Jugendliche in Schule in Spanien sprechen ins Mikrofon.
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Deutsche in Alicante: Junge Reporter fragen Besucher aus Europa und Welt im Schulradio.

Schule an Costa Blanca

Deutsche in Alicante: Junge Reporter fragen Auswanderer in Spanien

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Wie ist es als Auswanderer aus Deutschland in Spanien? Das fragt das Radio des IES Las Lomas, einer Schule mit vielen jungen Migranten in Alicante. Spannend wird das Gespräch, als ein bestimmtes Thema zur Sprache kommt. Ein Beitrag zum Europatag am 9. Mai.

Alicante – Sonst ist man als deutscher Redakteur in Spanien ja selbst für Interviews zuständig. Heute ist es umgekehrt. Die weiterführende Schule IES Las Lomas aus Alicante hat mich als Gast in ihre Radiosendung eingeladen. „Viatjant pel Món“ (Durch die Welt reisend) heißt die Reihe, in der die jungen Reporter Auswanderer aus anderen Ländern interviewen, die an der Costa Blanca heimisch geworden sind. Ein sehr aktuelles Thema nicht zuletzt zum Europatag am 9. Mai also. Diesmal soll es unter anderem um Deutsche in Spanien gehen. Also um Migranten wie mich.

AlicanteStadt in Spanien
Fläche: 201,3 km²
Bevölkerung: 331.577 (2018)

Deutsche in Alicante: Junge Reporter fragen Auswanderer - Schulradio mit Medienpreis

Nervös sitze ich, der deutsche Gast, am Mikrofon. Um mich herum lauter neugierige Gesichter. Ein bunter Mix der Kulturen ist die 3. Sekundarstufenklasse der Schule in Alicante, die mit Lehrerin Palmira de Francisco das Programm vorbereitet hat. Viele der jungen Reporter sind selbst Auswanderer. Ihre Familien stammen aus Nordafrika oder Südamerika. Eigentlich sollten im Schulradio diesmal Deutschland und Brasilien vorgestellt werden, aber der südamerikanische Gast ist verhindert. Oje, das geht ja gut los. Doch die jungen Reporter und ihre Lehrerinnen nehmen den Umstand professionell hin.

Alle auf ihre Plätze. Gleich geht es los. Routiniert laufen die Vorgänge ab. Seit 2019 ist das Schulradio auf Sendung, bekam zuletzt für die Reihe „Testimonis di Pau“ (Zeugnisse des Friedens) den nationalen Medienpreis Gonzalo Estefanía. Das Thema damals: Migration als Flucht vor Gewalt. Befragt wurden in Alicante betroffene Migranten aus mehreren Ländern der Welt, die etwa vor mörderischen Guerillas entkommen mussten. Ob brisant oder eher fröhlich – ganz verschiedener Bereiche nehmen sich die jungen Reporter aus Alicante an.

Alicante: Junge Reporter fragen Auswanderer - Förderung durch Medienarbeit

Das Schulradio aus Alicante ist kein bloßer Zeitvertreib. Es hat eine wissenschaftliche Grundlage, die Projektleiterin Esther Pérez in einer Doktorarbeit erörtert. Die Schule steht in Juan XXIII, einem Viertel der sozial Schwachen und vieler Migranten aus aller Welt. Viele Jugendliche hören daheim nur Arabisch, Russisch, Quichua. Gezielt läuft das Radio daher neben Spanisch auch auf Valenciano und Englisch. Denn Medienarbeit dieser Art ist in Europa und auf der Welt als Mittel zur Förderung im Kommen – etwa in EU-Bildungsprogrammen für Krisenzonen, erklärt uns Projektleiterin Pérez.

Das Schulradio sei ideal, um kritisches Denken oder Werte der Toleranz zu vermitteln, fügt Direktor Antonio Cutillas an. Nun sitzt er am Computer als technischer Leiter. Die Lehrerinnen geben das Zeichen. Wir sind auf Sendung.

Die Musik erklingt. Zaira und Nihal eröffnen, Yousra führt ins Thema ein. Oh, nein, denke ich. Die sprechen ja Valenciano. Darauf hatte ich mich nicht vorbereitet. Doch zum Glück: Vor meinem Einsatz wechselt man ins Castellano. Die Fragerunde läuft. Nihal, Yerai oder Moha wollen vom Leben der deutschen Auswanderer in Spanien erfahren, von Bräuchen, Geschmäckern aus Deutschland oder von unserer deutschen Zeitung, den Costa Blanca Nachrichten. Einige heikle Fragen fallen auch, etwa danach, wie ich bestimmte Dinge in Spanien bewerte.

Schulradio in Alicante: Junge Reporter aus aller Welt stellen Fragen über Deutschland

Alicante: Deutscher trifft junge Reporter - Ein unsichtbares Band entsteht

Aber das Interview im Schulradio in Alicante macht Spaß und wird zum Ende hin sogar emotional. Denn auf einmal kommt mein früherer Migrationshintergrund heraus: In einer Antwort erwähne ich, dass ich mit vier Jahren aus Polen nach Deutschland zog. Und dort so das Leben als junger Auswanderer kennenlernte. Wie das war, fragen die jungen Reporter aus Marokko, Paraguay und Co. Nicht so leicht, sage ich.

Ich hatte Vorurteile, aber die Deutschen auch. Heimlich litt ich etwa als junger Migrant in Deutschland an ihrer Überheblichkeit gegenüber meines Heimatlandes. An ihren Witzen über Polen, die Autos klauen (Ich klaute nie eins.) Auch erzähle ich den jungen Reportern, wie ich mich oft selbst verschloss und Rollen spielte, um Komplexe zu überdecken. Komplexe eines Kindes, das nirgendwo richtig verwurzelt war. Doch heute sitze ich da, als glücklicher Gast der Radiosendung über deutsche Auswanderer in Spanien.

Nickende Köpfe. Gespitzte Ohren. Die jungen Reporter hängen an meinen Lippen. Nun kommen auch spontane Wortmeldungen, abseits von den Fragen auf dem Blatt. Yousra, die selbst einige Zeit in Frankfurt lebte, fragt, ob ich Tipps habe, für Jugendliche aus Migranten-Familien wie sie. Oder, als was ich mich heute fühle. Auch am Ende der Sendung geht es bei ausgeschaltetem Mikrofon weiter. Noch Stunden könnten wir so weiterplaudern.

Aber der Stundenplan macht da nicht mit. Klopfende Herzen haben wir am Ende alle. Wir verabschieden uns. Doch das unsichtbare Band – oder Radio-Signal –, das uns verbunden hat, bleibt auf Sendung.

Deutsche in Alicante: Mit jungen Reportern und Lehrerinnen nach der Radiosendung

Die Ausgabe über Deutsche in Spanien sowie weitere Sendungen des Schulradios sind auf der Webseite der Schule IES Las Lomas aus Alicante zu finden. Ihnen gefallen besondere schulische Förderprojekte? Dann lesen Sie auf unseren Seiten auch über die Schule an der Costa Blanca, die Kinder im Brennpunktviertel für Schach begeistert.

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