Islam und Coronavirus

Ramadan in Quarantäne: Muslime in Alicante wegen Coronavirus im einzigartigen Fastenmonat

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Ramadan 2020: Viele Muslime bevorzugen in Coronavirus-Krise digitale Kanäle.
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Noch bis 23. Mai läuft der Ramadan, der islamische Fastenmonat. Für Muslime an der Costa Blanca steht die 30-tägige Fastenzeit ganz im Zeichen der Coronavirus-Krise: Kein abendliches Beisammensein, keine Gebete in der Moschee. Für einen großen Teil der Gläubigen ist die Covid-19-Ausnahmelage allerdings nichts Neues.

  • Islamische Gemeinschaft an Costa Blanca befolgt im Ramadan Coronavirus-Anweisungen.
  • Viele muslimische Familien sind durch Covid-19-Vorkehrungen in wirtschaftlicher Not.
  • Der Islam befindet sich in Spanien in besonderem Spannungsfeld.

Alicante - Erst vor einem halben Jahr eröffnete die islamische Gemeinschaft in Orihuela, im Süden von Alicante, ihre neue Moschee. Kein großes Gotteshaus mit Minaretten, sondern das Innere eines schmucklosen Eckhauses in der Altstadt. Für die Menschen im Kreis Vega Baja, viele von ihnen auf den Feldern als Landarbeiter angestellt, war sie ein Segen. An die 120 Gläubigen versammeln sich seitdem zum Gebet. Nun erlebt die hübsch gestaltete Moschee ihr erstes Ramadan. Wie? Menschenleer. Wegen des Coronavirus müssen alle Muslime zu Hause bleiben. (Video: Kunstvoller Zugang zum Ramadan)

Spaniens Regierung hatte vor Beginn des Ramadans 2020 die Ausgangssperre dekretiert. Das war okay, sagte Mimoun El Bouanany, Vorsitzender der Muslime in Almoradí, der Zeitung „Información“. „Das islamische Gesetz sagt schon seit 1.400 Jahren, dass du in Zeiten einer Epidemie bleiben musst, wo du bist, um eine Weiterverbreitung zu verhindern“, so El Bouanany zur Lage wegen Covid-19. Gesundheit stehe an erster Stelle. Doch den Gläubigen fehlt im Ramadan nun ein dringend benötigter Halt. Einem bedeutenden Teil der etwa 100.000 Muslime an der Costa Blanca setzt die Coronavirus-Sperre wirtschaftlich enorm zu.

Trotz Coronavirus weitermachen: Islamische Tafel Al-Taufik

Ob Arbeiter oder Betreiber von Bars oder Sprechlokalen (Locutorios) - viele muslimische Familien müssen wegen der Ausgangssperre ohne Einkommen auskommen. Da wird leicht das Gebot des Ramadans tagsüber auf Essen und Trinken zu verzichten, zum ungewollten Zwang. Schwer im Einsatz sind daher Tafeln und Hilfsvereinigungen wie Karam aus Alicante. In Elche dagegen muss die islamische Tafel Al-Taufik improvisieren. Statt die täglich rund hundert Kunden - Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen - zu versorgen, gibt es aus Vorsicht vor Sars-CoV-2 nur Tupperdosen an der Tür.

“Das wichtigste ist, dass wir weitermachen”, sagt die Leiterin von Al-Taufik, María Eugenia Bermúdez. Die Muslimin weiß: die Hilfe für Arme ist auch in Coronavirus-Zeiten eine der fünf Säulen des Islam - und derzeit eine der am meisten benötigten Ramadan-Aktivitäten. Ganz zu ist hingegen der Ort, der normalerweise Freizeitbesucher der Costa Blanca auf islamische Geschmäcker bringt: Carmen del Campillo, ein Teehaus in Crevillent, das in einer Villa im maurischen Stil untergebracht ist. Ihren paradiesischen Garten genießt im Ramadan zumindest die muslimische Familie, die den sehenswerten Komplex bewohnt.

Ein Großteil der Muslime der Provinz Alicante lebt den Glauben in der Fastenzeit jedoch nun allein. Für viele ist das nicht neu. Schließlich ist die Gemeinschaft der Muslime in Alicante keineswegs homogen. Eindeutig dominiert den hiesigen Islam zwar die Bevölkerung aus dem Maghreb, doch seien um Orihuela auch viele Gläubige aus Pakistan, Mali oder dem Senegal heimisch, teilt Imam Mohamed Morabet mit. So seien „in der Moschee alle gleich", doch im Gebet, auch den Riten des Ramadan gebe es Unterschiede und verschiedene Begriffe. Viele Muslime besuchten auch vor dem Coronavirus schon keine Moscheen.

Islam im Geschmack und Stil: Teehaus Carmen del Campillo in Crevillent.

Islam in Spanien vom A bis O

Unabhängig von Covid-19 befindet sich der Islam in Spanien in einem besonderen Spannungsfeld: Das Land durchgeht eine tiefe Säkularisierung, immer mehr Menschen wenden sich von Religionen ab, auch wegen der Radikalisierung von Gläubigen bis hin zum Terror. Konflikte zwischen Weltanschauungen werden durch Extremisten im Internet gefördert. Eine unvoreingenommene Sicht fällt immer schwerer. Spanien ist dabei immer noch durch Jahrhunderte einer mächtigen katholischen Kirche geprägt. Vor der Reconquista („Wiedereroberung") aber regierte es jahrhundertelang der Islam - als Religion der Mauren.

Die Spuren jener Zeit sind an der Costa Blanca nicht leicht zu finden. Städte wie Alicante oder Elche stehen zwar auf maurischen Fundamenten, entsprechende Erklärungen erhält man aber fast nur in Museen, etwa im Archäologiemuseum Marq. Im Alltag jedoch nutzen Landwirte der Region bis heute noch von den Mauren entwickelte Anbautechniken. Und Millionen Spanier verwenden Tag für Tag unzählige islamisch geprägte Wörter und Ausdrücke: „Aceituna“ etwa, was Olive bedeutet, und von „az-zaytūn“ abstammt. Oder eben Orihuela, die Stadt, der die Mauren einst den Namen „Uryúla“ gaben.

Wegen Coronavirus: 2020 kein so freudiges Fastenbrechen.

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