Costa Blanca im November

Allerheiligen in Alicante: Spanien erlebt Corona-Halloween - Tote als Trending Topic

  • vonStefan Wieczorek
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In Spanien verhindert das Coronavirus an Halloween und Allerheiligen die gewohnten Feiern. Bringt der Notstand vergessene häusliche Bräuche zum Toten-Gedenken zurück? In Alicante zeigt sie ein Museum.

  • Statt Allerheiligen erlebt Spanien und Costa Blanca ein Coronavirus-“Halloween“ - ein tristes Toten-Fest.
  • In Alicante lernen wir Allerheiligen-Bräuche für Zuhause kennen: Feiern sie unter Corona ein Comeback?
  • Tote als Trending Topic: Ein Katholik, ein Protestant und ein Anthropologe über das Sterben.

Alicante - Unheimliche Tage der Toten erwarten Spanien und die Costa Blanca am Wochenende des 31. Oktober und 1. November. Statt des schaurigen Halloween oder des besinnlichen Allerheiligen und Allerseelen bestimmt das Coronavirus die Lage. Ganze spanische Regionen gehen im Notstand in Quarantäne. Ein Horror für Familien, die etwa Reisen am langen Wochenende - in Madrid ist Montag ein Feiertag, in Alicante nicht - geplant hatten. Oder auch für Menschen, die allein, körperlich schwach sind und nicht auf den Friedhof zu ihren Verstorbenen dürfen oder können. Die Pandemie hat in Spanien einiges angerichtet. Aber sie hat das Land innerlich vielleicht auch in besonderer Weise auf die Festtage der Toten vorbereitet.

AlicanteHauptstadt der Costa Blanca
Fläche: 201,3 km²
Bevölkerung: 1,863 Millionen (2019)
Tote in Zusammenhang mit Coronavirus:Über 600 seit Covid-19-Ausbruch

Allerheiligen in Alicante: In Spanien Corona-Halloween - Tod und Tote im Trend

Denn so intensiv wie unter Corona hat sich Spanien lange nicht mit dem Tod beschäftigt. Rund 200 Menschen am Tag starben in der Woche vor Halloween und Allerheiligen am Erreger Sars-CoV-2. Allein Alicante zählt 600 Tote seit Ausbruch der Pandemie, viele starben unter dramatischen Umständen, eingesperrt, alleingelassen im Altersheim. Das wühlt auf, mehr als die „normalen“ Toten-Zahlen - ob Grippe, Verkehrsunfall, Krebs oder Alter -, an die man schon längst gewohnt war. „Tja – den Tod, den möchte man am besten abschaffen,“ formulierte es Wolfgang-Peter Bethe, Prädikant der Evangelischen Gemeinde an der Costa Blanca, lange bevor die Pandemie begann. Heute ist aus dem Tabu Tod in Spanien ein „trending topic“ geworden, könnte man sagen.

In der Pandemie geht Spanien und Alicante den Tagen der Toten jedoch ganz anders als sonst entgegen. Gewöhnlich freuten sich Blumenverkäufer an Allerheiligen auf einen Massenandrang am Friedhof – nicht nur in kunsthistorisch bedeutenden Ruhestätten wie Alicante (siehe Video oben). Bewohner richteten sich auf reges Treiben und Treffen mit alten Bekannten beim Besuch der Verstorbenen. Jugendliche fieberten schrillen Halloween-Parties entgegen. Nun muss man Corona-Abstand halten, und nur das eigene Haus bleibt für das Begehen der Feiertage. Vielleicht die Chance für die Erneuerung alter Bräuche? Eine Menge Traditionen für das Toten-Gedenken hat Spanien parat, wie wir im Heimatmuseum Museo Pusol im Süden der Costa Blanca erfahren.

Allerheiligen in Alicante: Toten-Gedenken in Spanien - Fotos mit Kerzen und Blumen.

Alicante an Allerheiligen: Spanien voller Traditionen zu Toten-Gedenken

Im Dorf Pusol im Süden von Alicante steht das Museum, das eine Grundschule beherbergt, und alte Bräuche aus Spanien - etwa die zu Allerheiligen - mit den Kindern pflegt. Zu einem beleuchteten Tisch führt uns Museumsmanager José Aniorte. Auf dem Tisch, der wie ein Altar ausschaut, sehen wir Fotos, alte Schwarzweiß-Aufnahmen, offenbar von Verstorbenen, daneben kleine Gefäße mit Blumen und eines mit schwimmenden Kerzel auf Öl. „DIese Widmung nennt man hornacina (Nische)“, sagt Aniorte. „Auf den Bildern sehen wir Verwandte der Familien aus der Umgebung. Dieser Toten wird damit gedacht. So etwas stand um Allerheiligen einst in vielen Häusern an der Costa Blanca, gibt es aber durchaus noch heute.“

„Das Toten-Gedenken ist eine Erinnerung, die lebt. Sie lehrt uns Dankbarkeit, schützt vor Fehlern, und kann Versöhnung stiften.“ 

Ramón Egío, Dekan der Konkathedrale von Alicante.

Nicht nur Duft und Optik der häuslichen Allerheiligen-Traditionen stimmen Spanien auf die Tage der Verstorbenen ein - auch eine gehörige Dosis Geschmack. Süß und deftig werden etwa an der Costa Blanca zum 1. November die Speisen, mit Windbeuteln (buñuelos de viento), Röllchen aus Marzipan (huesos de santo, „Knochen des Heiligen“) und dem sirupgetränkten Mehlbrei gachas con arrope. Was hat es mit all diesen Leckerbissen an diesem doch traurig-schaurigen Toten-Gedenken auf sich. „Die Speisen zeigen: Der Tod, eigentlich angsteinflößend, hat auch eine süße Seite“, erklärt uns Anthropologe Miguel Rivera von der Universität Complutense von Madrid. „Diese Einsicht liegt auch dem sehr süßen und bunten Totenfest im Mexiko zugrunde.“

Alicante an Allerheiligen: Von Toten und Heiligen - in Spanien boomt aber Halloween

Eine süße Seite des Todes? Ramón Egío, Dekan der Konkathedrale von Alicante, schaut an Allerheiligen sogar mit Freude zum Himmel. „Am 1. November - am Fest Todos los Santos - danken wir für die Menschen, die dort angelangt sind.“ Die „Santos“, das seien nicht nur die „offiziellen“ Kalender-Heiligen, sondern auch „anonyme Heilige“: Menschen des Alltags, die in Barmherzigkeit, Frieden und Gerechtigkeit gelebt hätten, erklärt der Katholik. Und Allerseelen am 2. November - Día de los difuntos? „Den Tag widmen wir Mitmenschen, die uns brauchen“, so Egío. Die Kirche glaube, das Gebet verhelfe Verstorbenen zur Erlösung, und feiere am 2. November daher eine Vielzahl von Messen: „Damit alle Gelegenheit haben, für ihre bedürftigen Toten zu beten.“

Evangelische Gläubige kennen diese Fürsprache für Verstorbene nicht. An der Costa Blanca widmet die deutsche Gemeinde in der Regel erst am Totensonntag Ende November einen Tag den Verstorbenen des Jahres. Gedacht wird an diesem „evangelischen Allerheiligen“ der Toten aus der Gemeinde oder auch Angehörigen, für die um eine Trauerfeier gebeten wurde. Am 31. Oktober würden die Protestanten dagegen in aller Ruhe den Reformationstag feiern - wenn da nicht ein anderes Fest der Toten wäre, das auch in Spanien gewaltig boomt: Halloween - das verrückte Spukfest mit Kürbisköpfen und Hexenkostümen. Die wilde Party entstamme eigentlich religiösen Traditionen, erklärt Prädikant Bethe, sei mittlerweile aber nur noch „ein lauter Klamauk“.

Halloween: Abend vor Allerheiligen - „Viele sterben in Ruhe und Frieden“

Was hat Halloween mit den religiösen Toten-Gedenken zu tun? Papst Gregor IV. legte im 9. Jahrhundert Allerheiligen auf den 1. November, den Tag nach dem keltischen Totenfest Samhain. Ob ihm dies bewusst war oder nicht, ist nicht ganz geklärt. Jedenfalls ist der heutige Name „Halloween“ die Kurzform von „All Hallows‘ Eve“ – Abend vor Allerheiligen. Für den Anthropologen Rivera macht generell die Terminierung der Verstorbenen-Gedenktage mitten im Herbst Sinn: „Der Mensch identifiziert den Einbruch des Winters, das Sterben in der Natur, mit dem eigenen Sterben“, erklärt der Kulturexperte. Die geschilderte Wahrnehmung sei selbst der heute stark säkularisierten Gesellschaft von heute nicht fremd.

„Unsere Toten zu ignorieren bedeutet uns selbst zu ignorieren“, mahnt der katholische Pfarrer Egío aus Alicante. Ihr Gedenken an Allerheiligen und Allerseelen sei allerdings kein trauriges oder angstvolles Sich-Erinnern an Vergangenes. „Sondern es ist eine Erinnerung, die lebt, uns Dankbarkeit lehrt, vor Fehlern schützt, und Versöhnung stiften kann.“ Auch der protestantische Prädikant Bethe zeichnet ein freundliches Bild vom Sterben: „Viele verbinden mit dem Tod Schmerzen und Leid. Aber ich habe viele Sterbende angetroffen, die in Ruhe und Frieden mit sich und der Welt entschlafen sind.“

Alicante an Allerheiligen: Friedhof der „anonymen Heiligen“ und „Menschen, die uns brauchen“.

Das Toten-Gedenken in Spanien hat eine lange Tradition. An den tiefen Respekt für Verstorbene im Laufe der Geschichte, ob unter Mauren, Goten, Römern und Iberern, erinnern gerade an der Costa Blanca viele Ausgrabungen von alten Grabanlagen. Auch alte Kulturen, die selbst längst verstorben sind, könnten unserer Gesellschaft - gerade an Allerheiligen - durchaus als Vorbild dienen, meint Anthropologe Rivera aus Madrid. „Wenn Sie mich fragen, ob die Art und Weise, mit den Toten umzugehen, ein Kennzeichen von Zivilisation ist, dann sage ich: Ja, sie ist es.“

Rubriklistenbild: © Ángel García

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