Einschussspuren aus dem Bürgerkrieg am Zaun des Interpretationszentrums über Alicantes Luftschutzbunker
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Einschussspuren aus dem Bürgerkrieg sind noch heute am Zaun des Interpretationszentrums über Alicantes Luftschutzbunker zu sehen.

Alicantes Trauma

Attacke auf Alicantes Herz: Vor 82 Jahren erlebte die Stadt das Bombardement auf ihre Markthalle

  • vonMelanie Strauß
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Vor genau 82 Jahren erlebte Alicante den schlimmsten Tag seiner Geschichte: Am 25. Mai 1938 bombardierten italienische Flugzeuge die mit Menschen gefüllte Markthalle. Mindestens 300 Menschen starben.

  • Alicante war letzte republikanischen Bastion im Spanischen Bürgerkrieg.
  • Francisco Francos italienische Verbündete flogen den Angriff.
  • Warum die Sirenen nicht rechtzeitig ansprangen, ist bis heute ein Rätsel.

Alicante - Auf dem Platz hinter Alicantes Mercado Central ist in Coronavirus-Zeiten weniger los als sonst. Normalerweise herrscht hier geschäftiges Treiben. Kunden und Lieferanten ziehen ihre Einkaufstrolleys hinter sich her oder schieben die gelieferten Kisten mit Gemüse, Fisch oder Fleisch über die Plaza. Die Metallplatte, die unweit des Markthalleneingangs auf der Rückseite des Gebäudes in den Boden eingelassen ist, und über die Füße und Trolleyräder hinwegeilen, beachtet kaum jemand.

Kein Wunder, sagt Miguel Ángel Pérez Oca. Die Plakette, die an den wohl verheerendsten Bombenangriff des Spanischen Bürgerkriegs erinnert, sei ja kaum zu sehen. Der Schriftsteller und Hobbyhistoriker hat in seinem Buch „25 de Mayo. La tragedia olvidada“ (25. Mai. Die vergessene Tragödie) den schlimmsten Tag in der jüngeren Geschichte der Provinzhauptstadt dokumentiert.

Jeden Mittag leuchtet an der Gedenktafel hinter dem Markt für jedes der gut 300 Opfer ein Licht auf.

Am 25. Mai 1938, vor genau 82 Jahren, warfen um 11.10 Uhr neun italienische Flugzeuge des Typs Sparviero 79 genau 90 Bomben über der Stadt ab. Die meisten Todesopfer waren auf dem Obst- und Gemüsemarkt neben Alicantes heutiger Markthalle zu beklagen. „An jenem Tag gab es frische Artischocken aus der Vega Baja und Sardinen. Der Markt war voll mit hungrigen Menschen“, erklärt Pérez.

Bombardement auf Alicante: Letzte republikanische Bastion

Vornehmlich Kinder, Hausfrauen und ältere Señores drängen sich an jenem sonnigen Maitag 1938 um die Stände, als die italienischen Flieger ohne Vorwarnung über der Stadt auftauchen und mit ihren Bomben eine Schneise der Verwüstung vom Hafen bis hinter den Mercado Central ziehen. Zwei Projektile schlagen unweit der Markthalle ein. Mindestens 300 Menschen sterben. Die Sirenen, die die Einwohner Alicantes, der letzten republikanischen Bastion, vor Francos faschistischen Verbündeten warnen sollen, tun es an diesem Tag nicht. Warum, darüber wird in Alicante noch immer spekuliert.

„An jenem Tag gab es frische Artischocken aus der Vega Baja und Sardinen. Der Markt war voll mit hungrigen Menschen“

Miguel Ángel Pérez Oca, Schriftsteller

Ein fataler Irrtum

Miguel Ángel Pérez glaubt, bei den Recherchen für sein Buch eine mögliche Erklärung für den tragischen Ausfall des Warnsystems gefunden zu haben: „Ich sprach vor einigen Jahren mit einem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen, der damals 13 oder 14 Jahre alt war. Er erzählte mir, er habe, kurz bevor die italienischen Bomber am Himmel auftauchten, eine Passagiermaschine der französischen Fluggesellschaft Air France über Alicante fliegen sehen.“

Offenbar ordneten die Beobachter, die die Fluggeräusche am Himmel registrierten, die kurz darauf zu hörenden Motorengeräusche der italienischen Kriegsmaschinen dem französischen Zivilflugzeug zu. Eine mögliche Erklärung, warum die Sirenen erst dann heulten, als bereits die ersten Bomben fielen.

Am 29. Mai 1938 – vier Tage nach der furchtbaren Attacke auf Alicante – schreibt die sozialistische spanische Tageszeitung „Avance“, die die Zahl der Opfer auf rund 250 schätzt: „Das Bombardement auf Alicante ist das schrecklichste und abstoßendste, was wir bislang im Krieg erlebt haben.“ Ähnlich wie im baskischen Guernica, wo am 26. Juni 1937 bei einer Attacke der deutschen Legion Condor mindestens 120 Menschen starben, war Alicante an jenem 25. Mai 1938 wohl auch Versuchsschauplatz für die italienischen Bomber. „Erst kürzlich habe ich erfahren, dass vor kurzem einer der italienischen Piloten im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Er war bis zuletzt als General tätig. Unfassbar, dass diese Leute ungestraft davongekommen sind“, sagt Pérez.

Alicantes Trauma mit hartnäckiger Legende

Das Trauma hat Alicante bis heute nicht verarbeitet. Hartnäckig hält sich die Legende, dass die italienischen Flugzeuge – statt wie sonst von den Balearen, also vom Meer aus – tückischerweise aus dem Inland kamen und die Sirenen deshalb nicht rechtzeitig warnten.

Diese Theorie hat 2018, zum 80. Jahrestags des Bombardements, auch der animierte Kurzfilm „El olvido“ (Das Vergessen) der alicantinischen Produktionsfirma Horizonte Seis Quince wieder aufgegriffen. Pérez hat bei seinen Nachforschungen allerdings keine Hinweise darauf gefunden, dass die Bomber eine andere Route als üblich nahmen. „Das ist aber der einzige Aspekt, der mir an dem Film nicht so gut gefällt“, so der Historiker.

Im Dokumentarfilm „Dins dels teus ulls“ (In deinen Augen), den Silvia Pondoza in Zusammenarbeit in der Universität Alicante gedreht hat, kommen zum Großteil mittlerweile verstorbene Augenzeugen zu Wort. Juan Ortiz beispielsweise, der als neunjähriger Junge bei der Attacke schwer verletzt wurde, erzählt von grausamen Erinnerungen an den heutigen Platz hinter der Markthalle: „Das Blut floss in Strömen über den Platz, so als habe jemand mit Gießkannen die Blumen gewässert.“ Andere Zeitzeugen erzählen von einem furchtbaren Anblick mit zahlreichen geköpften Opfern. „Was in den Opferzahlen nicht berücksichtigt wird, sind die vielen traumatisierten Kinder, Frauen und Männer“, sagt Pérez.

„Das Blut floss in Strömen über den Platz, so als habe jemand mit Gießkannen die Blumen gewässert.“

Juan Ortiz, Zeitzeuge

An ein Versehen glaubt keiner

In einem Interview, das er 1939 der spanischen Tageszeitung „ABC“ gab, sagte General Francisco Franco: „Eine Bombardierung der zivilen Bevölkerung – das betone ich entschieden – gibt es nicht. Es werden lediglich militärische Ziele bombardiert. Es ist leider wahr, dass es auch Tote unter der nicht kämpfenden Bevölkerung gibt. Diese sind sehr zu bedauern. Aber die rote Regierung nimmt sie in Kauf, indem sie militärische Ziele in von ziviler Bevölkerung bewohnten Gebieten platziert. Außerdem sind diese Opfer von der roten Regierung erwünscht, sie braucht sie für ihre Propaganda.“

Dass der Angriff auf den Mercado Central ein Versehen war, glaubt in Alicante niemand. „Es sind ungefähr 1,5 Kilometer vom Hafen, der tatsächlich ein militärisches Ziel gewesen wäre, bis zur Markthalle. Ich glaube nicht daran, dass man sich so irren kann“, sagt Pérez. Augenzeugen berichten zudem, dass die Bomber so tief geflogen seien, dass die italienischen Insignien zu lesen waren. Das widerspricht den offiziellen Angaben, nach denen die Flugzeuge Alicante aus etwa 4.000 Metern Höhe attackierten. „Ich halte eine Flughöhe von 400 Metern für realistisch. Irgendjemand hat wahrscheinlich eine Null angefügt“, mutmaßt Pérez.

Die von Bomben zerstörte Innenstadt Alicantes.

Die britische Untersuchungskommission, die mit der Aufarbeitung der international Aufmerksamkeit erregenden Tragödie beauftragt wird, kommt im September 1938 zu dem Schluss, dass es sich um eine „absichtliche Attacke auf einen zivilen Bereich“ gehandelt habe. Der Angriff auf den Markt gehörte zur Einschüchterungstaktik des Franco-Regimes.

Bis heute ein Tabuthema

Pérez’ Mutter, die 2018 zum 80. Jahrestag der Attacke 100 Jahre alt war, war eine der letzten Augenzeugen, die sich erinnerten. „Als ich ein Junge war, erzählte sie mir, wie sie gerade in der Tram saß, als das Bombardement begann. Meine Mutter flüsterte, wenn sie diese Dinge sagte“, erzählt Pérez. „Die Alicantinos lebten in Angst. Das und die nach dem Bürgerkrieg viel zu lange andauernde Diktatur sind Gründe dafür, warum der Angriff vom 25. Mai für viele bis heute ein Tabuthema ist“, glaubt er.

Hinzu kommt die bedeutende Rolle, die Alicante im Spanischen Bürgerkrieg spielte: Falangegründer José Antonio Primo de Rivera wurde am 20. November 1936 in der Stadt erschossen. Eine Woche später erlebte Alicante – wohl aus Rache – das sogenannte „achtstündige Bombardement“. „Viele Zeitzeugen haben diese acht Stunden Dauerbeschuss als einen der schlimmsten in Erinnerung, obwohl glücklicherweise relativ wenige Menschen starben“, sagt Pérez – auch dank der zahlreichen Luftschutzbunker, die die sogenannte Defensa Pasiva während des Bürgerkriegs in Alicante errichten ließ. Die Historiker zählen heute knapp 100 solcher unterirdischer Schutzräume, von denen zwei erst seit wenigen Jahren besichtigt werden können.

20 Jahre für einen Grabstein

Auch brauchte das Rathaus bis 1995 – 20 Jahre nach dem Tod Francos 1975 – , um drei Gedenksteine für die auf dem alicantinischen Friedhof begrabenen Opfer vom 25. Mai 1938 anzubringen. Noch länger dauerte es, bis auch am Platz hinter der Markthalle, der heute in Erinnerung an die Opfer Plaza del 25 de Mayo heißt, eine Gedenktafel installiert wurde. Im Jahr 2006 ließ der damalige Alicantiner Bürgermeister Luis Díaz Alperi (PP) eine Inschrift anbringen, die Pérez in seinem Buch als „enttäuschend und unzureichend“ bezeichnet. Darauf war zu lesen: „In Erinnerung an die 311 unschuldigen Opfer, die am 25. Mai 1938 auf diesem Markt bei einem der Luftangriffe, die Alicante während des Spanischen Bürgerkriegs heimsuchten, ums Leben kamen.“

Der Platz hinter der Markthalle ist den Opfern gewidmet.

„Nichtssagend, ohne die Identität der Täter zu nennen, als ob es sich um einen Unfall gehandelt hätte“, ärgert sich Pérez. Im Jahr 2011 ringt sich die damalige Stadtregierung von Bürgermeisterin Sonia Castedo (PP) nach langer Debatte dazu durch, eine neue Tafel anbringen zu lassen, auf der die „faschistische italienische Luftwaffe“ als Verursacher der Massakers genannt ist.

2013 setzt Alicantes Bürgerkommission für Historisches Gedenken, die Comisión Cívica de la Memoria Histórica, durch, dass die heutige Gedenkplakette am Boden vor dem hinteren Markteingang angebracht wird. Architektin Elena Albajar ließ in die Metallplatte 300 LED-Lichter einbauen, die – symbolisch für die Opferzahl und die Uhrzeit des Bombenangriffs – heute täglich mittags aufleuchten. 90 schwarze Punkte repräsentieren die Anzahl der Bomben, die fielen. „Eine schöne Idee“, sagt Miguel Ángel Pérez, der betont, die Arbeit der Architektin würdigen zu wissen. „Allerdings bin ich ein Freund von vertikalen Gedenkstätten, die man besser sieht“, klagt er.

Neben der Gedenktafel erinnert im Erdgeschoss des Mercado Central, das man über den Eingang links neben der Haupttreppe betritt, heute noch die alte Uhr der Markthalle an den Angriff, die zum Zeitpunkt des Bombenangriffs stehen blieb. Daneben ist auf einer unscheinbaren Tafel knapp erklärt, was am 25. Mai 1938 geschah. Eine Sirene symbolisiert das Warnsystem, das an jenem tragischen Mittwoch die Besucher des Markts nicht mehr warnen konnte.

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