José Ignacio Munilla, neuer Bischof von Orihuela-Alicante
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Manch einer griff sich bei der Ernennung von José Ignacio Munilla zum Bischof von Orihuela-Alicante an den Kopf. Der Bischof selbst rückt sich nur die Mitra zurecht.

Kirche in Spanien

Neuer Bischof für Orihuela-Alicante: Gott spielen von der Twitter-Kanzel

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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José Ignacio Munilla wird der neue Bischof für Orihuela-Alicante. Er ist homophob, frauenfeindlich und so reaktionär, dass er selbst unter katholischen Fundamentalisten als Hardliner gilt. Kirchengegnern kommt die Ernennung daher gelegen.

Orihuela – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Matthäus, 7-1), heißt es in einem berühmten Buch. Der 61-jährige José Ignacio Munilla Aguirre wird ab Februar neuer Bischof der Diözese Orihuela-Alicante, einem der ältesten Bistümer Spaniens und somit auch Hausherr der Kathedralen von Orihuela und Alicante. Noch älter als sein Bistum, geradezu alttestamentarisch, sind jedoch die Ansichten des Geistlichen, der Jesús Murgui nachfolgt, der mit 75 Jahren in Rente ging. Munilla war zuvor Bischof in San Sebastián und nimmt die Ernennung seitens Papst Franziskus „mit Freude und Dankbarkeit für das Vertrauen des Papstes auf, Oberhirte dieser Diözese zu werden“.

Bischof Munilla bei der Pressekonferenz nach seiner Ernennung.

Neuer Bischof für Orihuela-Alicante: Abtreibung ist "weiblicher Holocaust", Schwule neigen zum Kinderschänden

Die Mitteilung machte er über Twitter, seiner bevorzugten Kanzel, von der er mitunter obsessiv seine verbalen Bannstrahlen verbreitet. Schon im Baskenland lehnten 80 Prozent der örtlichen Pfarrer Munilla als ihren Bischof ab, der Papst setzte sich damals wie heute durch, was auch Zweifel an der Aufrichtigkeit vermeintlich "progressiver" Äußerungen des Argentiniers auf dem Petrus-Thron im Vatikan aufkommen lässt. Die Steine des Anstoßes sind auf Twitter nachlesbar.

Blick in den Renaissance-Hof des Bischofspalastes von Orihuela, in dem auch das Diözesan-Museum untergebracht ist.

Für den kommenden höchsten Seelsorger von Orihuela-Alicante ist „Homosexualität eine Krankheit, eine Störung wider die Natur, die sich durch Therapie heilen lässt“. Er habe, so Munilla im TV, selbst „drei Seelen auf diese Weise gerettet“. Freilich sei „Pornographie oft der Auslöser für Homosexualität“, deren Ursache aber „in familiären Wunden in der Kindheit“ zu suchen seien. Sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch Kirchenfunktionäre? "Das passiert nur, weil die Kirche schwule Priester einstellt", denn "Homosexuelle haben ihre Triebe nicht im Griff und sind anfällig für Päderastrie".

Zum Thema: Bischof in Spanien brennt durch - Triumph der Liebe oder des Teufels?

Auch Scheidung sei „unmoralisch“, denn „jedes Kind habe ein Recht auf einen Vater und eine Mutter“, daher sei auch „künstliche Befruchtung inakzeptabel“, Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare natürlich auch. Im übrigen könne es nicht "politisch unkorrekt sein, Homosexuelle Therapien zu unterziehen, um sie auf die korrekte Sexualität zu korrigieren, wenn es gleichzeitig politisch korrekt ist, Operationen durchzuführen, die das natürliche Geschlecht von Menschen verändern."

Das Recht auf Abtreibung bezeichnet Munilla als „holocausto feminino“, weiblichen Holocaust, den man der „Gewalt gegen Frauen gegenüberstellen“ müsse, womit er sie im Grunde rechtfertigt. Und in seinem Buch „Sex mit Seele und Körper“ beschreibt der Sexualexperte die Masturbation als „Gewalt am eigenen Körper“ und eine „Banalisation des reinen Liebesaktes“. Frauen seien zudem wegen ihrer zugedachten Rolle als Mütter, „sensibler und hormongesteuerter“ als Männer. Achja: Einwanderer und Flüchtlinge sind samt und sonders Terroristen, twitterte der Bischof, dessen Chef den weltlichen Herrschern gerade die Leviten las, weil sie nicht genug für Flüchtlinge tun.

Unter seinem Eintrag vom 6. Dezember lesen wir, dass Kritik an der LGTBI-feindlichen Politik eines Viktor Orbán in Ungarn oder der regierungsseitigen Kriminalisierung von Frauen in Polen „Kolonialisierung“ sei und warnt, dass es „in den Schützengräben keine Atheisten gibt“, bebildert mit einem Stier, der einen Jungen auf ein Kreuz jagt.

Zum Thema: Santa María - Alicantes älteste Kirche.

Fanatisch und anmaßend: Neuer Bischof von Orihuela-Alicante spielt Gott auf Twitter

Des Bischofs Twitter-Kanal folgen 70.000 User, die dann in den bis dato 4.155 Tweets auch mal lesen dürfen, dass „die Abtreibung ein Werk des Dämons Feminismus“ sei. Die aktuelle Debatte über die Legalisierung weicher Drogen kommentiert er: „Von Brot und Spiele geht es zu Joints und Porno“. Der Bischof scheint nicht leicht zu verkraften, dass das einst kirchliche Monopol auf das „Opium des Volkes“ Religion zusehends flöten geht. Und er schiebt die Freudsche Offenbarung nach: „Die stabilste Diktatur ist jene, der es gelingt, dass die Sklaven Vergnügen an ihrer Gefangenschaft fühlen“. Hallelujah!

Die anmaßenden Ausfälle eines fanatischen Predigers könnten der Gesellschaft im Grunde egal sein, wenn die Katholische Kirche vor allem in Spanien durch ihre anachronistischen Privilegien, ihre steuerlichen und juristische Sonderstellung, ihren Zugriff auf den Schulunterricht, auf Minderjährige durch Kommunion, Konfirmation, Bibelstunden und durch ihren seelsorgerischen Imperativ gerade gegenüber den emotional angeschlagensten Kollektiven, nicht so erheblichen gesellschaftlichen Einfluss hätte. Eine privilegierte Religionsgemeinschaft als Staat im Staate beißt sich indes immer stärker mit dem Verfassungsgebot der Religionsfreiheit. Denn dieser Verfassungsgrundsatz umfasst auch das Recht auf Freiheit von Religion.

Blick zur Kuppel der Konkatedrale von Alicante, dem zweiten Arbeitsplatz des neuen Bischofs.

Dennoch: Ein Munilla auf dem Bischofsstuhl dürfte Atheisten und anderen Kirchenkritikern willkommen sein, denn er wird die Erosion der Kirche nur beschleunigen. Jüngere Gläubige nehmen Anmaßungen lebensfremder, im Grunde hetzender Geistlicher nicht so hin wie ältere Generationen und kehren zumindest der Kirche den Rücken, wie die Zahlen belegen. Christlich sein, oder was immer sie sein wollen, können sie auch ohne einen im Grunde menschenfeindlichen Bischof und den ranzigen Gestank seiner Richtersprüche, die in der Hölle gesellschaftlicher Irrelevanz zu Asche verfallen werden. Wie hieß es doch gleich noch im Buch der Bücher, dem Gesetzbuch des Christentums? „Wer bist du, dass du über deinen Nächsten richtest?“ (Jakobus 4,12)

Zum Thema: Der ewige Kreuzzug - Kleine Geschichte der Katholischen Kirche von Spanien.

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