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Deutsche an der Costa Blanca: Seniorin plötzlich isoliert, als Partner erkrankt

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Von: Stefan Wieczorek

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Auf einem städtischen Bürgersteig läuft eine ältere Dame mit Stock.
Die deutsche Rentnerin ist im Stadtviertel an der Costa Blanca völlig isoliert. (Symbolbild) © Stefan Wieczorek

Kaum Spanisch-Kenntnisse, Probleme mit dem Gehör, kein deutschsprachiges Umfeld. Wie das Altern an Spaniens Küste für eine Rentnerin zum Hindernislauf wurde.

Alicante – „Es ist ein Erbstück“, sagt Ingrid Mendt über das Gemälde an der Wand in ihrem Wohnzimmer. Ein säender Farmer auf dem Feld. Eine mühsame Arbeit bei Wind und Wetter. So allein auf weiter Flur, mit Last beladen wie er, ist nun auch sie, die Deutsche aus Alicante. Noch vor kurzem war alles intakt in ihrem spanischen Alltag an der Costa Blanca. Fröhlich schmiss die Seniorin den Haushalt, während ihr Manfred sich um alles außerhalb des Hauses kümmerte: Dinge auf Spanisch erledigen, Auto fahren. Aber das ist vorbei. Ihr Partner ist an Demenz erkrankt, sie im Alter an Spaniens Küste plötzlich völlig isoliert.

Costa Blanca: Deutsche Rentnerin plötzlich isoliert

Im November hatte das Malheur begonnen. Nicht mehr ganz so flott wie sonst war Manfred unterwegs. Dann verlor der Rentner zusehends die Erinnerungsfähigkeit und dann auch jegliche Motivation. Nun kann er fast nichts mehr tun. Zwischen Bett, Toilette und Küche schlurft er mit Mühe hin und her, fällt, setzt sich hin, legt den Kopf auf den Tisch und verweilt so. Immer länger. „Es wird von Tag zu Tag schlimmer“, sagt die Berlinerin von der Costa Blanca. Auf einen Schlag ist die Lage der Deutschen dramatisch. Denn: Ingrid Mendt spricht ja fast kein Spanisch. Organisatorisches erledigte immer er.

Mit dem Handy etwa kennt sich die Rentnerin fast überhaupt nicht aus. Und telefonieren ist sowieso eine Katastrophe. Wegen ihres schwachen Gehörs versteht sie fast kein Wort. Einen handgeschriebenen Brief sandte die 82-Jährige der costanachrichten-Redaktion zu. Freundlich fragte sie nach Auskünften zu deutschsprachigen Seniorenheimen an der Costa Blanca. In eine solche will die deutsche Seniorin ziehen. Mit Manfred. „Nach Deutschland würde er nie zurückwollen“, sagt sie. Dort hätten beide so gut wie keine Kontakte mehr. Auch von der Familie sind nur die Erinnerungsstücke an der Wand geblieben.

Deutschsprachige Seniorenheime an der Costa Blanca? „Ich will nur meine Ruhe“

Doch auch in Spanien, wo sie seit 1992 wohnen, haben die zwei Rentner kein deutschsprachiges Netzwerk um sich. Durchaus sagen sie „hola“ zu den spanischen Nachbarn, Elías und Mercedes. Aber viel mehr ist da nicht. Isoliert fühlt sich Ingrid Mendt in der Stadt. Allein pflegt sie ihren Mann, der seine vielen Tabletten nicht mehr nehmen will, geschweige denn zum Arzt gehen. „Ich will nur meine Ruhe“, fährt er die Partnerin an, als sie ihn an den Termin erinnert: am Montag beim Neurologen. Den könne die Deutsche auf keinen Fall verlegen. „Es ist doch eine Übersetzerin angemeldet.“

Notfalls werde sie allein zu dem Termin hingehen. Weil die Zeit eilt, tun wir zunächst das Nötigste: Wir machen Fotos und Videos von ihrem Partner und geben der Seniorin auf einem Blatt Papier einen Link mit, über den sich der Arzt zumindest digital ein Bild machen kann. Bei mehreren deutschsprachigen Seniorenheimen an der Costa Blanca fordern wir ferner Tarif- und Angebots-Informationen an, die wir für Ingrid Mendt ausdrucken. Und dann findet sich auch eine deutsche Frau in Alicante, die das Paar hinfahren kann. Auch gelingt es ihr, zwei Arztbesuche im Haus der deutschen Rentner zu organisieren.

Tourismus-Seelsorger für Deutsche an der Costa Blanca: Gute Entscheidungen treffen

Costanachrichten holt ferner Klaus Eicher vom EKD Tourismuspfarramt ins Boot, der die Deutschen besucht und berät. Situationen wie die von Frau Mendt kämen durchaus öfters vor, erklärt der Auswanderer-Experte. „Daher rate ich allen, die an die Costa Blanca ziehen, unbedingt Spanisch zu lernen“. Fehler der Vergangenheit könne man nicht rückgängig machen. Aber er wolle der Rentnerin helfen, zumindest jetzt eine gute Lebensentscheidung zu treffen. Eines gelingt uns schließlich noch: Wir erreichen Angehörige des erkrankten Senioren in Deutschland. Sie kündigen einen baldigen Flug nach Alicante an.

Fast 40 Jahre genoss Ingrid Mendt ihr geregeltes spanisches Leben mit ihrem Manfred. Dass ein Schicksalsschlag auf einmal alles umwerfen könnte, das wusste sie aus der eigenen Lebensgeschichte. Mit 25 Jahren - ein Haus war schon gebaut - wurde sie erstmals zur Witwe. Dann, in ihren 40ern, starb ihr erneut ein Mann. Nun steht die Berlinerin mit 82 Jahren erneut vor einem wüsten Acker. Und sie tut auch jetzt, was sie immer tat: Säen und hoffen, so gut sie eben kann.

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