Leere Straße im Dorf
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Keine Menschenseele ist auf den Straßen von Margarida zu sehen, das Dorfleben ist mit der Quarantäne komplett eingeschlafen.

Coronavirus Valencia

Coronavirus in spanischen Dörfern: Leergefegte Straßen, Existenzängste, aber auch Optimismus

  • vonStella Kirchner
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Das Coronavirus ist in Spanien allgegenwärtig und macht auch vor den grünen Tälern im Hinterland der Costa Blanca nicht Halt. Besonders Hotels und Landwirtschaft sind von den Folgen betroffen. Doch in puncto Krisenbewältigung macht kaum einer den kleinen Orten etwas vor. 

  • Die Bewohner der Orte im Hinterland sind wesentlich älter als der spanische Durchschnitt. 
  • Landwirtschaft und Wochenendtouristen sind die wichtigste Einkommensquelle. 
  • Für den Einkauf im Supermarkt müssen die Bewohner 20 Kilometer fahren.

Planes - „Ruhig war es hier schon immer, aber jetzt ist es fast gespenstisch“, erzählt Carmen Lucas. Sie lebt im Dorf Margarida, im Hinterland von Alicante, das im Winter nur etwa 20 Einwohner zählt. Auch im Frühjahr und Sommer sind es nicht beträchtlich mehr. Ihr Sohn Marino Lucas leitet die örtliche Agrarkooperative, die Öl und Kirschen unterschiedlicher einheimischer Bauern verkauft. Im Moment erledigt er alles für seine Eltern, vom Einkauf über administrative Geschäfte bis hin zum Besorgen der Medikamente.

„Ich bin über 70 Jahre alt und so froh, dass ich meinen Sohn habe“, erzählt die Dorfbewohnerin. Seit mehreren Wochen war sie nicht mehr draußen. Doch auch ihr Sohn ist – vor allem geschäftlich – stark von den Notstandsgesetzen betroffen. „Unser Verkauf lebt von lokalen Wochenmärkten. Wir beliefern die ganze Marina Alta. Dadurch, dass die weggefallen sind, müssen wir unsere kompletten Erträge an große Supermärkte verkaufen.“ Auch wenn diese nur einen Bruchteil dessen zahlen, was die Kooperative auf den Märkten verdienen würde, gibt der Sprecher nicht auf. „Das ist nicht die erste Krise, die unser Dorf überstehen muss. Erst die Eurokrise, dazu der stetige Rückgang der Bevölkerung und immer mehr heftige Naturkatastrophen, die unsere Ernte zerstören. Ich musste mir schon oft einen Zweit- oder Drittjob suchen und bin mir sicher, dass uns das auch diesmal über die Runden bringen wird“, gibt er sich kämpferisch.

Coronavirus im Frühling: Das Jahr ist noch nicht vorbei

Eine Schätzung über den Verlust, den die Kooperative und die gesamten Kleinbauern der Gegend erleiden werden, hat Lucas noch nicht angestellt, als wir ihn im April treffen. „Das Jahr 2020 ist noch lang, zum Glück werden Kirschen erst im Sommer und Oliven erst im Herbst geerntet, da hat unsere Kooperative noch alle Möglichkeiten, gutes Geld zu verdienen. Meinen Nachbarn, die Erdbeeren produzieren, geht es da deutlich schlechter“, bedauert der Landwirt. Auch Erntehelfer seien nur schwer zu finden. „Es darf ja niemand durch das Land reisen und unter den Einheimischen ist Pflücker nicht unbedingt der beliebteste Beruf“, erzählt Lucas.

Marino Lucas verkauft sein Öl aktuell nur an Supermärkte.

Trotz allem versteht er aber die Entscheidung der Regierung. „Wir müssen jetzt alle zusammenhalten, dabei denke ich vor allem auch an meine Eltern. Für die älteren Menschen bin ich gerne bereit, einen gewissen Preis zu zahlen.“

Diese Meinung teilt Marino Lucas mit Michael Vietze aus Köln, der das Hotel L’Almàssera im selben Dorf betreibt. „Wir befinden uns in einer dramatischen Krise, aber zumindest werden diesmal Menschen gerettet und keine Banken.“ In der aktuellen wirtschaftlichen Situation sorgt sich der Deutsche vor allem um seine Angestellten. „Es ist eine Sache, selbst mit wenig Geld auskommen zu müssen, aber etwas ganz anderes, wenn man wie ich für vier Angestellte sorgen muss, die Familien zu ernähren haben“, findet Vietze. Sein Hotel mit dem angeschlossenen Restaurant lebt nicht zuletzt von Wochenendausflüglern, die Wanderungen unternehmen oder die kleinen Dörfer des Tals besuchen. „Würde ich nur auf die Rentabilität achten, müsste ich es sofort dichtmachen“, gibt der Hotelier zu. „In dieser Branche lebt man von der Hand in den Mund, die Reservierungsgebühr des einen Gasts zahlt die Heizung des anderen.“ Trotz allem bleibt der Kölner optimistisch. „Mein Haus ist klein, hat nur wenige Zimmer und das Publikum ist eher qualitäts- als preisbewusst. Außerdem ist davon auszugehen, dass Spanier 2020 eher im eigenen Land als im Ausland Urlaub machen werden, weil das Geld für weiter entfernte Ziele gar nicht da ist“, denkt er.

Spanische Dörfer in der Quarantäne im Vorteil

Insgesamt scheinen sich die Täler im Norden der Provinz Alicante besser mit der Coronavirus-Krise abgefunden zu haben als andere Teile Valencias. „Hier auf dem Lande macht mir das kaum etwas aus, wir haben ja ein schönes, großes Haus, in der Stadt muss die Lage viel schlimmer sein“, so Carmen Lucas. Sie ist sich bewusst, dass Menschen in ihrem Alter besonders gefährdet sind. „Ein Freund meines älteren Bruders war in dem Heim in Alcoy, in dem sich so viele Menschen infiziert haben. Das hat mir wirklich große Angst eingejagt, so weit sind wir hier schließlich nicht von der Stadt entfernt.“ Alcoy und die Umgebung seien auch für die Bewohner von Margarida gar nicht so leicht zu meiden. „Die nächsten richtigen Supermärkte befinden sich in Muro de Alcoy. Da gehen auch viele Menschen aus Alcoy hin und wer weiß, wie viele von denen mit dem Seniorenheim Kontakt hatten“, erzählt ihr Sohn Marino besorgt. „Hier in den Dörfern kann ich aber viele Artikel des täglichen Bedarfs nicht kaufen und muss nach Muro, was wiederum meine Eltern in Gefahr bringt.“

Doch nicht jeder ältere Mensch hat das Glück, von einem Angehörigen mit Lebensmitteln versorgt werden zu können. Im Schnitt sind die Dorfbewohner wesentlich älter als die übrigen Valencianer, unter den Frauen ist die Gruppe der Über-85-Jährigen sogar die drittgrößte. Viele junge Menschen zieht es in die Stadt, vor allen nach Alcoy, Alicante und Valencia.

Einsamkeit wegen Coronavirus

Daniel Catalá, der im Rathaus von Planes, einem Ort mit etwa 1.900 Einwohnern, arbeitet, kennt das Problem. „Hier gibt es viele ältere Menschen, die allein leben. Einsamkeit ist jetzt gerade durch das Coronavirus noch einmal allgegenwärtiger, als es ohnehin schon war.“ Gerade im Frühling spiele sich normalerweise das ganze Leben draußen ab. „Die Dorfbars und die Straßen sind Dreh- und Angelpunkte des Dorflebens, jetzt ist nichts mehr davon da.“

Mari Carmen Ferdad betreibt die Fleischerei von Planes und steht täglich hinter dem Tresen.

So sieht das auch Miguel Rodrigo. Der 83-Jährige leidet vor allem unter der Trennung von seiner Enkeltochter. „Ich habe die Kleine sonst täglich gesehen, sie war immer bei mir, wenn ihre Eltern arbeiten waren“, erzählt er freudig. Doch beim Gedanken daran, wie lange der Notstand wohl noch dauern mag, verfinstert sich sein Gesicht. „Ich will mich ja nicht in Gefahr begeben und bleibe deswegen überwiegend zu Hause, aber im Moment habe ich einfach das Gefühl, dass mein Leben gar keinen Sinn mehr macht“, so Rodrigo traurig. „Wer weiß, wie sich meine Enkelin verändert hat, wenn ich sie wieder sehen kann?“

Senioren schützen und Familien trennen

Auch Mari Carmen Ferdad, die die Fleischerei des Ortes betreibt, wünscht sich nichts sehnlicher, als bald wieder mit ihren Enkeln Zeit verbringen zu können. Hinter der Theke hängen mehrere Familienfotos mit ihrem Sohn, der Schwägerin und der kleinen Enkelin. „Sehen Sie, da haben wir zusammen einen Wochenendausflug gemacht. Und jetzt darf ich sie nicht mehr sehen, stehe aber dafür jeden Tag im Laden und verkaufe Fleisch und Wurst an alle möglichen Leute, weil das ein essenzieller Job ist. Macht das wirklich Sinn?“, fragt sie sich.

„Die Lebensmittelläden sind wesentlich für unseren Ort, zweimal pro Woche wird Fleisch geliefert, einmal Fisch, und beim Gemüse gibt es auch einiges von den heimischen Feldern“, sagt Rathausmitarbeiter Catalá. „Wir haben zwei Fleischereien, zwei Bäckereien, Agrarkooperativen und Gemüseläden. Bis zu einem gewissen Grad sind wir hier also unabhängig und können uns ein Stück weit auch von der Außenwelt isolieren“, erklärt er. Genau wie Margarida hat aber auch Planes eine sehr betagte Einwohnerschaft. „Viele unserer Mitmenschen können nicht mehr Auto fahren. Das Sozialamt bietet diesen Menschen an, ein paar Lebensmittel für sie zu kaufen. Das wird auch gut angenommen“, berichtet das „Mädchen für alles“ aus dem Rathaus, wie er sich selbst bezeichnet. Neben dem Einkauf fehle den älteren Bewohnern von Planes vor allem eins: „Zu ihrem eigenen Schutz sollten Senioren keine Banken aufsuchen, aber viele Leute haben ihr Leben lang Bargeld direkt am Schalter geholt.“

Gemeinsam gegen Corona

Während andere Gemeinden ihre Belegschaft komplett nach Hause schicken, hält Catalá im Vorraum die Stellung, bereit, um Hilfesuchenden durch die Tür hindurch die richtigen Tipps mit an die Hand zu geben. „Besonders oft werde ich danach gefragt, was man noch darf und was nicht. Darüber herrscht sehr viel Unsicherheit, weil alle Angst haben, einen Fehler zu machen.“ Dabei fallen die Kontrollen iin der Umgebung eher knapp aus. Auf der CV-700, die einmal komplett von Muro de Alcoy in die Dörfer des Tals führt, sieht man keine einzige Streife. Erst wenn sich die ländlichen Orte langsam auflösen und Industrie, Stadt und Autobahn weichen, wird wieder kontrolliert. Alcoy bildet den Höhepunkt und ist praktisch komplett abgeriegelt. „Nachdem das Virus in der einen Seniorenresidenz ausgebrochen ist, hat die Stadt komplett ihre Tore verschlossen“, erklärt Catalá.

Isolation, leere Straßen und geschlossene Infrastrukturen verbinden die gesamte Tallandschaft. Doch auch eine gewisse Energie und Kampfgeist sind spürbar und zeigen, dass die Dörfer bereits mehr als eine Krise meistern mussten. Die einhellige Meinung ist: „Auch Covid-19 werden wir überstehen“.

Von Weitem ist die typische malerische Aussicht zu bewundern.

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