Ein Arzt mit Kittel und Maske steht vor seinem Büro in einer Klinik in Benidorm.
+
Dr. Fernando Sánchez Ruano, Chefarzt des Hospital Clínica Benidorm.

Covid an der Costa Blanca

Chefarzt aus Benidorm über Coronavirus in Spanien und an Costa Blanca - CBN-Interview

  • vonStephan Kippes
    schließen

„Medizinisch ist es simpel und klar“: Dr. Fernando Sánchez Ruano, Chefarzt des Hospital Clínica Benidorm (HCB) im Gespräch mit Costa Nachrichten über die Lage und Entwicklung des Coronavirus an der Costa Blanca, die Aussichten für den Winter, den Sinn massenhafter Tests, über die Zwänge eines Virus und was er von Corona-Leugnern hält.

Costa Nachrichten: Wie schätzen Sie die Lage der Epidemie vor Ort ein?

Dr. Fernando Sánchez Ruano: Die Epidemie ist begrenzter. Wir stehen besser da als im März, als die Krankenhäuser am Rande des Kollaps waren. Vor allem hier in der Provinz Alicante. Ihr Verlauf ist sicherlich nicht gut, aber, wie gesagt, begrenzter. Im Frühjahr war das Hospital Clínica Benidorm zu 80 Prozent belegt, die Intensivstationen zu 70 Prozent. Heute haben wir ganz wenige Covid-19-Patienten in stationärer Behandlung.

Hat das Virus an Schlagkraft eingebüßt?

Wir haben vier Patienten wegen Covid in Behandlung, deren Krankheitsverlauf sich sehr positiv entwickelt. Und wir haben keinen Patienten auf der Intensivstation. Das ist die Realität. Die Sterberate und auch die Auslastung der Intensivstationen ist nicht mehr die Gleiche. Ich kann aber nicht sagen, dass das Virus an Gefährlichkeit eingebüßt hat.

Aber woran liegt das?

Es gibt Theorien, wonach das Virus aufgrund der zunehmenden kollektiven Immunität an Potenz verloren hat. Wissenschaftlich ist das nicht belegbar. Belegbar ist, dass unsere Möglichkeiten, das Virus frühzeitig aufzuspüren, sich enorm verbessert haben. Anfangs hatten wir nur einen Antikörpertest, jetzt verfügen wir über PCR und das serologische Testverfahren Elisa, das wesentlich sensibler ist. Das hat dazu beigetragen, dass viel mehr Fälle als im März entdeckt werden.

Wo wir davon reden, in Calp ist ein Infektionsherd mit 17 jungen Personen aufgespürt worden. Würden Sie das als gefährlich empfinden, wenn Sie dort wohnen würden?

Natürlich besteht ein Risiko. Entscheidend ist: Wenn so ein Herd entdeckt wird, muss man schnell handeln. Jeder dieser 17 kann vier, fünf weitere Menschen anstecken und die wiederum weitere, und die Infektionen breiten sich im Nu exponentiell aus. Man muss also sofort den Ursprung des Ausbruchs identifizieren, isolieren und alle Kontakte überprüfen. In dieser Phase der Epidemie befinden wir uns gerade. Das ist unsere Waffe gegen das Virus, mit der wir seine Ausbreitung begrenzen können.

Wenn aus einem oder mehreren Infektionsherden eine allgemeine Übertragung wird, ist es zu spät.

Dr. Sánchez Ruano

Wenn aus einem oder mehreren Infektionsherden eine allgemeine Übertragung wird, ist es zu spät. Dann braucht man nicht mehr nach Infizierten zu suchen, sondern muss Krankheitssymptome behandeln. Wenn bei uns ein Covid-Fall bemerkt wird, müssen wir isolieren, die Daten des Patienten aufnehmen, seinen engsten Kontakten nachgehen, während wir die Gesundheitsbehörden informieren, die unsere Kontaktüberprüfung übernehmen und intensivieren.

Die Regierung hofft, dass bis Dezember ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht. Sind wir dann auf der sicheren Seite?

Nun ja, die EU hat 30 Millionen Einheiten des Labors AstraZeneca gekauft, die dann unter den Mitgliedsländern, darunter auch Spanien, verteilt werden. Das heißt, dass in einer ersten Phase wohl erst einmal die Risikogruppen geimpft werden. Man kann nicht damit rechnen, dass mit dem Beginn der Impfungen Covid-19 gleich verschwindet oder sich sofort irgendwelche Änderungen bemerkbar machen. Dieser Impfstoff muss sich auf breiter Ebene als effizient erweisen und wirken, eine erfolgreiche Testphase und die Impfung eines Landes sind zwei verschiedene Sachen. Hoffen wir das Beste.

Muss jeder geimpft werden? Darüber gibt es ja Vorbehalte.

Richtig, aber das ist sehr empfehlenswert. Im Falle einer Pandemie muss eine Impfung 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung erreichen. So gelang es, die Pocken auszurotten. Um wirksam zu sein, muss eine Impfung kollektiv sein. Ihr Ziel ist ja nicht nur, den Einzelnen zu schützen, sondern die Krankheit auszurotten.

Wie erleben Sie als Mediziner die Pandemie?

Ich muss wirklich sagen, mit großer Sorge. Die Situation ist ernst. Was sich im März und April zugetragen hat, das lässt sich nicht so schnell vergessen. Der Kollaps, Patienten, denen man nicht die bestmögliche Behandlung bieten konnte, weil die Mittel dafür erschöpft waren. Senioren aus Residenzen, die gar nicht mehr in die Krankenhäuser gebracht wurden. Das war schlimm – davon sind wir jetzt weit weg, Gott sei dank, aber wir müssen wachsam bleiben.

Medien wirft man vor, mit der Veröffentlichung der Fallzahlen Panik zu schüren. Wie sehen Sie das? Wo ist die Grenze zwischen Vorsicht und Panik?

Dass Nachrichten über eine Pandemie veröffentlicht werden, halte ich für völlig normal. Mag sein, dass einige Medien gezielt die reißerischen Aspekte herausgreifen. Das ist ein Thema, das sehr stark polarisiert. Ich vermisse auf vielen Ebenen einen Mittelweg, einen Übergang von Phasen, der der wirklichen Situation der Epidemie gerechter wird. Meiner Meinung nach war es ein Fehler, dass wir so schnell von einem kompletten Lockdown in eine Normalität mit allen Freiheiten übergegangen sind und all die Schutzmaßnahmen, wie die Maskenpflicht, nachschieben mussten. Das erweckt in der Gesellschaft den Eindruck, dass man nicht wirklich weiß, was man tut.

Das Hospital Clínica Benidorm.

Viele dieser Maßnahmen erscheinen so widersprüchlich, schwer nachzuvollziehen.

Aus medizinischer Sicht sind die Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie simpel und klar. Man versucht, die Übertragung über den Luftweg zu stoppen, also mittels Masken, Isolation und Abstand, man intensiviert bis auf ein Maximum die Hygiene der Hände und man bemüht sich um eine Desinfizierung der Oberflächen. Mehr gibt es nicht. Die Widersprüche entstehen, weil Gesundheitsbehörden und Politik diese Eindämmungsmaßnahmen auf eine ganze Gesellschaft übertragen müssen, in der noch ganz andere Faktoren eine Rolle spielen. Erst dann wird das Thema sehr komplex. Die Widersprüche sind also eher gesellschaftlicher Art als medizinischer.

Halten Sie es aus medizinischer Sicht für wahrscheinlich, dass wir im Herbst und Winter wieder ähnliche Situation wie im März erleben?

Das Risiko besteht, aber ich glaube nicht. Schauen Sie, im März, als die Epidemie ausbrach, hat es zwei, drei Wochen gedauert und die Krankenhäuser waren am äußersten Limit. Die Evolution der Epidemie hat sich geändert. Das Ende der Deeskalation war Ende Juni, zwei Wochen blieb die Situation stabil und seitdem steigen die Infektionszahlen und das kontinuierlich. Nun sind wir im September und unser Gesundheitswesen ist weit von einem Kollaps entfernt. Das stimmt mich optimistisch. Trotzdem, Corona-Leugnern muss man mit Kritik begegnen – auch denen aus dem medizinischen Bereich, und die gibt es. Ich denke, man muss nicht mit Angst vor dem Virus leben, aber mit Vorsicht und Verantwortung, auf individueller und institutioneller Ebene.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare