Mehrere Personen stehen Schlange an einer Essensausgabe.
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Corona und Armut an der Costa Blanca: Schlangestehen fürs Nötigste.

Sozialer Abstieg

Explodierende Armut an der Costa Blanca: Wenn Corona die Lebensgrundlage entzieht

  • vonAnne Thesing
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Die Coronavirus-Pandemie hat auch an der Costa Blanca unzählige Familien in die Armut gedrängt. Hilfsorganisationen wie die Caritas in Benissa bekommen das tagtäglich zu spüren.

Benissa - Spätestens als der Kühlschrank öfter mal leer war, werden auch seine Kinder gespürt haben, dass etwas nicht stimmte. „Aber zum Glück sind es gute Kinder, sie stellen keine hohen Ansprüche“, sagt Andrés M. aus Benissa an der Costa Blanca. Dass er, der seit seinem 16. Lebensjahr sein eigenes Geld verdient, jemals in die Situation kommen würde, Armut am eigenen Leib zu erleben und seinen Kühlschrank nicht auffüllen zu können, das hätte er sich noch vor einem Jahr, also vor Beginn der Coronavirus-Pandemie, nicht vorstellen können. Doch dann ist das passiert, was so oder ähnlich seit der Verbreitung von Sars-CoV-2 Unzählige in Spanien und der ganzen Welt in den Abgrund zieht. Das Hotel in Benidorm, in dem der 33-Jährige als Kellner arbeitete, machte mit dem Lockdown im März dicht. Andrés M. wurde in die Kurzarbeit geschickt, das Geld dafür bekam er erst fünf Monate später. Auch seiner Frau brachen die Einkünfte weg, immerhin erhielt sie eine Art Sozialhilfe. Aber die reichte nicht annähernd für Miete, Auto, Schulbedarf, Strom und Wasser. Und auch nicht für das Auffüllen des Kühlschranks. Andrés M. musste einen für ihn schweren Schritt tun und bei der Caritas um Hilfe bitten.

Caritas SpanienHilfsorganisation der katholischen Kirche
Gründung1947
Geografische AbdeckungSpanien

Corona und Armut: Caritas Benissa unter Hochdruck

„Fälle wie diese haben wir viele“, sagt Ana Ivars, Leiterin der Caritas in Benissa, wo zurzeit 70 Familien in Armut geholfen wird – finanziell, aber auch moralisch. Wie sämtliche Hilfsorganisationen in sämtlichen Teilen Spaniens, arbeitet die Caritas auch in dieser Costa-Blanca-Gemeinde seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie auf Hochtouren. Es seien längst nicht mehr nur Immigranten, die auf die Hilfe angewiesen seien. „Einheimische können es meist etwas länger hinauszögern, da sie Unterstützung von der Familie erhalten, aber auch sie kommen immer mehr ans Limit.“

Die Monate zwischen März und Juli seien die schlimmsten seines Lebens gewesen, sagt Andrés M. „Wenn du alleine lebst, ist Armut noch etwas anderes, als wenn du deine Kinder versorgen musst“, sagt er. Er habe sich geschämt, bei der Caritas anzufragen, und sei nach dem ersten Termin nicht von alleine wieder hingegangen. Aber Ana Ivars ermutigte ihn, rief ihn regelmäßig an, hörte ihm zu, gab ihm Bescheid, wenn er sich Lebensmittel abholen konnte. „Sie ist eine außerordentliche Person“, sagt Andrés M., sichtlich dankbar dafür, dass er mitten in der Coronavirus-Pandemie diese Anlaufstelle hatte.

Armut an der Costa Blanca: Wenn das Kurzarbeiter-Geld nicht kommt

Doch so offen auch das Ohr war, das er bei der Caritas fand, so sehr rannte er bei den Behörden gegen Mauern. „Alle Kollegen hatten das Geld für Kurzarbeit erhalten, bei mir war ein Fehler unterlaufen. Beim zuständigen Amt nahm man das Telefon nicht ab, meine E-Mails wurden nicht beantwortet.“ Und auch der Antrag für eine Miethilfe wurde erst Monate später bearbeitet.

Dann, endlich, öffnete sein Hotel im Juli wieder und fünf Monate nach ERTE-Beginn kam auch das Geld für die Kurzarbeit. Ein Geldsegen, der vor allem dafür draufging, alles in den fünf Monaten Geliehene wieder zurückzuzahlen. Doch auch sein Arbeitgeber konnte nur mit Hängen und Würgen bis Oktober durchhalten, dann musste das Hotel an der Costa Blanca wieder schließen. Wieder Kurzarbeit, wieder Warten aufs Geld. „Das müsste jetzt eigentlich eintreffen, auch sonst geht es besser, meine Frau hat eine Arbeit im Zitrusfruchtsektor gefunden.“ Ein Licht am Ende dieses so langen Coronavirus-Tunnels? Nicht so ganz. „Wenn das Hotel bis zur Osterwoche nicht öffnet, bin ich meinen Job endgültig los“, sagt er und befürchtet eine neue Armutswelle.

Corona führt in die Armut: Hoffnung auf Solidarität an der Costa Blanca

Auch Ana Ivars ist skeptisch, was das Licht am Ende des Tunnels angeht. „Jetzt hoffen wir erst einmal, dass die Menschen sich zu Weihnachten solidarisch zeigen“, sagt die Caritas-Leiterin. Denn obwohl die Spendenbereitschaft auch hier an der Costa Blanca hoch sei: die Nachfrage steige mit der Armut. Nicht nur nach Lebensmitteln. „Dazu kommen die Kosten für Strom, Licht, Internet, viele Kinder brauchen für die Schule ein Tablet oder einen Computer.“ Auch Geldspenden seien daher wichtig.

Denn es werde nicht besser. „Das Schlimmste steht uns noch bevor“, befürchtet Ana Ivars die weitere Entwicklung an der Costa Blanca. „Viele Unternehmen warten noch das Ende des Jahres ab, wenn es dann nicht bergauf geht, müssen sie dichtmachen.“ Und ihre Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit schicken. Caritas ist eine der Stellen, die diese im Zuge der Coronavirus-Pandemie weiter wachsende Armut als erstes spüren wird.

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