In einem Wohnhaus-Viertel stehen Palmen.
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Costa Blanca: Im Vordergrund eine der verstümmelten Palmen in Elche. Zum Glück waren nur 16 betroffen. 4.000 Stück sollten die auswärtigen Gärtner beschneiden.

Spaniens bedrohte Schätze

Mit Motorsägen aufs Weltkulturerbe: Gärtner verstümmeln Palmen der Costa Blanca

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Spaniens Palmenstadt Elche tobt: Eine auswärtige Firma schnitt auf unerhörte Weise Datteln ab und sorgte für Gefahren. Die Diskussion um die Bewahrung des Weltkulturerbes ist neu entfacht.

Elche - Bereits die Vergabe des Beschnitts der Palmen an ein auswärtiges Unternehmen hatte in Elche an der Costa Blanca zu Beginn vom Herbst 2021 für Ärger gesorgt. Doch nun tobt die Palmenstadt im Südosten Spaniens. Nach nur zwei Tagen der Arbeiten ist der Vertrag mit der Firma Matersa aus der Region Murcia wieder aufgelöst. Die Gärtner hatten auf unerhörte Weise die Datteln von den Pflanzen in der Innenstadt geschnitten: Mit Motorsägen verstümmelten sie die sowieso gefährdeten Weltkulturerbe-Palmen und missachteten dabei jede Sicherheitsvorgaben.

Elche Stadt in Spanien
Fläche: 326,1 km²
Bevölkerung: 230.625 (2018)

Costa Blanca: Gärtner verstümmeln Weltkulturerbe-Palmen mit Motorsägen

16 Palmen an der Straße Pedro Juan Perpiñan seien durch den aggressiven Beschnitt dem „sicheren Tod“ ausgesetzt worden, klagte das Kollektiv Volem Palmerar zum Schutz des bedrohten Weltkulturerbes von Elche. Zudem hätten die auswärtigen Gärtner laut Gewerkschaft CC.OO durch wild herabfallende Teile der verstümmelten Palmen Spaziergänger und sich selbst auf „illegale“ Weise in Gefahr gebracht. Auf öffentlichen Druck - zahlreiche Fotos und Videos vom Motorsägen-Einsatz tauchten auf sozialen Netzwerken auf - bot die Firma selbst um den Ausstieg aus dem Vertrag.

Das Rathaus stoppte sogleich den Auftrag für die Motorsägen schwingenden Gärtner aus Murcia. Wenn es um Palmen geht, kennt Elche keinen Spaß. Schließlich hat die Stadt an der Costa Blanca den größten Palmenbestand Europas. Seit 2000 ist der Palmeral, den die Mauren um die Altstadt anlegten, ein Unesco-Weltkulturerbe. Viele Bräuche und Mythen um die Palmen sind in der Stadt am Vinalopó fest verankert, etwa das Herstellen der weißen Palmen vor Ostern. Aber bekannt ist auch seit langem: Die Weltkulturerbe-Gärten sind schwer angeschlagen. Allein der Tourismus kann sie nicht bewahren.

Gärtner hatten nur Erfahrung mit Import-Palme Washingtonia

Dass auswärtige Gärtner zum Beschnitt der Weltkulturerbe-Palmen angestellt werden, sorgte in Elche bereits zu Beginn vom Herbst für Missmut. Aber als die Firma aus Murcia nun mit Motorsägen anrückte und 16 zarte Dattelpalmen verstümmelte, war es zuviel des Guten. Ganz offensichtlich hatten die beauftragten Arbeiter keine Erfahrung mit der Phoenix dactylifera, der Datteln tragenden Palme, die bereits die Phönizier vor über 2.000 Jahren an die Costa Blanca brachten. Die Gärtner gingen mit ihren Motorsägen so vor, als handelte es sich um die billige Import-Palme Washingtonia.

Seit dem Bau-Boom an Spaniens Küste zu Beginn des 21. Jahrhunderts - ausgerechnet in Zeiten, als Unesco Elches Dattelpalmen zum Weltkulturerbe erklärte - ist die Washingtonia an der Costa Blanca gehäuft zu finden. Der Grund: Sie ist billig und wächst schnell. Dank ihr konnten viele Straßen oder Gärten in den rasch entstehenden Urbanisationen für den Residentialtourismus günstig ein exotisches Flair erhalten. Zu erkennen ist die Washingtonia an ihrem rasch wachsendem trockenen Laub, das rund um den Stamm an einen Bart erinnert. Am schnellsten rasiert man diesen mit einer Motorsäge ab.

Washingtonia-Palmen an Costa Blanca: Günstige Import-Art, deren trockenes Laub mit Motorsäge beschnitten werden kann.

Schutz der Weltkulturerbe-Palmen vor Plagen an erster Stelle

Doch bei der Weltkulturerbe-Palme ist der Beschnitt per Motorsäge verheerend. Schwer beschädigt, ja verstümmelt wird die Dattelpalme, wenn Gärtner auf aggressive Weise ihre Krone beschneiden. Geschulte Palmengärtner aus Elche führen den Beschnitt von Blättern und Datteln mit traditionellen Schneidewerkzeugen durch. In palmerers-Familien werden entsprechende Techniken seit Jahrhunderten von Generation zu Generation übertragen. Die manuelle Vorgehensweise schützt die Palmen nicht zuletzt vor gefährlichen Plagen. Der Einsatz der Motorsäge dagegen ist bekannt dafür, schädliche Pilze zu verbreiten.

Der Schutz des grünen Weltkulturerbes vor Plagen steht in der Palmenoase, die Touristen in herrliche Gärten und sogar ein Palmenmuseum lockt, mit an erster Stelle. Schließlich ist etwa der Palmrüssler (Picudo rojo) längst nicht besiegt. Der Palmen-Plagegeist brach - wie die Washingtonia-Palme - vor 20 Jahren an die Costa Blanca ein. Im Zuge der massiven Bebauung, als beim Import von Palmen der billige Preis die Hauptrolle spielte und weniger die sichere Herkunft oder die Überprüfung importierter Pflanzen auf ihre Gesundheit.

Ähnlich rücksichtslos wurden nun die Gärtner aus Murcia für den Beschnitt der Palmen angeheuert. Offenbar hatte das Rathaus sich nicht darüber informieren lassen, dass das Unternehmen Motorsägen verwenden würde. Der im Vergleich zu anderen Firmen günstige Preis gab den Ausschlag für den Auftrag, die Datteln in der Innenstadt zu entfernen. Im Herbst sorgen die vollen, gelb-orange-strahlenden Fruchtstände der Weltkulturerbe-Palmen nicht nur für ein schönes Bild, sondern an den Bürgersteigen auch für Gefahr für vorbeigehende Menschen.

Palmen der Costa Blanca sind voller Datteln: Statt zu ernten wird in Elche fast nur beschnitten. Palmensorte Phoenix dactylifera im Herbst.

Rathaus wählte günstigste Firma: Gärtner bald überfordert

Dabei sollte nicht vergessen werden: Datteln sind eine vergessene Delikatesse der Costa Blanca. Geerntet werden im Raum Elche und Alicante nur wenige dieser nahrhaften Früchte. Verkauft werden in Spanien stattdessen fast nur Import-Datteln aus Afrika oder Asien. Auch das ist ein Anzeichen dafür, wie wenig Wertschätzung das maurische Weltkulturerbe an Spaniens Küste erfährt. Da beim Bürger des 21. Jahrhunderts Palmen nicht mehr als landwirtschaftliches sondern rein optisches Element wahrgenommen werden, sind auch die Datteln, wenn es zuviele an den Palmen werden, lediglich ein Störfaktor.

Bei über 200.000 Dattelpalmen in der ganzen Stadt sorgen die Früchte im Herbst logischerweise für Gefahr. Die städtische Brigade - von 18 gelernten Palmengärtnern sind nur noch sieben aktiv - kommt mit dem Beschnitt der Pflanzen nicht nach. 4.000 Palmen der Innenstadt sollte die auswärtige Firma beschneiden. 119.245 Euro kostete der Auftrag für fünf Monate. Viel Geld, jedoch war es der günstigste Preis unter den Kandidaten, weshalb die Gärtner aus Murcia den Zuschlag bekamen. Doch schnell wurde klar, dass sie mit dem Auftrag in der Palmenstadt überfordert waren.

Schon das Tempo der Arbeit ließ aufhorchen. Nur 16 Palmen an der Straße Pedro Juan Perpiñan beschnitt die Firma in zwei Tagen. Eigentlich sollte sie 100 am Tag schaffen. Als dann die Bilder und Berichte von den Durchführungen mit der Motorsäge auftauchten, zog der zuständige Stadtrat Héctor Díez (PSOE) die Notbremse. Die Firma selbst hatte drum gebeten. Die Gärtner hätten die Palmen nicht nur verstümmelt, sondern die Motorsägen bei offenem Visier mit nur einer Hand bedient und nicht einmal den Bürgersteig gesperrt, klagte die Gewerkschaft CCOO - ein „schlimmes Bild“ für die Firma und das Rathaus.

Palmen sind in Elche Weltkulturerbe - Historisches Foto von Palmengärtnern.

Gewerbe der Palmengärtner ist vom Aussterben bedroht

„Wie Staubwedel“ sähen die 16 betrofffenen Palmen nun aus, klagen die Schützer des Weltkulturerbes der Costa Blanca. Doch das ist noch das geringere Übel. Möglich, dass die Palmen den Eingriff mit der Motorsäge nicht überleben werden. Für die weitere Durchführung der Aufgabe sprang vorerst doch die städtische Brigade der gelernten Palmengärtner von Elche ein. Eigentlich war sie im Stadtpark (Parque municipal) im Einsatz. Ob die palmereros die Belastung, 4.000 Palmen der Innenstadt zu beschneiden, stemmen können, ist fraglich. Möglich, dass die Stadt den Auftrag nochmals an ein externes Unternehmen vergibt.

Jedenfalls entfachte der Zwischenfall erneut die Diskussion um den Umgang mit dem Weltkulturerbe-Palmeral und seinen Hütern. Das Gewerbe der Palmengärtner von Elche ist vom Aussterben bedroht. Die städtische Brigade der Gärtner wurde in den vergangenen Jahren immer wieder beschnitten und nie durch neue Fachkräfte verstärkt. Zwar kündigen die Stadt und die Region Valencia etwa im Rahmen eines neuen Palmenschutzgesetzes an, den Beruf des Palmengärtners zu regulieren und zu fördern. Umgesetzt ist davon jedoch fast nichts. Vielleicht war das Motorsägen-Getöse das entscheidende Alarmsignal.

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