Fassade des Mercado Central in Alicante.
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Die modernistische Front-Fassade des Mercado Central von Alicante.

Markthalle von Alicante

Im Bauch von Alicante: Die Markthalle Mercado Central

  • vonMarco Schicker
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Seit fast 100 Jahren ist der Mercado Central in Alicante eine feste Adresse für den Kiez, Touristen und Gourmets. Die Markthalle musste sich immer wieder neu erfinden.

Alicante – Seit 1922 Jahren gehört der Mercado Central zum Stadtbild von Alicante und ist eine feste Adresse für Gourmets und Touristen. Das Obergeschoss des modernistischen Gebäudes an der Avenida Alfonso El Sabio wird von den Fleisch- und Schinkenständen, der charcuterías dominiert, im Untergeschoss finden sich die Verkaufsstände für Fisch- und Meeresfrüchte, Obst und Gemüse sowie mehrere Gastrobars und Cafés, an denen neben Marktküche und regionalen Weinen der Costa Blanca heute auch Barista-Kaffee und Craft-Beer gereicht werden. Sogar einen Stand mit bayerischen Würsten und Sauerkraut gibt es neuerdings neben Spezialitäten aus Spanien. Den tagesaktuellen Stadtklatsch gab es immer und gibt es kostenlos dazu.

Mercado an der Explanada: Zentrale Markthalle Alicantes stand am Hafen

Fangfrischer Fisch aus den Häfen der Gegend ist eines der Markenzeichen der Markthalle von Alicante.

Von der Idee, in Alicante eine moderne zentrale Markthalle zu errichten, bis zur Verwirklichung vergingen fast 30 Jahre. Ende des 19. Jahrhunderts gab es neben kleineren Märkten in den Vierteln zwei größere Markthallen, eine an der Puerta del Mar, wo heute die Explanada von Alicante beginnt und eine weitere in der Altstadt auf der heutigen Plaza Nueva. Beide platzten aus allen Nähten und sollen hygienisch grenzwertig gewesen sein. Alicante erlebte damals durch die Industrialisierung einen enormen Bevölkerungsschub.

Ende der Provisorien: Spaniens König legt Grundstein für neue Markthalle

Müde immer neuer Provisorien, schrieb die Stadt 1901 einen neuen Marktbau aus, wofür man die Plaza de Balmes auswählte. Dort standen die Reste des ruinierten und aufgegebenen Teatro Circo sowie die Reste eines provisorischen Marktbaus. Das Gelände drumherum wollte die Stadt enteignen und entschädigen. Das zog sich länger hin als geplant und mehrere Ausschreibung zum Bau des Projektes blieben ohne Bewerber. Hinzu kam die Klammheit der Stadtkasse, sogar französische Geschäftsmänner boten sich zwischenzeitlich an, das Geld für die neue Markthalle vorzuschießen.

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts stand Alicantes Mercado Central an der Plaza del Mar, dort, wo heute die Explanada beginnt. Im Hintergrund erkennt man die Türme des Rathauses.

Erst 1911 fand sich letztlich eine Bank und es konnte der Grundstein gelegt werden. Am 12. Februar nahm das der spanische König Alfonso XIII persönlich vor, begleitet von seinem Ministerpräsidenten José Canalejas, der als liberaler Abgeordneter in Madrid für Alcoy enge Verbindungen nach Alicante hatte.

Doch nach der Grundsteinlegung passierte wieder wenig, obwohl Alicante gerade eine regelrechte Gründerzeit feierte. Die schönen Jugendstilhäuser, allen voran das Carbonell am Beginn der Explanada stammen aus dieser Zeit. Doch mit dem Bauboom explodierten auch die Bau- und Materialkosten und erst 1919 wurden die Angelegenheiten so geklärt, dass der Bau für rund 900.000 Peseten umgesetzt werden konnte, das Doppelte von dem, was die Stadt zunächst veranschlagt hatte.

Der Mercado Central in Alicante dient nicht nur dazu, Einkäufe zu erledigen, hier wird geschlemmt und geschwatzt.

Die Eröffnung des neuen Mercado Central fand am 12. November 1922 statt. Es war der zehnte Todestag von Ex-Premier José Canalejas, der bei der Grundsteinlegung dabei war. Der liberale Politiker wurde 1912 in Madrid von einem Anarchisten erschossen. Seine Witwe, die Herzogin von Canalejas und ihr Sohn José waren beim Festakt anwesend, aus Madrid hatte sich Justizminister José Francos Rodríguez angemeldet.

Alicantes dunkelste Stunde: Markt wird zur Todesfalle im Spanischen Bürgerkrieg

Gedenkenstätte für die hunderten Todesopfer der faschistischen Luftangriffe auf Zivilisten am Markt von Alicante 1938.

Der neue Markt kam bei den Alicantinern gut an und wurde bald zum geschäftigen Zentrum der Innenstadt. Doch 1938, nur 16 Jahre nach der Eröffnung, erlebte Alicante genau am Marktgebäude eine ihrer dunkelsten Stunden der Geschichte: Italienische Flieger bombardierten am 25. Mai im Auftrag Francos die Stadt und flogen den Markt an. Mindestens 300 Todesopfer und rund 1.000 Verletzte waren zu beklagen.

Mit Frische und regionalen Produkten will der Mercado Central in Alicante der Krise trotzen.

Es dauerte lange, bis die Alicantiner sich auf ein parteiübergreifendes Gedenken einigten, in der Stadt, die Franco im Spanischen Bürgerkrieg am längsten Widerstand entgegensetzte. Eine Gedenktafel, die Benennung des Areals hinter der Markthalle in Platz des 25. Mai und eine jährliche Veranstaltung sind den Opfern dieser Barbarei an der Zivilbevölkerung gewidmet. 1988 wurde die Markthalle vier Jahre lang generalüberholt, die Marktständler zogen so lange in die alte Lonja, die Fischhalle am Hafen um.

Umsatzeinbruch durch Coronavirus: Mercado Alicante sucht nach neuen Wegen und alten Rezepten

Die Coronavirus-Krise überstanden die Händler dank Lieferservice und Bestellmöglichkeiten über das Internet mehr schlecht als Recht, Anfang Oktober 2020 schlugen sie Alarm: 30-40 Prozent betragen die Umsatzverluste auch in der "neuen Normalität", immer mehr Stände schließen endgültig. Es wäre nicht die erste Krise, die der Mercado durch Neuerfindung übersteht.

Heute laden die Stände wieder vor Ort die Kundschaft ein, wo ihnen mit besonderem Stolz und in größtmöglicher Frische auch die uralten regionalen Besonderheiten angeboten werden, seien es Artischocken und Granatäpfel aus Elche und der Vega Baja, Frischkäse aus der Marina Baja oder fangfrischer Fisch aus Santa Pola. Ein Stadtrundgang durch Alicante ohne einen Abstecher und eine Tapa im Mercado Central wäre einfach nicht vollkommen.

Online im Mercado Central in Alicante einkaufen.

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