Ein Kind badet sich im Río Vinalopó in Banyeres de Mariola.
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Eiskaltes Badevergnügen: Ein Ausflug nach Banyeres sollte im Río Vinalopó enden.

Kompromisse im Hinterland

Eiskaltes Bad im Hinterland der Costa Blanca - Ausflug nach Banyeres de Mariola

  • Anne Götzinger
    VonAnne Götzinger
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Banyeres de Mariola hat vielleicht keinen Strand, dafür bietet der Ort im Hinterland der Costa Blanca, am Rand der Sierra de Mariola, aber Kultur, Natur, Spaß und ein erfrischendes Badevergnügen.

Banyeres de Mariola ‒ Die Alten wollen Kultur und Natur, die wilde Jugend einfach nur Spiel und Spaß, und alle wünschen sich in der Sommerhitze in Spanien auch eine richtige Abkühlung – und nicht diese warme Brühe, in die sich Mittelmeer und Schwimmbecken zum Ende des Sommers verwandelt haben. Ein kleiner Ort im Hinterland der Costa Blanca stillt all diese Bedürfnisse. So lässt sich in Banyeres de Mariola ein Tag verbringen, der unserer Vorstellung von „perfekt“ ziemlich nahekommt.

Banyeres de MariolaGemeinde in Spanien
Autonome GemeinschaftValencia
ProvinzAlicante
Fläche50,28 km²
Einwohner7.068 (1. Jan. 2019)

In Banyeres lassen sich Kompromisse schließen. Erst Kultur, dann Badespaß, damit ködert man jedes Kind. Erste Anlaufstelle ist daher der Parque de Villa Rosario, sozusagen die „Museumsinsel“ des Ortes. Zugegeben, nicht so monumental, nicht so spektakulär wie Berlin, aber mit Spielplätzen, Gänseteich, Voliere, historischen Gebäuden und dem aromatischen Duft der Mittelmeerkiefern ein hübscher Ort zum Entdecken und Entspannen. Drei der vier Museen Banyeres’ befinden sich in diesem Park, der gleich hinter seinem Eingangstor auch die Touristinfo beherbergt.

Ausflug nach Banyeres: Im hübschen Parque de Villa Rosario befinden sich drei Museen.

Ausflug nach Banyeres: Jonglieren mit touristischen Ressourcen

Auf dem Weg zum Park geht es im Ort rauf und runter, Banyeres kommt einem vor wie das San Francisco von Alicante (ohne Straßenbahn). Mit 816 Metern über dem Meeresspiegel ist es der am höchsten gelegene Ort der Provinz, einzig überragt von seiner Almohaden-Burg aus dem 13. Jahrhundert. Auch die ist einen Besuch wert – wenn dies den Kompromiss mit dem Nachwuchs nicht kompromittiert. Die Burg öffnet allerdings nur an den Wochenenden.

Obwohl das Hinterland während der Corona-Pandemie einen Boom erlebt hat, muss Banyeres mit seinen touristischen Ressourcen selbst mitten in der Hochsaison jonglieren. So werden alle Museen im Park von ein und derselben Person betreut. Die Museumswärterin öffnet und schließt eines nach dem anderen (siehe Kasten nächste Seite).

So lässt sich zunächst das Museu de la Espardenya besichtigen. Hier erfahren Besucher mehr über den Beruf der Alpargateros, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Banyeres Stoffschuhe mit Hanfsohlen herstellten. Ein kurzer Dokumentarfilm (auch mit englischen Untertiteln) im Erdgeschoss gibt einen ersten Einblick in das Handwerk, ehemalige Alpargateros aus Banyeres erzählen, wie die espardenyas oder alpargatas angefertigt wurden. Der wichtigste Rohstoff war das dehnbare cáñamo (Hanfgras), das einst unter anderem in den Hügeln rund um Banyeres gesammelt wurde und jetzt in Callosa de Segura wiederbelebt werden soll. Das ebenfalls verwendete Yute-Gras stammte hingegen aus Indien.

Die Eigenschaften der Materialien können Museumsbesucher selbst ertasten, genauso wie einige der typischen Werkzeuge. Von den rauen Händen der Alpargateros sind Klöppel, Nadeln, Messer, Ahlen, Scheren und Hämmer in die Vitrinen im Obergeschoss des Museu de la Espardenya gewandert. Zu sehen ist auch der historische Arbeitsplatz eines Schuhmachers sowie weitere Dokumente, in denen auch interaktiv an Konsolen gestöbert werden kann. Die letzte Alpargata-Werkstätte in Banyeres schloss im Jahr 1960.

Auch die Tür des Espardenya-Museum schließt sich jetzt – und die Museumswärterin sperrt die des valencianischen Papiermuseums (Museu del Paper) auf. Es ist in einem 120 Jahre alten Chalet im Parque de Villa Rosario untergebracht und das einzige über die einst blühende Papierherstellung in der Region Valencia. Das ursprünglich 1997 im Torre de Font Bona – auf diesen Turm kommen wir später noch – eröffnete Museum zog zwei Jahre später in die Villa Rosario um und wurde im Jahr 2018 umfangreich modernisiert, bietet also auch Neues für jene, die die Ausstellung vor Jahren schon einmal besucht haben.

Museen in Banyeres: Von Brief- bis Zigarettenpapier

Verblichene Landkarten, auf denen Museumsbesucher den Weg des Papiers von China über die arabische Halbinsel und von dort ins maurische Spanien nachverfolgen konnten, sind audiovisuellen Inhalten und modern gestalteten Tafeln mit Informationen gewichen, die dank QR-Codes weiter vertieft werden können. Die umfangreiche Ausstellung lässt den Besucher eintauchen in eine Welt, in der das geschriebene Wort noch nicht von der Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit des digitalen Zeitalters beeinflusst war, das der Menschheit einerseits viel Erleichterung, andererseits aber auch viele überflüssige Wortschwalle auf Twitter und Co. beschert hat.

Ein Ausflug nach Banyeres gibt Einblick in die Papierindustrie, in der ein Großteil der Bevölkerung arbeitete.

Das Wort war früher auf ein Trägermaterial angewiesen, das in einem aufwändigen Prozess hergestellt werden musste. Im valencianischen Xàtiva entstand im 11. Jahrhundert die erste Papierfabrik Europas. In der folgenden Zeit siedelte sich die Industrie in immer mehr Orten der Region an. Einige Fabriken spezialisierten sich auf qualitativ hochwertiges Papier für Korrespondenz, Dokumente und Aktien sowie auf das sehr feine für Zigaretten, andere wiederum stellten robusteres, fast pappeähnliches Papier aus Stroh und Stoffen für Verpackungen oder Tüten her. In Banyeres de Mariola entstanden bis zum 19. Jahrhundert mehrere Dutzend Papiermühlen – hauptsächlich entlang des Flusses Vinalopó. Der Ort war im 19. Jahrhundert der zweitwichtigste Produzent von Zigarettenpapier nach Alcoy. Wie es in einer solchen Papiermühle aussah, zeigt ein liebevoll und detailreich gestaltetes Modell im oberen Stockwerk des Museums.

Nach dem Museu del Paper würde im Parque de Villa Rosario eigentlich das Apothekenmuseum öffnen, doch es ist derzeit vorübergehend geschlossen. Also geht es gleich zur Torre de Font Bona, die nur wenige Schritte unterhalb des Parks liegt. In dem Verteidigungsturm aus dem 15. Jahrhundert sind auf vier Etagen Ausgrabungsstücke verschiedener Epochen ausgestellt – eine nicht sehr umfangreiche, aber doch interessante Sammlung archäologischer Zeugnisse.

Damit ist der kulturelle Teil des Ausflugs erfüllt – jetzt geht es über zu Natur, Spaß und Abkühlung. Banyeres schmiegt sich von Westen an die Sierra de Mariola, einen der neun Naturparks der Provinz Alicante. Duftende Kräuter, aus denen der berühmte Kräuterlikör Herbero de la Sierra de Mariola hergestellt wird, Greifvögel am Himmel, Höhlen und historische Zeugnisse wie alte Schneebrunnen machen diese Sierra zu einem Wanderparadies – im Frühjahr, Herbst und Winter. Aber nicht im August. Selbst den Alten ist klar, dass das Wandererlebnis warten muss.

Stattdessen müssen sie nun ihren Teil des Kompromisses erfüllen – in der Área Recreativa Molí l’Ombria, einer unterhalb von Banyeres gelegenen Flusslandschaft mit Spiel-, Zelt-, Picknick- und Bademöglichkeiten. Zwischen hohen Bäumen bahnt sich dort der Río Vinalopó seinen Weg, dessen Tal für den Anbau von Tafeltrauben bekannt ist. Der hat seine Quelle nur wenige Kilometer entfernt in der Sierra de Mariola – und das merkt man. Das eiskalte Flusswasser lässt einen selbst bei unerträglichen Außentemperaturen frösteln.

Vor einigen Jahren nahm die Beliebtheit dieses idyllischen Fleckchens dermaßen überhand, dass das Rathaus von Banyeres de Mariola inzwischen eine symbolische Eintrittsgebühr von drei Euro (ab 15 Uhr nur noch 1,50 Euro) für Erwachsene verlangt, um den Andrang zu regulieren. Es hat gewirkt: Das Gebiet ist selbst an heißen Tagen zwar gut besucht, aber nicht überlaufen.

An einem der Picknicktische werden die Bocadillos verzehrt, danach geht es für die Mutigen zum Flussufer. Zentimeter für Zentimeter versinkt der Körper langsam im eisigen Wasser. Verdammt, ist das kalt – und tut so gut. Solche Kompromisse machen wir doch gerne.

Weitere Informationen: Banyeres de Mariola erreicht man über die A-7 Richtung Alcoy. Bei Castalla auf die CV-80 wechseln. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder Sie fahren über die CV-8153 nach Onil und von dort über die kurvige Bergstraße CV-802 (später 803 und CV-795) Richtung Banyeres. Oder Sie fahren auf der CV-80 weiter bis zur Ausfahrt nach Biar. Von diesem Ort aus geht es weniger kurvenreich auf der CV-804 nach Banyeres de Mariola.

Öffnungszeiten der Museen (Juni bis September):

  • Museu de la Espardenya: Mi. u. Do. 11-12 Uhr, Fr.-So. 10-11 Uhr (ab September jeweils auch 17-18 Uhr)
  • Museu del Paper: Mi.-Do. 12-13 Uhr, Fr.-So. 11-13 (ab September auch 18-19 Uhr, am Wochenende auch 18-20 Uhr), Eintritt 1,50 Euro, ermäßigt 0,75 Euro.
  • Museu Arqueológico Torre Font Bona: Mi.-So. 13-13.45 Uhr (ab September Mi.-Do. auch 19-19.45, Fr.-So. auch 20-20.45 Uhr), Eintritt: 1 Euro, ermäßigt 0,50 Euro
  • Museu de la Farmacia: vorübergehend geschlossen

Weitere Infos gibt es auf der Internetseite des Tourismusbüros von Banyeres .

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