Ein Mann desinfiziert die Sitzbänke in Kirche San Nicolas in Alicante.
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Covid-19 sicher: Kirche San Nicolas in Alicante am 18. Mai.

Katholische Kirche in Spanien

Covid-19 kostet Kirche 40 Millionen: Caritas Alicante hilft 8.000 Familien in Coronavirus-Krise

  • vonStefan Wieczorek
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Nach der Coronavirus-Fastenzeit öffnen die Kirchen der Costa Blanca wieder. Doch es gelten strenge Sicherheitsnormen - und die Zeit ohne Gottesdienste riss ein Finanzloch auf.

  • Sars-CoV-2-Gefahr: Kirchen an Costa Blanca seit 18. Mai offen - aber Events fallen aus.
  • Bischof fordert in Covid-19-Krise zu Hilfsbereitschaft auf, Caritas spendet 210 Tonnen Lebensmittel.
  • Coronavirus-Lockdown kostet katholische Kirche in Spanien 40 Millionen Euro.

Orihuela/Alicante - Madrid, Valencia, Alicante. Alle großen Städte hatten in der Coronavirus-Krise ihre apokalyptischen Bilder mit leeren Straßen. Um den 17. Mai aber beeinduckte die Leere in einem verschlafenen Dorf an der Costa Blanca. In Orito, Vorort von Monforte. Hierhin strömen sonst Tausende aus Alicante, Elche, Orihuela, zum Feiertag des Heiligen Pascual. Es ist an der Küste , nach Santa Faz (kurz nach Ostern) das zweite große Pilgerevent. Zudem ist in Spanien der Mai, Monat der Jungfrau Maria, mit Maikreuzen und Wallfahrten die kirchliche Zeit des Frühlings. Doch Covid-19 stoppte alle Wallfahrer. (Video: Caritas Spanien)

Zudem belastet das Coronavirus die katholische Kirche in Spanien finanziell schwer. Wegen fehlender Spenden im Klingelbeutel verloren spanische Pfarreien im Lockdown pro Monat 20 Millionen Euro, sagte der Vizesekretär für Finanzen, Fernándo Giménez, dem Portal „Religíon Digital“ . Die Bischofskonferenz entwickle einen Notfallplan für Gemeinden und Diözesen, die die Pandemie in den Ruin geführt hat. Indes laufen die Hilfen der Kirche für wirtschaftliche Opfer des Coronavirus weiter. 440.140 Euro spendete allein die Caritas Orihuela-Alicante bisher: 210 Tonnen Lebensmittel für 8.100 Familien mit 32.300 bedürftigen Menschen.

Zumindest trat das ganze Bistum Orihuela-Alicante am 18. Mai in Phase 1 der Deeskalation. Das bedeutet, dass nun alle Kirchen öffnen können. Allerdings unter Auflagen: Nur zu einem Drittel ausgelastet, sorgsam markierte Abstände, Handschuhe für den Priester, Stellen zum Händewaschen für Besucher. Am 11. Mai war ein Teil der Provinz in Phase 0 geblieben, weshalb Bischof Jesús Murgui den Trauergottesdienst für die Verstorbenen der Coronavirus-Krise in der Konkathedrale in Alicante noch hinter verschlossener Tür feierte und per Stream seine Gebete und Gedanken an die Gläubigen an der Costa Blanca richtete.

Senioren gehören zur Coronavirus-Risikogruppe.

Coronavirus-Zahlen: „Menschen mit Plänen und affektiven Bindungen“

Murguis Predigt wurde zu einer Zusammenfassung der Covid-19-Krise aus katholischer Sicht. Der Bischof schlug einen Bogen zum Aschermittwoch Ende Februar, wonach wegen der Pandemie bald aus der „cuaresma“, Fastenzeit, eine „cuarentena“, Quarantäne, wurde. „Viel Leid haben wir seitdem erlebt, aber auch viele anonyme Heldentaten“, sagte Murgui. „Das sollte nie vergessen werden.“ Das große Drama der Coronavirus-Zeit seien die vielen Menschen, die in Einsamkeit, getrennt von ihren Angehörigen, gestorben seien. „Das ist eine unmenschliche Lage, die es in dieser Form vielleicht noch nicht gegeben hat.“ (Video der Predigt)

485 starben in der Provinz bisher am Coronavirus. Keine Zahlen - „sondern jeder Einzelne ein Mensch mit Lebensplänen und affektiven Bindungen“, sagte Murgui, der zudem betonte: Rein wissenschaftlich sei die Krise nicht zu betrachten. „Denn wenn wir für die Menschen im Gesundheitsdienst jeden Abend applaudieren, dann nicht nur, weil sie großartige Fachleute sind, sondern weil sie bereit sind, ihr Leben für Mitmenschen zu geben.“ Wie auch im Verlauf der ganzen Krise, vermied es Murgui, Polemik zu schüren. Artig befolgte sein Bistum von Anfang an die Sicherheitsvorkehrungen der weltlichen Verwaltungen gegen Sars-CoV-2.

Konflikte unter Corona: Kirchen keine Supermärkte

Dabei hat die Covid-19-Krise für die Kirche durchaus Konfliktpotential. Kürzlich blockierte Spaniens Regierung die Anfrage des Bistums, das Tuch mit Jesu Antlitz aus dem Kloster Santa Faz zur Burg Alicante zu tragen. Es wäre ein alter Ritus gegen Seuchen und Plagen. Der Ärger über das Nein aus Madrid war in Alicante groß. Bischof Murgui segnete die Stadt mit dem heiligen Tuch dann doch: Aber nicht auf der Burg, sondern brav am Kloster, live im Internet-Stream. Kampflustiger war Valencias Bischof Antonio Cañizares, der am Tag der Ortspatronin die Tür der Basilika öffnete und es sich mit Rathaus und Ortspolizei verscherzte:

Andere konservative Stimmen kritisierten, dass in der Covid-19-Krise in Spanien Supermärkte offen blieben, Kirchen aber nicht. Dahinter steht die Angst, die Pandemie - mit gestopptem Glaubensleben - könnte die Kirchenkrise noch verstärken. Seit Jahren säkularisiert sich Spanien. Religion wird für Menschen unerheblicher. In zehn Jahren verloren die Gottesdienste eine Million Besucher, tausende Pfarreien sind ohne Priester. Und jetzt, wo die Kirche dringend einen Neustart braucht, ist ausgerechnet die Gruppe, die den Großteil der religiösen Aktivitäten trägt, stark geschwächt: die Älteren, die Risikogruppe von Sars-CoV-2.

Keine Angst vor Corona: Ausweg ist Hilfsbereitschaft

Die Kirchengegner dagegen lauern, auch unter Covid-19. Kein Wunder: 40 Jahre nach der formellen Trennung von Kirche und Staat genießt die spanische Kirche immer noch große Privilegien in Bildungs- und Steuerwesen oder Immobilien. Die nahende Wirtschaftskrise wird die Debatten darum neu befeuern. Zumal auch die politische Polarisierung zunimmt, und die Kirche in Spanien wegen ihrer Franco-Vergangenheit immer noch schwere politische Bürden trägt. Immer wieder kommt es zu gegenseitigen Provokationen konservativer Kirchenvertreter und kirchenkritischer Parteien - siehe Santa Faz oder Valencia.

In der Covid-19-Krise öffneten am 11. Mai die ersten Kirchen der Costa Blanca.

Bischof Jesús Murgui vermied in seiner Pandemie-Predigt Konflikte und Ängste vor der Corona-Apokalypse. „Schauen wir nicht darauf, was derzeit alles fehlt, sondern auf das Gute, was wir tun können - und müssen“, so der Priester. „Das Leben dient zu nichts, wenn man nicht dient. Der Weg des Dienstes ist der, der triumphiert und uns rettet.“ Worte, die auffallen können in der Kirche, die sich in Spanien lange an politische und materielle Triumphe gewöhnte. Einer Kirche, die in der heutigen Krise gerne noch mächtig genug wäre, um selbst zu entscheiden, ob sie wegen der Covid-19-Gefahr ihre Türen öffnet oder nicht.

Vorbild für Covid-19-Krise: Wundersamer Live-Stream vor 450 Jahren

Helfen statt murren lautet aber der Coronavirus-Appell des Kirchenhirten im Stream aus der leeren Kathedrale. Ganz im Sinne eines anderen Hirten: San Pascual. In Orito trat dieser 1560 den Franziskanern bei. Die hatten - wegen Korruption in der Kirche und der allgemeinen Not - gerade ihren Reformzweig geschaffen. Barfuß, ohne Hab und Gut halfen die Mönche aus, wo sie konnten. Pascual Baylón, der sich als Hirte an die Costa Blanca verirrte, beeindruckte das. Ein Wunder soll ihn zum Eintritt bewegt haben: Als er Schafe hütete, am Wald vor dem Dorf, sah er in einer Vision die Wandlung des Brotes - live aus der Kirche in Orito.

Corona statt Kirmes: An dieser Stelle hatte San Pascual bei Orito 1560 seine Vision.

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