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Töpfer sein für einen Tag: Ausflug nach Agost, dem Töpfer-Dorf der Costa Blanca

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Von: Frieda Maas

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Ein Mann sitzt an einer Töpferscheibe und bearbeitet den Ton darauf
Ausflug zum Töpfer-Dorf der Costa Blanca: ein langjähriger Mitarbeiter der Alfarería la Navà bei der Arbeit. © Till Tognino

Agost ist bekannt als das Töpfer-Dorf der Costa Blanca. Besonders attraktiv ist es auf den ersten Blick nicht, aber auf jeden Fall einen Ausflug wert - Traditionen, Geschichte, Wissenswertes und Aktivitäten.

Agost - Für einen Tag aus dem gewohnten Arbeitsalltag ausbrechen, sich mal wieder dem guten, alten Handwerk widmen und das händische Geschick unter Beweis stellen. Wie wäre es, Töpfer zu sein, nur für einen Tag? Fernab der Küste, im Hinterland der Costa Blanca, zwischen Hügeln und Bergen befindet sich ein kleines, auf den ersten Blick unscheinbares 5.000-Seelen-Dorf, das dies möglich macht. Also warum nicht einen Ausflug nach Agost wagen? Es ist bekannt als das Töpfer-Dorf der Region im Südosten von Spanien. Auch auf den zweiten Blick ist es kein sonderlich pittoreskes Dorf, zu bieten hat es zumindest aus historischer Perspektive trotzdem einiges. Vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die Töpferei der wirtschaftstreibende Motor des Dorfes, rund 20 Kilometer von Alicante entfernt. Bis heute hat das Kunsthandwerk in einigen Ecken und Winkeln des Ortes seine Spuren hinterlassen.

Ausflug an der Costa Blanca: Das Töpfer-Dorf Agost

Zur Blütezeit gab es in der kleinen Ortschaft im Hinterland der Costa Blanca 40 aktive Töpfereien, heute sind es gerade noch fünf, die auf traditionelle und innovative Weise Keramik herstellen. Die Alfarería La Navà ist eine davon. In der achten Generation stellt das Familienunternehmen Tonprodukte aller Art her und bietet zudem Töpfer-Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Eine tolle Möglichkeit, mit Freunden oder der Familie einen Ausflug zu machen und einen schönen Tag zu verbringen. Doch bevor es an die Töpferscheiben bei La Navà geht, macht die Töpferin Camille-Hélène Avellà Portelli mit den Besuchern einen Rundgang durch die Töpfer-Fabrik und gibt eine kleine Einführung in die Materialkunde.

Die Töpfer-Werkstätte La Navà verarbeitet zwei verschiedene Sorten Ton: Einen aus Valencia importierten, roten Ton, der sich durch seine hohe Hitzebeständigkeit auszeichnet. Und zum anderen Tonerde, aus der die typisch weißen Gefäße, für die Agost bekannt ist, produziert werden. Letztere stellt das Traditionsunternehmen der Costa Blanca selbst her. Dazu wird Lehm aus dem knapp einen Kilometer entfernten Steinbruch Terrers dels Pobres grob gefiltert und mit Wasser und Salz vermischt. Früher geschah dies in großen Becken, aus denen der Ton dann abgeschöpft wurde. Ihre Überreste sind noch immer auf dem Gelände zu sehen. Heute fließt das Erd-Wasser-Salz-Gemisch von der Filteranlage unterirdisch in einen großen Auffangbehälter, aus dem es ins Innere der Fabrik gepumpt und schließlich zu einer Masse verrührt wird. Dann steht es zur Weiterverarbeitung mit den tornos, den Töpferscheiben, bereit.

Costa-Blanca-Ausflug führt in die Töpfer-Werkstatt La Navà

Die tornos befinden sich in der eigentlichen Produktionsstätte des Unternehmens: eine geräumige Werkstatt, die Wände bedeckt mit Regalen, auf denen die Prototypen darauf warten, als Vorlage hervorgenommen zu werden. Mittig befinden sich drei Arbeitsplätze mit den tornos und einer Handvoll Werkzeuge, die die Töpfer für ihre Arbeit brauchen – nur fünf Stück, um genau zu sein. Die Sitzkonstruktionen, bestehend aus miteinander verschraubten Spanplatten, erinnern ein wenig an die gerade wieder in Mode kommenden Europalettensitzbänke. Besonders ergonomisch sehen sie nicht aus, doch Töpferin Camille-Hélène Avellà Portelli belehrt eines Besseren: „Wenn man dort stundenlang sitzt, helfen diese Stühle, eine gerade Haltung zu bewahren. Der Sitz ist ein wenig abgesenkt, was gerade Schmerzen in der Lendenwirbelsäule vorbeugt.“ Zwei Stühle sind besetzt, als wir bei unserem Ausflug nach Agost die Werkstatt betreten. Rechter Hand wird ein kniehoher Lampenfuß produziert, linker Hand ein Botijo, der sich aus fünf verschiedenen Teilen zusammensetzt. Sie werden nach und nach an der Drehscheibe hergestellt und nach kurzer Trocknungszeit im Freien zusammengesetzt. Doch zum Botijo später mehr.

Neben der Werkstatt befinden sich Lagerräume, in denen die Stücke trocknen, bevor sie schließlich in den Ofen kommen. Je nach Wetter und Größe des Stücks kann das von zwei Wochen bis zu zwei Monaten dauern, erklärt Avellà. „Es ist wichtig, dass sie ganz langsam und in Ruhe trocknen, sonst entstehen Risse im Material“, betont sie. Nach der Trocknungszeit hängen die weiteren Arbeitsschritte ganz vom Verwendungszweck des Produkts ab. Handelt es sich zum Beispiel um eine Blumenvase, wird sie lediglich einmal gebrannt und behält somit ihre raue, weiße Tonoptik. Dient das Produkt etwa zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, wird es nach dem ersten Brennen in eine versiegelnde Flüssigkeit getränkt und daraufhin noch ein weiteres Mal in den Ofen verbracht.

Im Töpfer-Dorf Agost: Überreste des arabischen Erbes an der Costa Blanca

La Navà brannte ihre Produkte noch bis vor einigen Jahren in traditionell dafür verwendeten, sogenannten arabischen Öfen. Zwei Stück stehen noch immer auf dem Gelände. Jeder Ofen hat, je nach Größe der Produkte, mit denen er befüllt wird, ein Fassungsvermögen von etwa 8.000 Stück. Sie bestehen aus drei Kammern: In der untersten entsteht die Hitze. In der mittleren wurden vor allem die größeren Stücke gelagert, da sie höhere Temperaturen brauchen. Und die oberste Kammer wurde mit den kleinen Stücken befüllt, die sonst bei der großen Hitze in der mittleren zu explodieren drohten. Einmal fertig mit dem Befüllen, wurden die Eingänge des Ofens mit Ziegelsteinen und Gips verschlossen, sodass kein Sauerstoff eindringen kann. Das Brennen der Stücke dauerte ganze 100 Stunden.

Mittlerweile hat die Töpferei zwei neue, mit Gas betriebene Öfen. „Das Gas wird zurzeit so teuer, dass wir wohl die Preise für unsere Produkte anheben müssen.“ Dabei erscheinen die Preise für den Arbeitsaufwand, der zur Herstellung der Stücke betrieben wird, vergleichsweise gering. „Wenn die Menschen einmal hier waren und unsere Arbeit gesehen haben, finden sie die Preise danach auch meist noch günstig“, so Camille. Die Aufträge haben sich grundlegend verändert, erzählt sie: „Früher wurden viele Bestellungen à 1.000 Stück bei uns aufgegeben, heute sind es eher kleinere. Mal zehn von diesen, mal 20 von denen.“ Sie zeigt auf verschiedene Gefäße.

In Agost können Besucher das Töpfer-Handwerk selbst ausprobieren

Nun aber fertig mit Studieren, jetzt gilt es, selbst auszuprobieren: Nach der Führung durch die Fabrik geht es in den Lehrraum. Acht tornos stehen dort bereit. Man merkt, dass Camille bereits seit einigen Jahren Interessierten die Grundlagen der Töpferei an der Costa Blanca lehrt. Nach dem Anlegen unserer Schürzen zeigt sie uns zunächst die fünf Handgriffe, mit denen der Ton am Anfang eines jeden Gefäßes bearbeitet wird – egal ob später daraus ein Teller, eine Tasse oder eine Blumenvase werden soll. Es ist in der Tat nicht so einfach, wie es bei ihr aussieht. Mit ein wenig Unterstützung durch die gelernte Töpferin gelingt es letztendlich (mehr oder weniger) und man verlässt die Alfarería La Navà stolz mit selbst getöpferten Schüsseln.

Sechs Trinkgefäße aus Ton stehen zum Trocknen auf einem Holzbrett.
Ausflug zum Töpfer-Dorf der Costa Blanca: Cantimplora, ein Tongefäß der Alfarería la Navà, im Lagerraum zum Trocknen © Till Tognino

Um tiefer in die Tradition und die Geschichte des Töpfer-Dorfs der Costa Blanca einzusteigen, bietet das Rathaus die Ruta de Alfarería an, die entweder autonom oder als geführter Rundgang durch das Dorf zurückgelegt werden kann. Die Route startet am Rathausplatz und ist mittels grüner Schilder an den Fassaden der Häuser ausgewiesen. Sie führt zunächst durch die Straßen der Altstadt, die man an ihrem einheitlich grauen Bodenbelag erkennt, hin zu einem Waschplatz aus dem Jahr 1830. Das Becken ist in verschiedene Abschnitte unterteilt – einmal, um das Verfärben der Wäsche zu vermeiden, und gleichzeitig, um Epidemien vorzubeugen. Den Töpfern jener Zeit wurde sogar ein eigenes Becken gewidmet, da ihre Kleidung mit Abstand die dreckigste war.

Ausflugsziel an der Costa Blanca: Fliegender Wagen und gelb-grüne Kuppel

In einer nahegelegenen Straße, dem nächsten Punkt auf der Route, war im vergangenen Jahrhundert eine Vielzahl der Töpfereien angesiedelt. An den Wänden der schmalen Gasse, in der die Fabriken einst standen, sind noch immer die Strichlisten zu sehen, mit denen die Töpfer ihren Bestand in Zehnerschritten zählten. Außerdem findet man dort Spuren des Wagens, der das Brennholz für die Öfen der Töpfereien geliefert hat. Er war den räumlichen Gegebenheiten wegen nicht sehr breit, aber dafür umso höher, sodass man von weitem über die flachen Häuser hinweg wohl nur einen heranschwebenden Haufen wahrgenommen hat. Daher wurde er auch „Carro Volador“, fliegender Wagen, genannt.

Der nächste Punkt auf der Route ist die Kapelle der Santa Justa und Santa Rufina. Sie wurde 1821 erbaut und ist den Schutzheiligen der Töpfer gewidmet. Die Kapelle zeichnet sich durch ihren quadratischen Umriss und ihre etwas unübliche Kuppel aus. Diese ist nämlich nicht blau – wie viele andere in der Region – sondern mit grünen und gelben Ziegeln bedeckt, da dies Farben sind, die von den Töpfern Agosts bei ihrer Arbeit häufig verwendet wurden.

Ausflugsziel an der Costa Blanca: Das Töpfer-Museum von Agost

Die letzte Station auf der Route ist das Museu de Cantereria, das Töpfer-Museum. Auf dem großen Platz davor, der Plaça de les Peones, empfängt den Besucher eine übermenschengroße Steingut-Statue einer Frau, die einen Krug auf ihrem Kopf trägt. Sie ist eine Hommage an die Frauen, die zur Entwicklung der lokalen Töpferei maßgeblich beigetragen haben. Die sogenannten Peonas, arbeiteten nämlich in Agost bereits frühzeitig in den Fabriken mit, noch bevor die Emanzipation der Frauen in Spanien richtig begonnen hatte. Die Mauer dahinter ist ein symbolisches Farbenspiel aus den Elementen, die bei dem Herstellungsprozess von Tonprodukten eine Rolle spielen: braun und blau für die Bestandteile Erde und Wasser und ein feuriges Rot, das für die Flamme des Ofens beim Brennen der Stücke steht. In die Mauer selbst sind verschiedenste Tongefäße eingelassen, selbstverständlich in Weiß, der Farbe des für Agost typischen Tons. Auf der Mauer sind fünf weitere Figuren platziert, besser gesagt die fünf Handgriffe, die wir zuvor im Töpfer-Kurs erlernt haben.

Das Museum selbst befindet sich in der ehemaligen Töpferei von Severino Torregrosa, die bis 1975 in Betrieb war. Heute beherbergt es die Überreste der Anlagen der ehemaligen Töpferei und allerhand Produkte, aus diesem und auch aus den vergangenen Jahrhunderten: Werkzeuge, Materialien, Foto- als auch Archiv- und Schriftdokumente. Die Dauerausstellung veranschaulicht so die Geschichte und Tradition des alicantinischen Hinterlanddorfes. Der Besuch sorgt außerdem dank historischer Anekdoten für den ein oder anderen Lacher. „Die Phrase ,Eres más simple que el mecanismo de un botijo‘ ist in der Region sehr geläufig, um Menschen ein wenig umschrieben als einfältig zu bezeichnen“, erklärt uns Conchi Pellín, während sie uns durch das Museum führt.

Ausflugsziel an der Costa Blanca: Der Botijo, ein typisch spanisches Trinkgefäß

Ein runder Bauch, zwei Tüllen – eine zum Ausschenken, eine zum Befüllen. Das sind die Merkmale des Botijo, einem typisch spanischen Trinkgefäß. Daraus wird im hohen Bogen getrunken, was tatsächlich gar nicht so einfach ist. Neben seiner Optik, zeichnet er sich dadurch aus, dass die Flüssigkeit im Inneren stets einige Grade kälter bleibt als die Außentemperatur – und das sogar bei großer Hitze. 1995 untersuchten zwei Chemie-Professoren der Universität Politécnica von Madrid diesen Mechanismus und stellten hierfür ein höchst komplexes mathematisches Modell auf, das für den Otto Normalverbraucher kaum nachvollziehbar ist. Also doch gar nicht so simpel, der Botijo.

Frau zeigt auf eine Tafel, auf der ein Botijo und eine komplexe Formel aufgezeichnet ist.
Ausflug zum Töpfer-Dorf der Costa Blanca: Anschauungstafel im Töpfer-Museum, die das Prinzip des Botijo erklärt. © Till Tognino

Informationen zum Töpfer-Museum: www.turismodeagost.com

Informationen zur Töpferwerkstatt La Navà: www.alfarerialanava.com

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