Seuchen der Menschheit

Corona und die Vorgänger: Wie ein Arzt aus Alicante dazu beitrug, die Pocken auszurotten

  • vonAnne Götzinger
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Vor Corona hatte die Menschheit mit etlichen anderen tödlichen Seuchen zu kämpfen. Im 18. Jahrhundert starben in Europa jedes Jahr rund 400.000 Menschen an den Pockenviren. Die Impf-Expedition eines Arztes aus Alicante trug dazu bei, die Krankheit zu besiegen.

  • Im 18. Jahrhundert starben in Europa jedes Jahr rund 400.000 Menschen an den Pocken.
  • Der englische Arzt Edward Jenner entwickelte 1796 einen wirksamen Impfstoff auf Grundlage der harmloseren Kuhpocken.
  • In der ersten humanitären Expedition der Medizingeschichte verbreitet der Alicantiner Arzt Francisco de Balmis den Impfstoff in der Welt.
  • Per Schiff wurde der Lebendimpfstoff im Blut von 22 Findelkindern zu Spaniens Kolonien in Amerika transportiert.
  • Die Geschichte gibt Hoffnung in Zeiten der Coronavirus-Pandemie.

Alicante - Eitrige Pusteln, hochansteckend, in 30 Prozent der Fälle tödlich. Im 18. Jahrhundert lösten die Pocken die Pest als eine der schlimmsten Seuchen der Menschheit ab. Schätzungen zufolge starben in Europa damals jedes Jahr rund 400.000 Menschen an der Infektionskrankheit, ein Drittel der Erkrankten erblindete. Und, im Gegensatz zur Corona-Pandemie des 21. Jahrhunderts, waren häufig auch die jüngsten Familienmitglieder betroffen. Noch bis Ende des 18. Jahrhunderts fielen den Pocken rund zehn Prozent der Kinder zum Opfer, weshalb der Nachwuchs oft erst zur Familie zählte, wenn er die „Kindsblattern“ überstanden hatte.

Gut zwei Jahrhunderte später sind die Pocken glücklicherweise nur noch eine traurige Episode in der Geschichte. Seit den 1980er Jahren gelten sie als ausgerottet. Dass der Kampf gegen eine der gefährlichsten Seuchen gewonnen werden konnte, ist vor allem zwei Ärzten aus Gloucestershire und Alicante zu verdanken. Die Geschichte macht Hoffnung in Zeiten der Covid-19-Pandemie.

Impfstoff wird geboren: Immunität durch Kuhpocken

Edward Jenner (1749-1832) aus dem englischen Berkeley, Gloucestershire, gilt als Erfinder der Pockenschutzimpfung. Durch seine Zusammenarbeit mit dem Landarzt John Fewster erfuhr Jenner Ende des 18. Jahrhunderts, dass Melkerinnen, die sich mit den weitaus harmloseren Kuhpocken infiziert hatten, gegen eine echte Pockenerkrankung immun waren. Aus diesem Umstand zog Jenner die Grundlage für sein Experiment im Jahr 1796, einen achtjährigen Jungen mit Kuhpocken gegen die echten zu impfen. Das Experiment glückte. Auch bei der aktuellen Sars-CoV-2-Pandemie ist die Wissenschaft davon überzeugt, dass nur ein wirksamer Impfstoff die Lösung sein kann.

Historische Zeichnung einer Kuhpocken-Infektion.

Schnell breitete sich Jenners Methode in ganz Europa aus, auch in Deutschland führten Ärzte – teils unentgeltlich – Impfungen durch. Der englische Arzt hatte auf eine Patentierung seiner Pockenschutzimpfung verzichtet, weil er fürchtete, dies würde die Kosten so sehr erhöhen, dass die ärmliche Bevölkerung sich den Schutz nicht leisten könnte. Es sollte nicht der einzige humanitäre Akt in dieser Geschichte bleiben.

In Spanien verfolgte der Chirurg Francisco Javier de Balmis y Berenguer (1753-1819) aus Alicante mit großem Interesse die Erfindung seines englischen Kollegen. Jenner hatte seine Ergebnisse 1798 in London publik gemacht, in Europa wurden diese durch Jacques-Louis Moreau de la Sarthe und sein Werk „Traité Historique et practique de la vaccine“ verbreitet, welches Balmis 1803 ins Spanische übersetzte.

Balmis wusste: Impfen rettet Leben“, sagt der Deutsche Philipp von Kapff, aktueller Vorsitzender des Rotary Clubs Alicante, der die Figur des Arztes in besonderen Ehren hält. „Er impfte nicht nur, sondern baute auch das Impfwesen in den Ländern auf, die er besuchte“, fährt von Kapff fort. „Leider hatte auch er mit Impfgegnern zu kämpfen. Aber er zeigte den Weg, wie man die Errungenschaften der Forschung einsetzte, um Menschen zu retten und letztlich die Krankheit auszurotten, wenn auch erst 1980. Daher gilt er als einer der großen Helden der Medizingeschichte.“

Balmis stammte aus einer Alicantiner Chirurgenfamilie mit französischen Wurzeln und war nach dem Studienabschluss 1778 an der Universität in Valencia zunächst als Chirurg im spanischen Heer tätig. Mit seinem Regiment reiste er wenig später das erste Mal nach Amerika, wo er 1786 zum leitenden Chirurgen des Real Hospital Militar del Amor de Dios in Mexiko-Stadt ernannt wurde.

Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa die Pocken dank Jenners Impfung schnell eingedämmt werden konnten, wütete die Seuche in den Kolonien in der Neuen Welt weiter, was für die spanische Krone ein Problem war. Es gab jetzt zwar eine Schutzimpfung, doch wie sollte diese die lange Seereise nach Amerika unbeschadet überstehen?

Virus in Amerika: Wahnwitziger Plan für Lebendimpfstoff

Die ebenso wahnwitzige wie geniale Lösung fiel Francisco Javier de Balmis ein, der inzwischen als Arzt am Hofe Königs Carlos IV. praktizierte. Er schlug vor, den Kindern den Lebendimpfstoff zu spritzen und ihn während der Seereise sukzessive zu übertragen, um die Impfung immer aktiv zu halten, als menschliche Kette sozusagen. Bei König Carlos IV., dessen eigene Tochter María Teresa im Alter von drei Jahren an den Pocken gestorben war, stieß Balmis’ Vorschlag auf fruchtbaren Boden. Sofort ordnete der Monarch die „Königliche Philanthropische Expedition zur Verbreitung der Impfung“ an, die als erste humanitäre Expedition der Medizingeschichte gilt.

Route der Balmis-Expedition von La Coruña bis Caracas.

Laut der Internetseite, die der Balmis-Lehrstuhl für Impfmedizin der Universität Alicante zum 200. Todestag seines Namensgebers eingerichtet hat, investierte der König 90.000 Reales de Vellón, um die Expedition mit dem nötigen Equipment auszustatten. Darunter fanden sich:

  • eine Reiseapotheke mit den gängigsten Medikamenten für Seereisen
  • Leinentücher für die Impfungen
  • tausende Objektträger
  • je vier Barometer und Thermometer
  • 500 Exemplare des Werks von Moreau de la Sarthe als Bedienungsanleitung für die Verbreitung der Impfung in den Kolonien
  • sechs Notizbücher, um die Ergebnisse und Maßnahmen während der Expedition aufzuschreiben

Impfstoff im Blut von 22 Findelkindern über großen Teich transportiert

Am 30. November 1803 stach die Korvette „María Pita“ von La Coruña aus in See. An Bord waren neben Expeditionsleiter Francisco Javier de Balmis, seinem Adjutanten José Salvany und weiteren medizinischen Helfern auch 22 Kinder aus der Casa de los Expósitos, einem Findelhaus in La Coruña.

Die „María Pita“ läuft 1803 in La Coruña aus. Kupferstich von Francisco Pérez.

Ausgewählt worden waren die gesündesten im Alter zwischen acht und zehn Jahren, die noch nie an Pocken erkrankt oder geimpft worden waren. In ihrem Blut sollten sie den wohl wertvollsten Schatz transportieren, der jemals auf Seereise ging, sie transportierten das Leben. Jede Woche wurde zwei Kindern der Impfstoff in den Arm gespritzt, der aus Pusteln der in der Vorwoche geimpften Kinder entnommen worden war. Gleichzeitig konservierte Balmis tropfenweise Kuhpockenlymphe für die geplanten späteren Impfungen.

Begleitet wurden die Kinder von der Rektorin des Findelhauses, Isabel Sandalla y Gómez. Ziel der Reise waren indes nicht nur die spanischen Kolonien, die Impfung sollte bis nach Asien gebracht werden, was den humanitären Charakter der Expedition unterstreicht.

Nach einem Zwischenstopp in Teneriffa erreichte die „María Pita“ am 9. Februar 1804 Puerto Rico. Balmis’ Plan war aufgegangen, die 22 galicischen Kinder hatten die Reise unbeschadet überstanden und den wertvollen Impfstoff in ihrem Blut in die Neue Welt gebracht. Bei der umjubelten Ankunft in Caracas am 8. Mai 1804 wurden noch am selben Tag 28 Kinder geimpft.

22 Engel: Szene aus dem Film „22 ángeles“ von RTVE über die Balmis-Expedition.

Massenimpfung zur Ausrottung der Pocken beginnt

Damit begannen die Massenimpfungen der Bevölkerung auf dem amerikanischen Kontinent. Die Expedition teilte sich dafür in zwei Routen. Während Balmis’ Adjutant José Salvany und der Arzt Manuel Julián Grajales die Westküste Südamerikas entlang reisten und die Impfung verbreiteten, setzte der Alicantiner die Reise im nördlichen Amerika (Havanna, Mérida, Veracruz, Mexiko-Stadt) fort. Von Acapulco aus stach er im Februar 1805 mit 26 mexikanischen Kindern an Bord in See und erreichte gut zwei Monate später Manila, Hauptstadt der Philippinen. Nach ihrer wichtigen Impf-Expedition kehrten die mexikanischen Kinder zu ihren Familien zurück.

Balmis setzte seine Reise indes bis in die chinesischen Städte Kanton und Macao fort. Zwar hatten die Engländer bereits versucht, Jenners Impfstoff nach China zu bringen, doch war dieser immer in schlechtem Zustand angekommen. Von Macao aus trat der Alicantiner Arzt die Rückreise nach Lissabon an, wo er am 14. August 1806 nach einer kompletten Weltumseglung ankam. Am 7. September kehrte Balmis nach Madrid zurück.

Man schätzt, dass im Zuge seiner Expedition 500.000 direkte Impfungen verabreicht wurden und in der Folge Millionen von Menschenleben gerettet werden konnten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in den Annalen der Geschichte ein so nobles und umfassendes Beispiel der Philanthropie gibt wie dieses“, schrieb Edward Jenner, Erfinder der Pockenschutzimpfung über die Expedition seines Alicantiner Kollegen.

„Balmis war früher in Alicante ein wenig in Vergessenheit geraten“, erinnert sich Philipp von Kapff. „Es waren mexikanische Mediziner, Rotarier, die uns auf den Weg brachten, diesen besonderen Alicantiner wieder zu würdigen. Dazu gehört, dass unser Club seit zwölf Jahren einen herausragenden Mediziner mit dem Premio Balmis auszeichnet“, erzählt der Deutsche. Zu dessen Preisträgern gehören bereits der Chirurg Pedro Cavadas aus Valencia, María Blasco, Direktorin des berühmten nationalen Krebsforschungszentrums, und Pedro Alonso, in der WHO zuständig für die bahnbrechenden Impfungen gegen die Malaria. Aktueller Preisträger des Premio Balmis sei der kongolesische Gynäkologe Dr. Denis Mukwege, der unter anderem mit dem Sacharov-Preis des Europäischen Parlaments und dem Friedensnobelpreis 2018 ausgezeichnet wurde. „Er ist einer der modernen Helden der Medizingeschichte“, sagt Philipp von Kapff.

Philipp von Kapff und Silvia Fernández vom Rotary Club Alicante, der sich im Kampf gegen Polio engagiert.

Auch die moderne Medizin hat noch immer mit Seuchen zu kämpfen, und nicht nur mit Sars-Cov-2. So ist etwa die Poliomyelitis, kurz Polio genannt, heute zwar nur noch in drei Ländern der Erde endemisch zu finden, doch ganz ausgerottet ist sie nicht. Um auch den Kampf gegen die Kinderlähmung zu gewinnen, hat der Rotary Club das humanitäre Projekt Polio Plus ins Leben gerufen, das alle Rotarier eint. „Der Mexikaner Carlos Canseco, Welt-Präsident von Rotary 1984/1985, hatte vor gut 30 Jahren die weltweite Impfkampagne zur Ausrottung der Polio gestartet und Allianzen geschmiedet“, erklärt der Vorsitzende des Rotary Clubs Alicante. „Balmis hat ihn, wie er immer wiederholte, dazu inspiriert.“

Jedes Jahr wird am 24. Oktober weltweit daran erinnert, „wie wichtig die letzten Meter sind, um diese Krankheit auszurotten“, betont Philipp von Kapff. „Jedes Jahr erkranken nur noch ein bis zwei Dutzend Personen an Polio. Aber wenn wir jetzt nachlassen, war die ganze Arbeit umsonst und die Krankheit droht, sich wieder auszubreiten.“ Erreichtes nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, das gilt also nicht nur für die Coronavirus-Pandemie.

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