Moderne Sklaverei

Bordell-Tür deckt Schicksal Prostituierter auf - Aktion gegen Menschenhandel an Costa Blanca

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Spaniens Polizei fasst eine Bande, die Frauen zur Prostitution zwang. Die Stadt Elche setzt Zeichen gegen die moderne Sklaverei. Eine Expertin übt scharfe Kritik an Verwaltungen, Justiz und Gesellschaft. Ein Beitrag zum Welttag gegen die Ausbeutung von Mädchen und Frauen. Mit Kommentar.

Elche – Die Nationalpolizei hat an der Costa Blanca drei Menschen verhaftet, die als Teil einer Bande junge Frauen ausgebeutet haben sollen. Sie lockten die Opfer mit Job-Versprechen aus Kolumbien, zwangen sie aber in Spanien zur Prostitution. Die Frauen mussten rund um die Uhr zur Verfügung stehen und wurden videoüberwacht. Geld erhielten die wenigsten. Die fünf Bordelle, die die Bande in mehreren Teilen Spaniens betrieb, seien geschlossen, meldete die Polizei am 23. September, dem Tag gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen. Mit einer bemerkenswerten Aktion gegen den Menschenhandel deckte diese Woche indes die Stadt Elche das Schicksal Prostituierter auf: Eine Bordell-Tür stand plötzlich am Kongresszentrum.

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
ProvinzAlicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Bordell-Tür an Costa Blanca deckt Schicksal Prostituierter auf: Aktion gegen Menschenhandel

„Wenn ich durch die Tür gehe, verwandle ich mich in ein Objekt. Wenn sie durch die Tür gehen, verwandeln sie sich in abscheuliche Wesen“, ertönt die Frauenstimme mit ausländischem Akzent, sobald sich die kuriose Tür öffnet. „Nur mit dem Unterschied, dass sie die Wahl haben, ob sie die Tür durchschreiten, und ich hier in der Hölle festsitze.“ Hinter der violetten Tür, die diese Woche am Elcher Kongresszentrum stand, verbargen sich diese düsteren Schilderungen. Eine Bordell-Tür, mitten in der Stadt an der Costa Blanca - Sozialstadtrat Mariano Valera (PSOE) und Elches Frauenhaus organisierten die Aktion gegen den Menschenhandel.

„Zuhälter bieten alles an, was Kunden wollen: Verkehr mit Schwangeren, Verkehr in der Gruppe. Frauen müssen Narkotika nehmen, um das zu ertragen. Sie werden völlig isoliert.“

Concha Hurtado, Aktivistin gegen Prostitution

Die Aktion, die das Schicksal Prostituierter aufdeckt, begleitete Elches erste Konferenz zum internationalen Tag gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen. Bei der Veranstaltung im Kongresszentrum forderte Concha Hurtado von der Plattform Front Abolicionista das totale Verbot der Prostitution. Spaniens Justiz, so die eingeladene Expertin, gehe aber konträre Wege: Neuere Gesetze hätten Zuhälter „quasi freigesprochen“ und das Schicksal der Opfer in die Hände ihrer Peiniger gelegt. Selbst bei eindeutig irregulären Zuständen – allem voran in der Corona-Zeit – sei kaum ein Bordell geschlossen worden.

Warum? Weil Verwaltungen in Spanien laut Expertin Concha Hurtado die Prostitution stillschweigend unterstützten. Und das, obwohl das Gewerbe der sexuellen Ausbeutung „auf schwerste Weise“ Menschenrechte verletze.

Expertin zu Menschenhandel: Mehrheit der Opfer schon als Kind vergewaltigt

Frauen mit schwierigen Lebensgeschichten würden etwa in Spanien als Prostituierte ausgenutzt, weil sie sich schlichtweg nicht wehren könnten, klagte Expertin Concha Hurtado im Rahmen der Aktion mit der Bordell-Tür an der Costa Blanca. Die verbreitete Sicht, dass Prostitution ein Beruf sei, „haben sich die Zuhälter ausgedacht“, meinte die Aktivistin gegen Menschenhandel und forderte für Ausbeuter harte Strafen. Hilfsangebote für Betroffene reichten nicht: „Wenn eine Frau es schafft herauszukommen, wird sie durch jüngere ersetzt.“ Schwere Vorwürfe erhob Hurtado in der „Información“ auch gegen die spanischen Verwaltungen.

Bordell-Tür an Costa Blanca deckt Schicksal Prostituierter auf: Die Aktion gegen Menschenhandel organisierte Elches Stadtrat Mariano Valera.

„Der Leitfaden zu sexueller Erziehung des Landes Valencia stellt käufliche Liebe als Mittel zum Sammeln von sexueller Erfahrung dar“, sagte Concha Hurtado. Ferner werde Pornografie gefördert und Leihmutterschaft als reproduktive Technik dargestellt. „Das alles ist sehr schwerwiegend und hat Einfluss auf das sexuelle Gewerbe.“ Doch auch die Gesellschaft müsse sich hinterfragen, warum Zuhälter in Spanien ungestört jegliche Tabus brechen könnten: „Sie bieten alles an, was Kunden wollen: Verkehr mit Schwangeren, Verkehr in der Gruppe. Prostituierte müssen Narkotika nehmen, um das zu ertragen. Sie werden völlig isoliert.“

Schamlos nutzten die Täter des Menschenhandels zudem aus, dass viele Prostiuierte durch ihr Schicksal psychisch schwer gezeichnet seien. Eine Mehrheit der Opfer sei nämlich bereits als Kind vergewaltigt worden, deckt Expertin Concha Hurtado im Rahmen der Aktion an der Costa Blanca auf. Bereits diese innerliche Verletztheit mache es für die betroffenen Frauen schwierig, ihre Hölle hinter der Bordell-Tür zu verlassen. Zum Thema: Jugendliche in Uni-Viertel als Prostituierte missbraucht, Sekte lockte Spanierin als Prostituierte nach Peru oder auch Migranten an Costa Blanca zum Betteln missbraucht.

Kommentar: Das Bild der fragmentierten Person

Keine Demos, keine Parolen. Niemand schreit auf, wenn doch mal publik wird, dass Menschen als sexuelle Sklaven misshandelt werden. In Elche fand die Vorstellung der Kampagne auf einem vielsagend leeren Platz statt. Dennoch ist die Aktion beachtlich – und mutig. Denn eines ist sicher: Ein starkes finanzielles Interesse besteht daran, dass die sexuelle Käuflichkeit in Betrieb bleibt. Und auch die Gesellschaft will daran nicht wirklich rütteln. Einen Grund nennt Pilar Aguilar, Sprecherin beim Kongress in Elche: Das weiter präsente – machistisch geprägte – Bild einer „fragmentierten Frau“. Also einer Person, deren Würde oder Geschichte nichts zählen, sondern lediglich ihre Sexualität, die zum reinen Zweck verdreht wird. Ja, nicht erst das Durchschreiten der lila Tür macht einen zum Mittäter. Sondern bereits eine Haltung, die – ob in Wort, Tat oder Klick – Mitmenschen als Objekte dastehen lässt. Leider fügt sich diese Haltung gut in die heutige Konsum- und Wegwerfkultur ein – und gehört in vielen Cliquen weiter zum Lifestyle.

Im Laufe des Jahres 2021 erhielt die Sondereinheit der spanischen Nationalpolizei gegen Menschenhandel per Telefon und Mail bereits 3.500 Anzeigen, nahm 517 mutmaßliche Täter fest und identifizierte 245 Opfer. Kontakt zur Polizeieinheit gegen die moderne Sklaverei: Telefon 900 10 50 90, E-Mail trata@policia.es.

Rubriklistenbild: © José García Domene / Rathaus Elche

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