Spanien schaut nach Libanon

Alicante nach Hafen-Explosion in Beirut: Stoppen Ökologen Treibstofflager?

  • vonStefan Wieczorek
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Nach der Katastrophe in Beirut regt sich in Alicante Widerstand gegen das entstehende Treibstofflager im Hafen, nur einen Kilometer von der Stadt entfernt.

  • Nach der Explosion im Hafen in Beirut befürchtet Alicante eine Katastrophe wegen des neuen Treibstofflagers.
  • In Alicante sind Wohnhäuser nur einen Kilometer vom Hafen weg, eine Explosion im Hafen wäre verheerend.
  • Führt die Katastrophe in Beirut zum Umdenken in Alicante? Ökologen machen Druck auf Landeschef.

Alicante - Mindestens 135 Tote, tausende Verletzte. Auch Spanien blickt bestürzt Richtung Libanon, wo in Beirut eine Explosion im Hafen für eine gewaltige Katastrophe sorgte. Mit mulmigen Gefühlen verfolgt die Costa Blanca die Nachrichten zur verheerenden Explosion. Denn auch der Hafen Alicante liegt nahe an der Stadt und Wohnsiedlungen. Und ausgerechnet jetzt steht hier im Industriehafen der Bau eines Treibstofflagers an. 2019 wurde bekannt, dass das Projekt fortschreitet. Ökologen warnen längst vor Umweltverschmutzung, Gefahr für die Gesundheit, aber auch vor einer möglichen Explosion.

AlicanteHauptstadt der Costa Blanca
Bevölkerung1,863 Millionen
Oberfläche201,3 km²
BürgermeisterLuis Barcala (PP)

Alicante wie Beirut? Ökologen warnen nach Hafen-Katastrophe vor Explosion im Treibstofflager

Im Hafen von Alicante soll das neue Treibstofflager auf Mole 19 zunächst 100.000 Tonnen, dann bis zu 700.000 Tonnen Benzin fassen. Es sei ein „unverantwortliches Projekt der Hafenverwaltung“, mahnt die Plattform Por un Puerto Sostenible (PPS, „Für einen nachhaltigen Hafen“). Die Ökologen betonen, dass - ähnlich wie in Beirut - Wohnviertel wie Benalúa oder San Gabriel nur einen Kilometer und die Innenstadt von Alicante nur 1,5 Kilometer vom Industriehafen entfernt sei. Eine Explosion sei keinesfalls nur durch Fahrlässigkeit, sondern auch durch Erdbeben, Unwetter oder terroristische Anschläge möglich.

Alicante wie Beirut? Wohnhäuser am Hafen, wo Treibstofflager entsteht.

Im Hafen von Alicante befindet sich laut Ökologen bereits auf Mole 17 - nur hundert Meter vom geplanten Treibstofflager entfernt - eine Asphalt-Fabrik, die mit verschiedenen Erdöl-Derivaten arbeite und ständig Schweröl und Diesel verbrenne. Daneben verwende eine Düngemittel-Fabrik verschiedene brennbare Stoffe, darunter Ammoniumnitrat, das in Beirut für die gewaltige Explosion gesorgt haben soll. Jeder noch so kleine Zwischenfall könne auch im Hafen von Alicante für einen folgenschweren Domino-Effekt und eine Katastrophe sorgen, befürchten die Ökologen von PPS.

Alicante dachte nach Beirut-Explosion sofort ans geplante Treibstofflager im Hafen

Nach der Katastrophe in Beirut erinnerten sich Bürger aus Alicante sofort an die geplanten Tanks im Hafen (siehe Tweet unten). Ende 2019 hatten dagegen 60 Kollektive, insgesamt 2.000 Menschen, am Rathaus protestiert. „Es ist unverantwortbar, in vorderster Linie der Küste einer Stadt so einen gefährlichen Komplex zu bauen, das hat Beirut gezeigt, aber in den letzten Jahren auch Unfälle, die weniger beachtet wurden“, so PPS. Ökologen fordern von Landeschef Ximo Puig und Spaniens Bauminister José Luis Ábalos (beide PSOE) eine „sofortige Annulierung“ der Autorisierung des Treibstofflagers für die Hafenverwaltung.

Die Absicht des Hafens von Alicante, ein Terminal zum Lagern von Benzin zu bauen, ist altbekannt. Seit 1995 verhinderte dies ein Protokoll, das aber 2015 mit einem neuen Gesetz die Wirkung verlor. Das Rathaus Alicante verschlief diese Entwicklung oder schaute bewusst weg. Die Hafenverwaltung reagierte umgehend und erlaubte dem Konzessionär Terminal Marítimas del Sureste (TMS) eine Parzelle für den Betrieb eines solchen Treibstofflagers zu vermieten. Die nötige Änderung der Konzession trat im Juli 2019 im Kraft: Die Firma XC Business 90 SL würde 14.500 Quadratmeter erhalten – 700 Meter vor der Grundschule Benalúa.

Beirut aus der Luft: Stark zerstört sind viele Gebäude nach der Explosion im Hafen.

Alicante: Stadt gab Hafen positives Umweltgutachten - niemand dachte an Explosion wie in Beirut

Die Meldung, dass das Treibstofflager im Hafen von Alicante entstehen würde, war eine eiskalte Dusche für die Anwohner, die schon dachten, dass sich alles zum Guten wenden würde. Denn 2018, als der Plan bekannt geworden war, liefen nicht nur ökologische Linksparteien Sturm, sondern auch der konservative Bürgermeister Luis Barcala (PP) und der sozialistische Landeschef Ximo Puig (PSOE). „Wenn Alicante keine Treibstoffcontainer im Hafen will, wird es sie nicht geben“, versprach Puig 2018. Im Sommer 2019 aber gab der Hafen bekannt, am Plan mit dem Treibstofflager festzuhalten.

Zunächst sollen im Hafen Alicante sechs 26 Meter hohe Behälter 111.000 Kubikmeter Brennstoff pro Jahr lagern. Einen entsprechenden Bescheid erhielt die Stadt vom Rechtsvertreter des Staates. Die Hafenverwaltung versichert, die Anfrage von TMS sei rechtens, alle Einwände des Rathauses wurden abgelehnt. Das Rathaus Alicante selbst habe dem Hafen im Juli 2016 ein positives Umweltgutachten für das geplante Treibstofflager ausgestellt. Damals aber noch dachte so gut wie niemand an die Risiken und ein mögliches Szenario wie die Katastrophe in Beirut.

Explosion in Beirut, Umdenken in Alicante? Im Hafen gäbe es Alternativen zu Treibstofflager

Nach der Explosion im Hafen von Beirut aber wissen auch die Letzten in Alicante Bescheid. Kann der Bau des Treibstofflagers vielleicht doch noch gestoppt werden? Bürgermeister Barcala hatte zuletzt angekündigt, über die Rechtsabteilung der Stadt zu prüfen, ob der Plan nicht doch gegen den Flächennutzungsplan verstoße. Der juristische Kampf scheint jedoch aus Sicht der Bürger verloren. Wahrscheinlicher scheint die Lösung, mit dem Konzessionär eine andere Nutzung der Parzelle auszuhandeln. Lässt sich das Unternehmen nach der Katastrophe im Libanon jetzt eher zum Sinneswandel überreden?

Hafen Alicante, wie in Beirut sehr nah an der Stadt: Luftbild von 2017.

Alternativen für ein Treibstofflager im Hafen von Alicante wären da. Darauf pochen nicht erst seit der Katastrophe in Beirut die Ökologen von der „Plattform für einen nachhaltigen Hafen“. Doch laut Bürgermeister Barcala hat auch die Stadt Optionen parat, die moderner Stadtentwicklung besser entsprechen als tonnenschwere Benzintanks. Die lesen sich im Zeitalter von E-Technology für viele sowieso wie ein Plan von 1995 oder früher. Damals waren sich in Alicante der Industriehafen und die Wohnsiedlungen allerdings auch längst noch nicht so nahegekommen, wie sie es heute - im Jahr der Explosion in Beirut - sind.

Rubriklistenbild: © Ángel García

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