Grüne Wende 2020

Alicantes Recycling-Meister: Bringt neues Plastik-Leben die EU-Kreislaufwirtschaft?

  • vonStefan Wieczorek
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In der grünen EU-Wende zur Kreislaufwirtschaft ist in Spanien Acteco gefragt: Eine Recycling-Firma aus Alicante, die Plastik neues Leben verleiht. Doch längst sei in Spanien nicht alles Recycling, was grün ist, schlägt derzeit Greenpeace Alarm.

  • Anfang 2020 stellte EU den Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft vor - kurz vor dem Corona-Alarm in Spanien.
  • Acteco, Recycling-Meister aus Alicante, gibt Plastik neues Leben und bereitet grüne Wende vor.
  • Die Recycling-Firma ist in Spanien für solidarische Plastik-Deckel-Aktion für kranke Kinder bekannt.
  • Kreislaufwirtschaft und grüne Wende? Greenpeace warnt: Spanien mogle beim Plastik-Recycling.

Ibi - Gerade ist die #EUGreenWeek vorbei. An der Costa Blanca erstrahlte deswegen die Burg in Alicante in Grün. Ein kleines, aber wichtiges Symbol. Denn ein wegweisendes Jahr ist 2020 nicht nur wegen des Coronavirus. Auch steht es in Europa für eine große grüne Wende: Im März, kurz vor dem Alarmzustand in Spanien, stellte die EU den neuen Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft vor. Im Juni verabschiedete die spanische Ministerkonferenz darauf eine neue Umweltstrategie inklusive Gesetzesentwurf zu Abfällen und kontaminierten Böden, womit der wachsende Berg aus Plastik und anderen Abfällen deutlich reduziert werden soll.

Plastikumgangssprachlich für Kunststoff
ErfindungAlexander Parkes (1862)
EigenschaftFormbarkeit, Härte, Elastizität, Bruchfestigkeit, Temperatur-, Wärmeformbeständigkeit und chemische Beständigkeit
ZusammensetzungCellulose, Kohle, Erdgas, Salz und Erdöl

Recycling-Meister aus Alicante: Kreislaufwirtschaft gibt Plastik neues Leben

In Spanien widmete sich am 7. Oktober der Gipfel Forbes Summit Sustainability in Madrid der Nachhaltigkeit, wobei Big Players wie Telefónica oder Bankia überlegten, wie Naturschutz im Wirtschaftssystem funktionieren kann. Ist nachhaltiger Umgang mit Ressourcen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft nur eine Herausforderung, oder gar eine Chance, um zu Wachstum und Wohlstand in Post-Corona-Zeiten zu führen?, so die große Frage, die ohne klare Antwort blieb. Einig waren sich die Teilnehmer aber darin, dass grüne Ökonomie nicht mit Zahlen von heute beurteilt werden könne, sondern vielmehr eine Investition für die Zukunft sei.

Tatsächlich? Weiter denkt man schon in Ibi an der Costa Blanca. Eine mächtige Anlage betreiben im Hinterland von Alicante im Industriegebiet wahre Recycling-Meister, das Unternehmen Acteco. Die Firma, die heute für Größen der Bekleidungs- oder Lebensmittelbranche arbeitet, entstand aus einem Öko-Projekt in Alcoy. Dort kam vor 25 Jahren die Kleiderbügelfabrik Erum auf die Idee, altem Plastik neues Leben zu geben und ihren Produkte nach Gebrauch in Material für die erneute Herstellung umzuwandeln. „Act eco“ – Handle ökologisch – so der kecke Name.

Recycling-Meister aus Alicante: Kreislaufwirtschaft für EU, Berater für grünen Wandel

Acteco wurde zum vollen Erfolg von Erum, der einstigen Familienfabrik von 200 Quadratmetern, die heute weltweit die Nummer zwei ihrer Branche ist. Jeden zweiten Bügel Spaniens stellt Erum her. Geschickt werden sie nach Gebrauch in Shops in ganz Spanien zu den Recycling-Meistern von Alicante, um aus dem alten Plastik wieder neue Exemplare zu fertigen: Eine Kreislaufwirtschaft wie sie leibt und lebt, die Erum und Acteco sogar beachtliches Wachstum verlieh – ganz gemäß der großen EU-Umweltpläne. Längst sind recycelte Kleiderbügel nur ein Teil der vielen Funktionen von Acteco, wie uns vor Ort Marketingdirektorin Alma Gomis verrät.

„Die Abfallwirtschaft ist eine der Hauptaktivitäten von Acteco, auch die Wiederverwendung und das Recycling verschiedener Arten von Plastik.“ Aber immer bedeutender werde für die Recycling-Meister der Bereich Umweltconsulting für Firmen in Spanien, „gerade im Hinblick auf den EU-Aktionsplan, auf den viele heutige Unternehmen einfach nicht vorbereitet sind“. Einen großen grünen Wandel kündigt Expertin Alma Gomis an: „Damit, dass Firmen Dinge herstellen, ohne sich darum zu kümmern, wohin die Abfall-Reste am Ende gelangen, wird es vorbei sein“. Normen würden Hersteller ab 2021 dazu verpflichten, detailliert nicht nur die Bestandteile jedes Produkts darzulegen, sondern auch einen Plan zu erarbeiten, wie die gebrauchten Stoffe in der Kreislaufwirtschaft weiter bestehen sollen.

Recycling-Meister aus Alicante: Kolossale Plastik-Legosteine, Pakt mit Repsol

Bei Verstößen gegen die Normen der EU-Kreislaufwirtschaft müssten Unternehmen mit harten Strafen rechnen. Damit das nicht passiert, stehen die Recycling-Meister von Acteco als Berater zur Stelle. Dabei wirbt die Firma von der Costa Blanca nicht zuletzt mit der eigenen langen Recycling-Tätigkeit, sondern auch mit der Liste von Zertifikaten wie Iso 9001, Iso 14001, Sony Green Partner, Entidad I+D vom Industrieministerium oder dem europäischen Eucertplast. Ein beeindruckender Komplex ist Acteco mittlerweile, hier in Ibi der Stadt der Spielzeuge im Hinterland von Alicante. Kolossale Legosteine fahren die Laster da herbei.

Bei genauem Hinschauen stellen sich die Pakete voller Plastik-Arten als zusammengeknüllte Reste heraus: Autoteile, Folien, Joghurtbecher und ... Kleiderbügel natürlich. Solche Lieferungen erhalten die Recycling-Meister auch in Transferstationen in Valencia, Zaragoza oder A Coruña in Galicien. Actecos Logistikzentren stehen in Madrid oder Barcelona. An einer Menge nationaler und internationaler Projekte ist die Firma aus Alicante beteiligt, demonstriert Alma Gomis uns an der Tafel am Eingang. Im August 2020 signierte Acteco einen neuen Pakt mit Erdölkonzern Repsol: Gefördert wird die Produktion recycelter, aber hochqualitativer Polyolefine.

Recycling-Meister aus Alicante machen aus Plastik-Deckeln Hilfe für kranke Kinder

Das ist bedeutend, da Polyolefine knapp die Hälfte des EU-Kunststoffverbrauchs ausmachen. Ganz Spanien kennt dagegen das Projekt „Tapones para una nueva vida“ – Verschlüsse für neues Leben –, das die Recycling-Meister 2011 mit der Stiftung Seur starteten: Bürger spenden Plastik-Deckel von gebrauchten Behältern. Acteco recycelt diese und spendet Erlöse für die Behandlung kranker Kinder. 2017 hatte die Wiederverwendung von 4.500 Tonnen es zu einer Million Euro für den guten Zweck gebracht, und die Aktion läuft weiter. „Der Vorteil ist, dass die Verschlüsse aus dem gleichen Stoff gefertigt sind“, sagt Alma Gomis, als wir an einem Berg aus bunten tapones vorbeilaufen.

Recycling aus Alicante: Acteco-Stift aus Joghurtbechern, Deckel für Kinderhilfe.

Viele – sehr viele – Verbrauchsgegenstände haben den Vorteil der Plastik-Deckel aber nicht, erfahren wir dank anderen Besuchern der Recycling-Meister. Die Universität Alicante ist zugleich mit costanachrichten.com in der Anlage und plant für ein Innovationsprojekt Bürogegenstände recyceln zu lassen: Ordner, Hüllen, Locher. (Für Stifte hat die Uni bereits eine grüne Recycling-Option.) Doch welche Arten Plastik will die Uni wiederverwerten lassen: PP, PS, ABS, HDPE? Oder eine ganz andere? Darauf wissen die Dozenten keine Antwort. Logisch: Von Student bis Professor deckt sich jeder woanders mit Utensilien ein. Die wenigsten Marken können dokumentieren, woraus ihre meist nicht in der EU gefertigten Produkte bestehen. Und die Rede ist nur vom Kunststoff. Was ist aber etwa mit den Metallteilen?

Alicante: Auch Recycling-Meister haben Grenzen - Greenpeace schlägt Alarm

Wenn die Uni Alicante Acteco beauftragen will, wird sie sich auf ein gut definiertes Produkt festlegen müssen, statt auf Büroartikel allgemein. So streng sind die Vorschriften. Ja, auch ein Recycling-Meister im Kreislaufwirtschaften wie Acteco hat Grenzen. „So eine Anfrage ist nach aktuellem Stand nicht zu bewältigen“, erklärt Alma Gomis. „Deswegen arbeitet Acteco auch nur für Firmen, die ihre Anfragen bis ins Detail dokumentieren können, und nicht im Auftrag von Privatleuten.“ Für Privatleute ist Plastik halt Plastik – wie es eben auf der gelben Tonne auf der Straße steht. Gern möchte sich der Verbraucher - ob in Spanien oder Europa - als Umweltschützer fühlen, indem er alles, was ihm nach Kunststoff aussieht ins schwarze Loch des gelben Behälters stopft.

Aber hinter der gelben Tonne – das lässt auch der Aufwand von Acteco, jede Art Plastik sachgerecht zu verwerten, vermuten – tun sich Abgründe auf. Abgründe, vor denen derzeit Greenpeace warnt: Nur 20 Prozent des in der gelben Tonne entsorgten Plastiks werde durch die von Spanien beauftragte Firma Ecoembes korrekt entsorgt. Der Großteil hingegen lande verbuddelt im Boden. Selbst die Ausfuhr von EU-Müll ins Ausland wird dem 1996 gegründeten Großbetrieb, der „Eco“ im Namen und ein grünes Blatt im Logo trägt, vorgeworfen. Ein solches „greenwashing“ – ein nur vorgetäuschter Umweltschutz – sei bei Acteco unmöglich, versichert Alma Gomis, die uns zum Abschluss der Visite Halle für Halle erklärt.

Bei den Recycling-Meistern in Alicante: Der Bleistift aus Joghurtbechern

Wir bewundern das Innenleben der Recycling-Meister von Alicante. Hier erhalten Deckel, da Auto- oder Kühlschrankteile neues Leben für die Kreislaufwirtschaft. Auch eine Abteilung für kontaminiertes Wasser gibt es. Kuriose Elemente fallen in der Anlage in Spanien auf, etwa eine Süßigkeit, aus der Tierfutter entsteht. Ein Bleistift, den Alma Gomis uns in die Hand drückt, ist aus alten Joghurtbechern gemacht. Am Ende laufen wir mit den einzelnen Phasen des Plastik-Recyclings mit, sehen wo es gesammelt, wo gesäubert, zerstückelt, gewaschen, getrocknet, geschmolzen und am Ende in Granulat geformt wird. Wie neu fühlen sich die noch warmen Körner in der Hand an. Ein kleiner Haufen Rohstoff für die grüne Wende, der ohne Recycling als Müll sonstwo gelandet wäre.

Recht auf Kreislaufwirtschaft

Brüssel - Im März 2020 legte die EU mit dem neuen Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft einen der wichtigsten Bausteine ihres Grünen Deals. Maßnahmen, die den ganzen Lebenszyklus von Produkten erfassen, sollen die Wirtschaft in eine grüne Zukunft führen. Die EU wagt den Spagat, wettbewerbsfähig und zugleich umweltfreundlich zu bleiben. Ziel: bis 2050 will Europa als erster Kontinent klimaneutral sein.

Auf Gestaltung und Produktion konzentriert sich der Plan: Ressourcen sollen lange im Zyklus der Wirtschaft bleiben. Im Plan wurden Unternehmen und Interessensträger eng mit einbezogen, hieß es. Der für den Green Deal zuständige Frans Timmermans warnte: „Unsere Wirtschaft ist noch überwiegend linear gestaltet. Nur zwölf Prozent der Sekundärstoffe gelangen in die Wirtschaft zurück“.

Viele Produkte gingen „zu schnell kaputt“, könnten nicht wiederverwendet, repariert oder recycelt werden, da sie für einmaligen Gebrauch produziert seien, so der Vizepräsident der Europäischen Kommission. Der neue Aktionsplan wolle die Herstellung ändern, um „Verbraucher in die Lage zu versetzen, nachhaltige Entscheidungen zu ihrem eigenen und zum Nutzen der Umwelt zu treffen“.

Ein „enormes Potenzial“ sehe die EU in der Kreislaufwirtschaft: Europas BIP werde damit bis 2030 um 0,5 Prozent extra steigen und 700.000 Jobs schaffen. „Zukunftsorientierte Maßnahmen werden neue Geschäftmöglichkeiten schaffen, Verbrauchern neue Rechte verleihen, Innovation und Digitalisierung nutzen und dafür sorgen, dass nichts verschwendet wird“, versprach EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius.

Die Liste der Maßnahmen des EU-Aktionsplans in Kürze:

- Nachhaltige Produkte: lange Lebensdauer, leichtes Recycling und Reparatur, hoher Anteil wiederverwendeter Stoffe statt Primärrohstoffe.

- Stärkung von Verbrauchern: Zuverlässige Infos auf Reparierbarkeit, Recycling, Haltbarkeit. „Recht auf Reparatur“.

- Konzentration auf Branchen mit vielen Ressourcen und Kreislaufpotenzial: Elektronik, IT, Batterien, Fahrzeuge. Neue verbindliche Anforderungen einschließlich Verringern übertriebener Verpackungen.

- Kunststoffe: Hoher Rezyklatanteil, biobasierte Stoffe.

- Textilien: Neue Strategie zu Innovation und Recycling.

- Gebäude: Nachhaltiges Bauwesen im Kreislaufprinzip.

- Lebensmittel: Statt Einwegpackungen recycelte Produkte in Verpflegungsdienst.

- Abfall: Vermeidung mit Schwerpunkt Entstehung und Umwandlung. Bekämpfung von Ausfuhr aus EU und illegaler Entsorgung.

Rubriklistenbild: © Acteco

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