Blick auf eine Bucht im Süden der Costa Blanca.
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Cala Mosca, letzter unbebauter Küstenabschnitt von Orihuela Costa im Süden der Costa Blanca, in akuter Gefahr.

Baupolitik in Spanien

Costa Blanca: Ferienwohnungen statt Natur - Letzte grüne Küste bedroht

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Der Küstenschutzplan Valencias, Pativel, der die Costa Blanca vor besinnungsloser Bebauung schützen sollte, wurde vom Oberlandesgericht Valencia wegen juristischer Stümperei gekippt. Für die Bau- und Immobilienbranche das Signal: Torrevieja und Orihuela Costa planen nicht nur Hochhäuser und neue Siedlungen für Ferienwohnungen, sondern gleich ganze Stadtviertel.

Valencia/Orihuela/Torrevieja – Nach Corona, so viel ist schon sicher, nimmt die Bautätigkeit an Spaniens Küsten wieder an Fahrt auf - "El ladrillo", der Ziegel, wie die Baubranche in Spanien salopp genannt wird, gilt zumindest kurzfristig vielen Bürgermeistern als willkommene Konjunkturspritze und Arbeitsbeschaffung. Die Nachfrage aus dem Ausland ist vorhanden, Corona-Beschränkungen bremsten zwar die Vermarktung, doch die Pandemie hat die Sehnsucht nach einem Refugium im vermeintlichen Paradies außerhalb großer Städte eher noch verstärkt.

Naturschutz vs. Baupläne an der Costa Blanca: Landesregierung versagt mit Schutzgesetz

Der Schutzplan für die letzten grünen Küstenabschnitte der Region Valencia, Pativel, wurde Anfang der Woche vom Oberlandesgericht Valencias (TSJ) in seiner jetzigen Form abgeschmettert. Für Umweltschützer, aber auch progressive Urbanistiker und erst recht für die linke Landesregierung als Ersteller ist das ein Schock.

Graue Aussichten: Gebiet La Hoya in Torrevieja. Zwischen den Lagunen könnten bis zu 7.100 neue Wohnungen gebaut werden.

Denn der Plan sollte verhindern, dass die letzten unbebauten Küstenkilometer, aber auch die sogenannte „zweite Linie“, in Summe ging es um 3.000 Hektar, weiter massiv mit Neubauten bepflastert werden können. Vor allem im Süden der Costa Blanca, um Torrevieja und Orihuela Costa, die als zersiedelt und zugebaut zu gelten hat, hätte der Pativel praktisch einen Baustopp für die küstennahen Zonen bedeutet und auch aktuelle Projekte beerdigt.

Der Pativel-Plan sollte künftig, als den Flächennutzungsplänen übergeordnet, deutlich erschweren, dass Wohnsiedlungen als „öffentliches Interesse“ über die Belange des Naturschutzes gestellt werden können. Auch sogenannte Mikroreservate, also keine amtlichen Naturschutzgebiete, wären dann ein Bauhinderungsgrund gewesen.

Bauwut in Torrevieja: 30.000 neue Einwohner und etliche Hochhäuser geplant

Das Gericht sah jedoch Teile des Plans „gegen geltendes Recht“ gerichtet und verwarf daher die Zustimmung, Entschädigungsregelungen seien unklar formuliert und einige Abschnitte würden das Gebot des Verbots der Retroaktivität von Gesetzgebung unterwandern. Nur Spaniens Oberster Gerichtshof kann nun noch einschreiten. Die Volkspartei, PP, traditionell der Lobbyist (in Andalusien auch die PSOE) der Baubranche, rief die valencianische Landesregierung umgehend dazu auf, „das gescheiterte Projekt Pativel zu überdenken“, sprich: fallen zu lassen.

Geht es nach dem Vorprojekt, wird aus dem wilden charmanten Park eine glattgebügelte, „integrierte“ Grünfläche, dominiert von zwei Hochhäusern.

Für mehrere Gemeinden hat das praktische Auswirkungen, so für die Cala Lo Ferrís und die Cala Palangre, die letzten zementfreien Kilometerchen Torreviejas, wo bereits Entwickler für Hotel- und Hochhausprojekte sowie neue Urbis mit den Hufen scharren. Im Areal La Hoya zwischen den beiden Lagunen der Salzstadt, das ebenfalls unter den Pativel gefallen wäre, sollen sogar 7.100 neue Wohneinheiten bis zu 30.000 neue Bewohner anlocken und die natürliche wie städtische Infrastruktur dadurch einem massiven Stresstest unterziehen.

Neue Ferienwohnungen an Bucht der Costa Blanca: Makrourbanisation gegen Mikroreservat

Auch die negative Umweltbescheinigung für die angestrebte Bebauung der Cala Mosca in Orihuela Costa, ebenfalls der letzte jungfräuliche Grünabschnitt dieser Küstengemeinde, wird nun anfechtbar. Dass beide Städte, Torrevieja und Orihuela, von der PP regiert werden, ist kein Zufall.

Ganz aktuell hat Orihuela 15,9 weitere Hektar in „zweiter Strandlinie“ für den Bau von 952 Wohnungen ausgeschrieben. Es handelt sich um den „Sector B-1a Mil Palmeras/Campoamor“, der gerade zur öffentlichen Begutachtung ausliegt (im Internet unter orihue la.es). Der Entwickler spricht natürlich von einer „ökonomisch und ökologisch völligen Kompabilität“ des Projektes, das bis zu 2.900 neue Bewohner in den zersiedelten Küstenbezirk brächte, der bis heute kein vernünftiges städtisches Zentrum, kein Kultur-, kein Notfallzentrum und praktisch keine Parks vorweisen kann.

Orihuela Costa: Neues Viertel in zweiter Strandlinie - Nettozahler für die Stadtkasse

Für die Stadt ist die Rechnung einfach: Die Mehrkosten für Grünflächen- und Straßenpflege sowie Müllabfuhr werden mit 218.000 Euro jährlich veranschlagt, die Mehreinnahmen durch die neuen Bewohner, ihre Abgaben und Grundsteuer auf 550.000 bis 1,7 Millionen Euro. Orihuela Costa würde so noch mehr Geld ans Rathaus Orihuela zahlen, von dem es deutlich weniger hat als die Einwohner des 30 Kilometer entfernten Orihuela Stadt.

So ein Zufall: Am 10. November brennt es in der Cala Mosca in Orihuela Costa. Kurz davor wurde eine Umweltstudie zur Bebauung abgewiesen.

Besonders anachronistisch an dem Projekt erscheint, dass nur 20 Prozent der Wohnungen für eine „dauerhafte Bewohnung“, 80 aber nur als Ferienwohnungen vorgesehen sind, d.h., sie werden etliche Monate im Jahr leerstehen, die Natur - oder das Wenige, was an der Costa Blanca davon übrig ist - aber dennoch dauerhaft zustellen.

Zum Thema: Muss das sein? Über ein Dutzend Hochhäuser könnten Torreviejas Identität radikal verändern - Bürger leisten Widerstand.

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