Ein paar mit Masken geht auf der Explanada in Alicante spazieren.
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Alicantes Flaniermeile Explanada ist in Corona-Zeiten deutlich lichter besucht als sonst.

Stadtgeschichte(n) Alicante

Alicantes Explanada: Flaniermeile, gepflastert mit Marmor und Erinnerung

  • vonMarco Schicker
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Für die Touristen in Alicante ist die Explanada die Flaniermeile unter Palmen, für Einheimische die Lebenslinie ihrer Stadt.

Alicante - Im Oktober 2020 startete der zweite Teil der Erneuerung von Alicantes Prachtboulevard, der Explanada. Was wie eine Routineaktion klingt, die Ausbesserung des Pflasters, die Modernisierung der Beleuchtung, Ausbesserung von Bänken und Grünanlangen, die Anbringung einiger Sonnensegel und die Umgruppierung von Lokalterrassen für zusammen 1,2 Millionen Euro, ist für die Einheimischen eine heikle, misstrauisch beäugte Maßnahme an ihrer geliebten Flaniermeile.

AlicanteStadt in Spanien
Fläche201,3 km²
Höhe3m
Einwohner334.887 (Stand 2019)
BürgermeisterLuis Barcala

Alicantes Rue de Galoppe: Rückschau auf Klappstühlen

Denn die Explanada ist seit über 100 Jahren ihre Flaniermeile, die Rue de Galoppe Alicantes, gepflastert nicht nur mit 6,5 Millionen Marmorsteinchen aus den umliegenden Steinbrüchen in einem psychedelischen Wellenmuster, sondern vollgepflastert auch mit Lebenserinnerungen.

Alicantes Explanada am Anfang des 20. Jahrhunderts. Rechts das Kaffeehaus Schweiz.

Viele ältere Alicantiner, die heute in kleinen Gruppen auf den hölzernen Klappstühlen, die ein städtischer Klappstuhlbeauftragter morgens auf- und abends wieder zuklappt, scherzen oder allein vor sich hin sinnieren, denken nicht nur an die vielen Fiestas und Konzerte zurück, die hier in der Palmen-Allee und ihrer Konzertmuschel, der „Concha“, stattfanden.

Sie schwelgen auch in lieblichen Erinnerungen von den Tagen, als sie das erste Mal aus der ärmlichen Vorstadt kommend, Händchen haltend im Sonntagsstaat am - damals - eleganten Casino in Alicante, den weltläufigen Kaffeehäusern – Gott hab sie selig –, der prächtigen Casa Carbonell oder den feinen Hotels vorbeispazierten, ein Horchata-Granizado genossen und dabei vielleicht Esteban Pérez Salgado begegneten.

Dem kleinen Männchen, das alle nur als „Caruso de Alicante“ kannten und verspotteten, wenn er mit den vielen Orden auf der viel zu großen Jacke ungefragt Arien für ein Trinkgeld schmetterte. Später kamen sie mit den Kindern zu den Osterprozessionen und Volksfesten am alten Karussell zurück zur Explanada, noch ältere erzählten dann, wie es war, als damals Alicantes Markthalle Mercado Central noch mitten am Beginn der wohl bekanntesten Flaniermeile der Costa Blanca installiert war.

Oster-Prozession auf der Explanada von Alicante, der Lebenslinie der Stadt.

Dass die Flaniermeile überhaupt entstand, verdankt Alicante der Erweiterung des Hafens in Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Boulevard liegt direkt über der früheren Anlegemole der Fischer-, Salz- und Marmorboote. Nahezu vergessen ist heute, dass die Explanada einst als Paseo de Mártires de la Libertad eingeweiht wurde, in Erinnerung an die Märtyrer eines kurzen liberalen Frühlings im neoabsolutistischen Spanien von 1844.

Alicantes Explanada: Märtyrer und Touristen

1907 entstand am Beginn der Explanada in Alicante ein prächtiges Denkmal für die sieben damals hingerichteten Freiheitskämpfer, 1939 zerstörten es Francos Truppen, benannten die Flaniermeile in Explanada de España um und sorgten für viele Märtyrer mehr...

Auf seiner Explanada entwickelt Alicante bis heute das mondäne Flair einer Hafenstadt, das vielleicht etwas mehr verspricht als die Gassen dahinter halten können, wo lange der Ruch der Hafenspelunken waberte und heute – oder war es nur bis gestern – die Spanien-Touristen im Akkord abgespeist werden.

Alicantes Explanada als Bühne für Spektakel. Das ist sie schon seit über 100 Jahren.

Der Boulevard wird von Alicantes Besuchern meist nur durchlaufen, Nippes an den Kiosken gekauft, Pantomimen und Straßenmusiker spielen um ihr Leben, Bettler hoffen auf Almosen, NGOs bitten zur Petition gegen Tierleid, daneben gibt es das Chuletón im Angebot.

Für die Einheimischen aber ist der Paseo ihre persönliche Zeitleiste, eine steinerne Lebenslinie von Alicante. Auf ihren Klappstühlen zwischen den tropischen Gewächsen haben sie sich für das allabendliche Kränzchen wieder hübsch zurechtgemacht und beäugen, selbst zum Inventar geworden, misstrauisch die Baumaßnahmen der Stadt an ihrer Explanada, als würde man an sie selbst Hand anlegen.

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