Ein Kreisverkehrund ein Schild mit einem sexistischen Spruch in valencianischer Sprache.
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Weiße Schilder mit zotigen Sprüchen versetzen die Costa Blanca in Aufruhr. El Verger will damit ein Zeichen gegen die Gewalt an Frauen setzen.

Provokative Aktion gegen Sexismus

Costa Blanca: Gewalt an Frauen - Dorf bei Dénia dreht Spieß um

  • vonStephan Kippes
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Ein kleiner Ort stellt die Männerwelt auf den Kopf und sorgt an der Costa Blanca für Aufsehen. Auf Schildern werden Macho-Sprüche Frauen in den Mund gelegt und an Männer gerichtet.

  • Skandal an Costa Blanca: Schilder mit derben Anmache-Sprüchen versetzen El Verger und Netzwerke in Aufruhr
  • Rollentausch mit Botschaft: Anmache-Sprüche richten sich an Männer
  • Provokante Aktion zum Welttag gegen Gewalt an Frauen

Update, 20. November: Die provokanten Schilder in El Vergel haben kaum 24 Stunden für Aufregung gesorgt, bis sie mutwillig entfernt wurden. Die Künstlerin Vero McClain reagierte anfangs mit Begeisterung, da die Performance doch eine hitzige Debatte lostrat und dann ein dramatisches Ende fand. Überhaupt nicht gefiel ihr jedoch das Profil des Täters. Es war kein Mann, der seine Wut an den Schildern ausließ, sondern eine Frau aus Sagra baute sie in einer Nacht-und Nebelaktion ab, ohne sie zu zerstören. Wenig später gab sie die Tat in den sozialen Netzwerken auch unumwunden zu. Das Kulturamt reagierte souverän und sah nicht nur von einer Anzeige ab, sondern schrieb die erzürnte Frau über Facebook sogar noch recht liebevoll an.

El Verger - Was Mann kann und nicht sollte, das kriegt Frau allemal hin, dachte sich wohl das Rathaus von El Verger und hielt den männlichen Bewohnern der Costa Blanca anlässlich des Welttags gegen die Gewalt an Frauen am 25. November einen Spiegel vor. Rund um einen Kreisverkehr in der Nähe von Dénia und mitten in der Hauptstraße stehen Schilder mit extrem vulgären Anmache-Sprüchen, die jedoch diesmal Frauen in den Mund gelegt werden und auf Männer abzielen.

Aktion an Costa Blanca gegen Gewalt an Frauen: Macho-Sprüche im Fokus der Kritik

Diese Sprüche stehen in ihrer Ausdrucksgewalt und Intellektualität den dümmsten Macho-Sprüchen in nichts nach, die die restlichen 51 Wochen im Jahr vielen spanischen Frauen aus einem Gully der Männerwelt nachgerufen oder nachgedacht werden. Übersetzen lassen sich die valencianischen Sprüche kaum, das verbietet der gute Ton und auch Google.

Die schneeweißen Installationen haben nicht nur El Vergel in helle Aufregung versetzt, auch in den Sozialen Netzwerken fremdschämt sich die Facebook-Community. Hinzu kommt, dass die auf Valencianisch beschrifteten Schilder wohl einige Eltern in Erklärungsnot versetzen könnten, die ihre Kinder in die Schule bringen und sich mit unbequemen Fragen der Youngsters auseinandersetzen müssen, etwa wie hübsche Jungen, wenn sie an Mädchen vorbeilaufen, „weibliche Geschlechter feucht werden lassen sollen“, wie es auf eines der Schilder prangt.

Ihren Zweck hätten die Schilder wohl erfüllt, wenn diese aggressiven Sprüche Männer innehalten lassen würden. Und sie sich vorstellen könnten, was sie als Mann von einer Frau wohl halten würden, die ihnen mit solchen Sprüchen käme. Im Umkehrschluss müssten sie sich auch fragen, was Frauen wohl denken, wenn Männer ihnen diese verbalen Perlen überreichen. Die somit auf der untersten Ebene hergestellte sexuelle Gleichheit impliziert allerdings drei Denkschritte und erfordert eine gewisse intellektuelle Leistung, die diesen Sprüchen fremd scheint. Hier ein typischer Bauarbeiter-Spruch: „Du bist vielleicht kein Oreo, aber ich bade Dich in Milch.“

Hinter der Aktion steckt durchaus ein ernstes Thema, das das Kulturamt El Vergel und die Künstlerin Vero McClain auf eine provokante, aber auch mutige Weise angepackt haben. „Wir wollen die Gesellschaft auf ein Problem aufmerksam machen, dass 90 Prozent aller Frauen bis zum Alter von 19 Jahren schon haben erleiden müssen“, verteidigt sich Kulturstadtrat Miguel Pou gegen den Fäkaliensturm aus dem Internet. Und das ist ihnen gelungen. Man darf nicht vergessen, dass am Anfang der blöde Machospruch steht, aber am Ende 40 von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordete Frauen seit Januar und damit fast 1.100 seit Beginn der Aufzeichnung dieser Daten im Jahr 2003.

Aktion soll aufrütteln: Macho-Spruch macht Frauen zu Objekten

Sicherlich, ein zotiger Machospruch mündet nicht zwangsläufig in eine gewalttätige Handlung durch den (Ex-) Partner. Beides beruht aber auf einem gemeinsamen Nenner: Die Degradierung eines Menschen zum Objekt, in einen Hintern, in Beine oder Brüste, die man nach Belieben nutzen kann. „Ein Piropo ist nichts anderes als eine subjektive, physische und ästhetische Einstufung, mit der ein Körper in ein Ding, eine Sache transformiert wird“, sagt die Künstlerin McClain.

El Verger spricht sich anlässlich des Tags an Gewalt gegen Frauen explizit gegen die Piropos aus - wie die Spanier die zotigen Sprüche nennen, die Männer Frauen nachrufen. Nur dreht der Ort eben sprichwörtlich die Tortilla um und führt den Männern den Sexismus, der diesen Sprüchen unterliegt, vor Augen, in dem sie die „Krone der Schöpfung“ einmal zu reinen Objekten einer fiktiven Begierde degradiert. Eigentlich ist die Empörung darüber genauso empörend wie die Provokation selbst.

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