Coronavirus in Spanien

Coronavirus: Armut in Torrevieja gerät außer Kontrolle

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Torreviejas Bürgermeister besucht die Suppenküche der Tafel Alimentos Solidarios, deren Kundschaft sich in der Coronavirus-Krise vervielfacht hat.
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Während wieder erste Cocktails an der Strandpromenade von Torrevieja geordert werden können, spielt sich nur ein paar Straßen weiter ein Drama ab. Das Coronavirus bringt es ans Licht.

  • Armut in Torrevieja seit Coronavirus extrem gestiegen: Fast 10 Prozent brauchen Nothilfe.
  • Opposition kritisiert Haushalt von Torrevieja als unsozial und ungeeignet gegen Coronavirus-Krise.
  • Prekäre Arbeit und wenig Sozialinvestitionen ebneten Armut den Weg schon vor Corona.

Torrevieja - 2.022 Familien mussten in der zweiten Maiwoche in der Salzstadt durch Hilfsvereine und die Stadt Torrevieja notversorgt werden. Das geht aus einer Pressemeldung des Sozialstadtrates Tomás Ballester hervor. Nachdem Torrevieja zu Anfang des Alarmzustandes wegen des Coronavirus 70.000 Euro aktiviert hatte, um Menschen mit zu wenig Einkommen, aber auch Rentner, die nicht mehr in den Tagesheimen versorgt werden konnten, mit Lebensmitteln und Menüs zu beliefern, musste die Stadt mehrfach aufstocken.

Video von improvisierten Ausgabestellen für Essensspenden in Torrevieja:

Armut in Torrevieja: Bald jeder Zehnte unfähig, sich selbst zu ernähren

765.000 Euro waren es über ein Eilverfahren Anfang Mai, die für rund 3.000 Personen Nahrung heranschaffen sollen, bis zu 12.000 Einkaufstüten pro Monat, so das Rathaus. Vor wenigen Tagen mussten die Grundschulen und Bildungszentren Cuba, Ciudad del Mar und Las Culturas in Suppenküchen und Verteilstationen für Grundnahrungsmittel umgewandelt werden, um dem Ansturm der Not gewachsen zu sein. Die Schlangen an der Ausgabestelle der Alimentos Solidarios im Zentrum reißen gar nicht mehr ab, ihr Aufkommen hat sich binnen zwei Monaten vervielfacht.

Aufgrund der aktuellen Daten muss man davon ausgehen, dass mittlerweile bis zu zehn Prozent der in Torrevieja gemeldeten Bürger, also rund 8.000 Menschen, Probleme haben, also zu arm sind, um Nahrungsmittel selbst zu beschaffen.

Diesen Zahlen stellt die Oppositionspartei Sueña Torrevieja 1.069.000 Euro gegenüber, die von der Stadtregierung im Haushaltsplan 2020 für 13 Führungskräfte veranschlagt wurden. 328.000 Euro mehr als im Vorjahr, unter anderem für neue Generaldirektoren, die PP-Bürgermeister Eduardo Dolón in Zeiten der „schwersten Wirtschaftskrise“ ernannt hatte. Und zwar ohne Ausschreibung.

Dolón hatte seinen Haushalt als „den sozialsten“ bezeichnet, den Torrevieja je hatte, zitiert ihn die Oppositionspartei, allein findet sich kein Euro mehr für das Sozialressort. Und das bei Prognosen einer schweren Rezession für ganz Spanien.

Zahl der Bedürftigen in Spanien wegen Coronavirus vervielfacht: Freiwillige des Zivilschutzes verteilen Essen in Torrevieja.

Opposition einig: Politik der Stadtregierung ignoriert soziale Katastrophe

Alle Oppositionsparteien im Stadtrat – Grüne, PSOE, Ciudadanos, Sueña Torrevieja und Vox – lehnen den Haushalt ab, der in der Vorwoche im Alleingang von der PP-Mehrheit beschlossen wurde. „Über 1.000 Seiten, über 117 Millionen Euro, aber nicht einmal das Wort Coronavirus“, so kritisiert Ciudadanos. Die Grünen sehen „die Aufgabenstellung verfehlt“. Man würde weder der sozialen Lage der Ärmsten gerecht, noch den Bedürfnissen der kleinen Geschäftsinhaber und Lokalbetreiber.

Das Volumen des Haushalts 2020 liegt um 25 Prozent höher als im Vorjahr, es ist der größte Etat, den die Stadt je sah. Die Mehrausgaben – mehrere Millionen – entfallen indes auf den Müllservice, Investitionen in städtische Gebäude sowie auf Personalkosten. Gleichzeitig will Dolón genau jetzt den ungeregelten Müllvertrag für Torrevieja ausschreiben, für 15 Jahre mit einem Volumen von sagenhaften 360 Millionen Euro, sieben Millionen Euro jährlich mehr als bis jetzt. Ein Zehntel dieser Summe hat man für die Armen übrig.

Strukturelle Schwäche - unzureichende Antworten - Armut unsichtbar gemacht

Torrevieja firmiert zwar nach Haushaltseinkommen unter den ärmsten Gemeinden Spaniens, hat aber über 100 Millionen Euro Rücklagen, an die es auch aufgrund schlechten Kassenmanagements sowie wegen der Sparauflagen der PP-Regierung in Madrid nach der Finanzkrise nicht so einfach herankommt. Gleichzeitig war Torrevieja mit rund 23 Euro pro Kopf eine der Gemeinden mit den niedrigsten Investitionen in Soziales in ganz Spanien. Die Vereinigung der Sozialverbände verlieh der Stadt dafür den Preis "Herz aus Stein".

Extraschichten vor dem Lager der Tafel Alimentos Solidarios in Torrevieja.

Doch Torrevieja, das Armut und Elend als stetigen Begleiter seiner Geschichte kennt, steht stellvertrtretend für viele Gemeinden in Spanien, die fast vollständig vom Tourismus abhängig sind, sei es von Residenten oder Pauschalurlaubern. Der größte Teil der Arbeitsplätze in der Gastronomie läuft über prekäre Arbeitsverhältnisse. Kellner, Köche, Küchenhilfen arbeiten oft weit über den gesetzlich zugelassenen Arbeitszeiten, bekommen aber nur Teilzeitverträge, die zudem fast immer befristet sind. Arbeitsinspektionen sind rar. Schikanen der Chefs, über die Vertragssituation hinaus, nicht.

Auch in Madrid, wie hier bei der Stiftung Madrina, läuft die Nothilfe auf Hochtouren. Hilfsorganisationen müssen überall dort einspringen, wo der Staat versagt:

Die Coronavirus-Krise hat viele Mitarbeiter der Gastronomie direkt in die Arbeitslosigkeit geschickt, in die endgültige oder die zeitweise, die ERTE. Deren Leistungen berechnen sich aufgrund der Angaben im Arbeitsvertrag, so kommen oft nur wenige hundert Euro heraus, die vorn und hinten nicht reichen. In Torrevieja kommt dazu noch eine hohe Dunkelziffer einer Gesellschaft, die sonst im Dunkeln lebt. Menschen aus anderen Regionen Spaniens, Zuwanderer - nicht nur aus der Dritten Welt - ohne Perspektiven, die oft anonym hier leben, sich mit Tagesjobs durchgeschlagen haben. Das Coronavirus bringt sie nun ans Licht.

Die Schlangen werden länger, die Not wird täglich größer, in Torrevieja, in ganz Spanien. Die Antworten darauf sind sichtbar unzureichend. Denn, auch wenn der Tourismus irgendwann an die Costa Blanca zurückkehrt, diese Menschen bleiben arm. Nur sieht man sie dann nicht mehr so.

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