Freiwillige von der Tafel AGS in Alicante.
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Alicante Gastronómica Solidaria: Zivilgesellschaft in reinster Form.

Helfen und Helfer

Alicante solidarisch: Jeden Tag ein Essen und ein Lächeln - Von der Notlösung zur Volksbewegung

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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„Helden mit Schürze“ nennen sich die Aktivisten selbst, die seit Beginn der Coronavirus-Pandemie über 320.000 Menüs für die Ärmsten in Alicante ausgeliefert haben. 1.300 Freiwillige zählt ihr Heer, über 600 Unternehmen gehören zu den Unterstützern. Das Projekt Alicante Gastronómica Solidaria zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie zusammenstehen. - Gastromesse Alicante Ende September.

Alicante – Dass die große Gastronomie-Messe Alicante Gastronómica wegen der Coronavirus-Pandemie 2020 ausfallen musste, war nicht nur schlecht. Denn aus anfänglicher Frustration eines Sektors, der vom direkten Kontakt mit seiner Kundschaft lebt und daher durch Schließung, Arbeitslosigkeit und vor allem Ungewissheit über das Ausbleiben des Tourismus in Spanien unmittelbar und besonders hart gezeichnet war, erhob sich eine Solidaritätsbewegung, die Ihresgleichen in Alicante und im ganzen Umland sucht.

320.000 Menüs ausgeliefert: Alicante Gastronómica Solidaria

Köche, Zulieferer, Aussteller, Wirte, Produzenten, Bauern - nicht nur aus Alicante, sondern bis hinunter in die Vega Baja und hinauf nach Dénia - schlossen sich spontan zur Alicante Gastronómica Solidaria (AGS) zusammen und kochten direkt im Messezentrum zwischen Alicante und Elche für Menschen, die durch den Lockdown und die Pandemie in existentielle Nöte geraten waren. Vom Kellner, der zum Essen-auf-Rädern-Fahrer wurde, Arbeitslose, die als Küchenhilfen angeschult wurden, über den Stadtrat, der umstandslos bürokratische Hürden beseitigte, bis hin zur NGO, die Spenden generierte, Sterneköche, die Rezepte lieferten, entwickelte AGS eine Dynamik, die staunen lässt. Staunen darüber, wozu eine Zivilgesellschaft in der Lage ist, ohne große Antragswege und Bürokratie und ohne politisches Gebrüll, wenn alle an einem Strang ziehen.

Helden mit Schürze: Das Projekt wurde aus der Not geboren und hielt sich Dank der Mitwirkung hunderter Freiwilliger.

„In den schlimmsten Tagen der Pandemie und des Lockdowns begannen wir, bis zu 3.500 Menüs für die Ärmsten zu kochen, eine gesegnete Verrücktheit, die wir da umgesetzt haben, Dank der Anstrengungen und Beiträge von tausenden vor allem anonymer Helfer und Helden, die Zeit und Geld opferten und sogar ihre Gesundheit riskierten, um anderen ein Lächeln zu schenken, denen es noch schlechter ging“, fasst es Carlos Baño zusammen, Vizechef der Alicantiner Handelskammer und einer der wichtigen Unterstützer der Bewegung.

„Helden mit Schürze“ nennen sich die Aktivisten selbst, die bisher 320.000 Menüs ausgeliefert haben. Mittlerweile sind sie vom Messegelände IFA Alicante in den „digitalen Distrikt“ umgezogen, in die „Ciudad de la luz“, die „Stadt des Lichts“, wo sie in einer großen Halle nach wie vor jeden Tag putzen, schälen, schnippeln und kochen und neben Essen eben auch täglich Lichtstrahlen der Hoffnung und menschlicher Nähe an die Bedürftigsten schicken.

Größte Tafel in Alicante: Anonyme Helfer, 1.300 Freiwillige und über 600 Unternehmen machen sie möglich

Ihr Know How in Sachen Lebensmittellogistik, Rezepten, Hygiene und Lieferungen, haben sie mittlerweile an andere Tafeln und ähnliche Projekte in 30 Gemeinden der Provinz Alicante von Benidorm, über Elche bis Torrevieja, mit einer der höchsten Armutsquoten in ganz Spanien, weitergegeben. Die Kunden sind in Alicante wie in den „Filialen“ Obdachlosen-Einrichtungen und Tafeln, Flüchtlingsheime, aber immer mehr auch ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität und zunehmend Familien mit Kindern, deren Eltern oft sogar arbeiten, aber durch prekäre Löhne dennoch nicht über die Runden kommen.

1.300 Freiwillige und über 600 Unternehmen sowie Behörden machen Alicante Solidario möglich.

1.300 Freiwillige zählt das Heer der #HéroesConDelantal, der „Helden mit Schürze“ mittlerweile, von denen jeder einen Beitrag leistet, so gut er kann für die „solidarische Revolution“, wie die Bewegung das auf ihrer Facebook-Seite selbst kommentiert und auf der mehr als 600 Unternehmen aufgeführt werden, vom Kebab-Imbiss bis zum Handelsriesen, die das Projekt jeden Tag möglich machen. Einer der jüngsten auf der Unterstützer-Liste: Der Sternekoch José Andrés, der in New York Furore machte, als er sein gesamtes Fine-Dining-Imperium auf solidarische Volksküche umstellte und kürzlich mit einer 100-Millionen-Dollar-Spende von Amazon-Boss Jeff Bezos belohnt wurde. Er sandte umweltfreundliche Verpackungen für die Menüs nach Alicante.

Gastromesse mit „Armenküche“ in Alicante im September

2021 findet die Messe Alicante Gastronómica wieder statt, vom 24. bis 27. September, das Event, durch dessen Ausfall die Solidarität mit Kochtöpfen einst startete. Die AGS wird dort einen eigenen Stand haben, um über die Erfolge zu berichten, aber natürlich auch, um andere zu inspirieren, Spenden und Kontakte zu sammeln. Dem Publikum werden die „Helden mit Schürze“ vorführen, wie man Reste in der Küche sinn- und geschmackvoll verwertet und sich günstig gut ernährt. Die traditionelle spanische „Armenküche“ hat darin Übung und ein reiches Kompendium an Möglichkeiten, das auf der Messe durch innovative Ansätze ergänzt werden soll.

Natürlich gibt es auf der Gastromesse Alicante vom 24. bis 27. September 2021 auch wieder eine Riesenpaella, den größten Turrón der Welt, einen Fleschbällchen-Wettbewerb, Sterneküche, eine Sommelier-Olympiade. Doch der wahre Star dieser Messe dürfte feststehen.

Infos, Kontakt und Spenden auf der Facebook-Seite von Alicante Gastronómica Solidaria.

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