töpferhandwerks in Agost – und wem das Museum selbst zu verdanken ist: 1979 verliebte sich die deutsche Mathelehrerin Ilse Schütz auf einer Reise in das Töpferdorf und gründete zwei Jahre später das Museum. „Viele Utensilien, die im Zuge der damaligen Umstellung auf eine mechanische Herstellung sicher verloren gegangen wären, rettete sie für das Museum“, sagt dessen Leiter, Jesús Peidro, heute. „Sie war eine Visionärin“, meint auch Kulturkoordinatorin Toñi López. „So hat jemand von auswärts dem Handwerk einen Wert gegeben, den der Ort selbst nicht erkannt hat.“

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