Urlaub an der Costa Blanca

Alicante: Wo Touristen in Spanien die „beste Erde der Welt“ betreten

  • vonStefan Wieczorek
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Die Geschichte von Alicantes bekanntestem Tourismus-Slogan: Aus einem Küchen-Putzmittel machte im 19. Jahrhundert ein Marquis ein Traumziel für den Urlaub.

Alicante - „#lamillorterradelmon“ würde der Hashtag lauten, wenn Mariano Roca de Togores – vielleicht unter dem Nickname „El_Marqués“ – im 21. Jahrhundert die obigen Bilder auf Instagram posten würde. Doch der Marquis von Molins, als den ihn Alicante kennt, machte das Motto „La millor terra del món“ – Die beste Erde der Welt – in Spanien berühmt, indem er es 1848 mit einer Feder auf Papier schrieb. Heute findet man den Spruch in Alicante in Stein gemeißelt wieder, ob auf der Plaza de la Montañeta oder der Burg Santa Barbara.

Alicante, Hauptstadt der Costa Blanca
Einwohnerzahl334.887 (Stand 2019)
Autonome RegionComunidad Valenciana
AmtssprachenCastellano (Spanisch), Valenciano (Valencianisch)

Die meisten Besucher der Costa Blanca überlegen nicht lange, wie die Worte zu verstehen sind. Ganz klar: Gemeint ist ein Ort voller Schönheit, mit Palmen, Playas und Meer, wo ein paradiesiescher Urlaub winkt. Etwa so verstand das Motto auch der Marqués, als er es im Brief an Manuel Bretón niederschrieb. „Sepades, señor Bretón, que de Poniente a Levante es sin disputa Alicante la millor terra del món“, ließ der Marquis den Poeten wissen. „Sie wissen schon, Herr Bretón, dass von West bis Ost, ohne Zweifel Alicante die beste Erde der Welt ist.“

Ferienhaus-Aussicht: Palmen am Meer sah der Marquis in Alicante.

Alicantes besondere Natur: Erde nicht nur zum Schrubben der Paella-Pfanne geeignet

Mit Bretón verband Roca nicht nur Freundschaft, sondern auch eine poetische Rivalität. Analog zu heutigen Influencern sendeten sich die Autoren gekünstelte Briefe zu, in denen sie ihre jeweiligen Aufenthaltsorte priesen. Der Slogan „beste Erde der Welt“ - zur Zeit nutzen ihn Weinhersteller in Alicante - wird dem Marquis zugeschrieben. Aber der Spruch ist viel älter, und hatte in der Volkssprache einen völlig anderen Sinn. Als „la millor terreta del món“ sprach man über die Alicantiner Erde nämlich, um sie für ihre Fähigkeit im „escurar“ zu loben, womit nichts anderes, als das Schrubben in der Küche bezeichnet wird.

Nach altem Denken war die sehr tonhaltige und daher scheurige Erde aus Alicante für die Küche die beste. Das Putzen mit Erde kann man auf dem Land heute höchstens gelegentlich noch beim Scheuern der Paella-Pfanne sehen. Vor Jahrhunderten hatten Dörfer der Costa Blanca eine spezielle Lache, aus der sich jeder Erde zum Schrubben holte. Doch es gab auch Handel mit „terreta d’escurar“ Marke Alicante: Es handelte sich um ein Set aus einer Portion Erde und einem Strohwisch aus Espartogras.

Gemüse und Tongefäße - Schätze der Erde von Alicante.

Phönizier bis Mauren: Alicante und seine Palmen

Der Marquis jedoch war in Alicante kein Bauer, sondern Tourist. Und somit dem Land, das sich gerade noch zum Industrialisieren anschickte weite Schritte voraus. Südlich der Stadt stand sein Ferienhaus in einer Hügellandschaft und bot einen prächtigen Ausblick. Vom Balkon aus sah der Adlige einen Wald aus tausenden Palmen, und zwischen deren grünen Kronen das blaue Meer. Der Palmeral von Alicante, heute ein botanischer Erlebnisgarten, soll auf die Phönizier zurückgehen. Von ihnen kommt der Name der hiesigen Dattelpalme, Phoenix dactylifera.

Doch richtig fruchtbar wurden die Palmen – und die alicantinische Erde – dank der Mauren. Nach Spanien brachten sie ihre Techniken zur Gestaltung von Oasen und nutzten dort, entlang der Wasserleitungen, die Palmen als Zaun, verarbeiteten sie zu Haushaltsobjekten und pflückten von ihr die reichhaltigen Datteln. Noch zu Zeiten des Marquis war die Granja del Carmen, wie das Gebiet des Palmeral damals hieß, ein Ackerland. Daran, den Hain als idyllisches Postkartenmotiv zu deuten, dachte außer ihm keiner.

Silber statt Palmen: Migranten strömten nach Alicante, um in Fabriken Geld zu verdienen

1906, als neben dem Ferienhaus des Marquis das Viertel entstand, kannte man die Palmen aus der Südstadt vor allem für ihre frühen Datteln und die kunstvoll geflochtenen Wedel „palma blanca“ für Palmsonntag. Doch diese „beste Erde der Welt“ sollte sich wandeln. Fabriken erwuchsen, die Bahn wurde gebaut, die Palmen am Meer fielen in Massen. Der Landstrich im Süden von der Stadt Alicante wurde für die anströmenden Migranten aus Andalusien, Murcia und La Mancha für etwas anderes reizvoll: das Geld, das es zu verdienen gab.

„Barrio de la plata“, Bezirk des Silbers, nannten sie das Viertel, ihre neue Heimat zunächst. Für soviel Poesie wie bei Marquis Mariano bot der Alltag der Arbeiter jedoch keinen Raum. Alicantes fruchtbares Land, die Huerta, wurde von der Industrie – und dem damit zusammenhängenden Wohnungsbau – mehr und mehr zurückgedrängt. Das betraf nicht nur das Südviertel, das heute San Gabriel heißt, sondern die ganze Costa Blanca. In Alicante ist die landwirtschaftliche Seele, die tief ins 20. Jahrhundert der Motor der Wirtschaft war, noch höchstens in Ansätzen zu sehen.

Erde aus Provinz Alicante wird in Hafen auf Schiffe gepackt, um in Afrika Straßen zu bauen

Auf Fiestas wie die Hogueras von San Juan im Juni erinnern noch Trachten an das rustikale Alicante von einst, und in der Kunst die Gemälde eines Gastón Castelló. Tonkrüge aus lokaler Erde gibt es auch noch im Souvenir-Shop. Der Palmeral – auf ein Viertel der alten Fläche geschrumpft – ist jedoch kein fruchtbarer Acker mehr und von Industrie umgeben. Hin und wieder ziehen aus dem Hafen dunkle Wolken rüber. Das bedeutet, dass der Bagger Schüttgut auf Schiffe verlädt, die den Baustoff aus Alicante nach Afrika bringen, wo die „beste Erde der Welt“ heute dazu dient, Straßen zu bauen.

Industrie vor Alicante-Panorama: Das Palmen-Ufer vom Marquis sieht man klein links oben.

Im Nordosten der Bucht von Alicante heißt die Landzunge sogar noch Cabo de la Huerta (Kap des Ackers). Doch statt in Parzellen geteiltem Land, mit Landhäusern und Türmchen, Zitronen- und Olivenfeldern, ist es mittlerweile ein Viertel der Villen und Ferienhäuser auf dem Weg zur famosen Playa de San Juan. In der Gegend bleibt gerade noch ein Plätzchen für die Römersiedlung Lucentum, die eine weitere Eigenschaft der „besten Erde“ enthüllt: „Stadt des Lichts“ bedeutet der lateinische Name Lucentum. Schon die Antike erkannte, dass in Alicante die Sonne die Erde irgendwie besonders vorteilhaft erscheinen lässt.

Alicantes Schattenseiten: Plastik am Meeresgrund, Armut auf Straßen

Diese Erde von Alicante lockt nun Millionen Touristen an die Playas und in die Urbanisationen. Sie dichten – heute per Smartphone – digitale Lobpreise aufs Land der Palmen. Mit dem Leben der Alicantiner, die, wenn Urlauber schlafen, zum Büro rennen oder auf dem Markt Stände aufstellen, haben die Verse aber wenig zu tun. Die Villa des Marquis ist längst in sich zusammengestürzt. Die Bucht, vor der sie stand, ist unter Wasser ein Graus. Tausende Plastik- und Papierfetzen schweben direkt am Palmeral über der „besten Erde" auf dem Meeresgrund. (Video vom 9. Juni 2020)

Noch ein dunkles Geheimnis der „besten Erde“ von Alicante: Das Gelände, wo der Marquis den Urlaub verbrachte, durchziehen heute unterirdische Höhlen. 1938 wurden sie im spanischen Bürgerkrieg gebaut, als Versteck vor faschistischen Bombern. Nun bewohnen sie die vielleicht besten Kenner der Alicantiner Erde: Obdachlose, angelockt von der milden und trockenen „Millor terra del món“. Nach der Coronavirus-Krise dürften es an der Costa Blanca noch mehr Bewohner dieser Art werden. Für die Armen ist die „beste Erde der Welt“ noch etwas anderes als für Urlauber oder für einen Marquis: Die beste Unterkunft, die sie sich leisten können.

Alicantes altes Tourismus-Motto auf dem Steinboden eines Platzes im Zentrum.

Rubriklistenbild: © Ángel García

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