Wunder von Spanien

Goldschatz an Costa Blanca: Gefunden in Villena - dank „Spaniens Schliemann“

  • vonStefan Wieczorek
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Dass der Goldschatz der Costa Blanca 2021 noch am Fundort in Villena weilt, ist Schatzsucher José María Soler zu verdanken. Sein Fund war 1963 in Spanien eine Sensation und gibt weiter Rätsel auf.

Villena - Es gibt da dieses fast 60 Jahre alte Bild im Stadtmuseum in Villena: Acht Personen hocken wie verzaubert um eine Vertiefung im Boden, mit Gesichtern, als hätten sie einen Schatz entdeckt. Trügen sie Hirten- oder Königskleider - vielleicht noch in den Händen Gold, Weihrauch und Myrrhe - wäre man sofort bei der weihnachtlichen Krippenszene, die die Stadt im Hinterland der Costa Blanca am Dreikönigsfest besonders theatralisch in Szene setzt. Trenchcoats und Schwarzweißfoto jedoch verraten, dass es sich ums 20. Jahrhundert handelt. Und in der Kuhle liegt auch kein Kind, sondern ein Gefäß, und darin ein Goldschatz.

VillenaStadt an Costa Blanca
Höhe505 m
Bevölkerung33.983 (2018)
Wunder der Costa Blanca: Schatz von Villena - José María Soler ist dritter von rechts.

Goldschatz an Costa Blanca: Gefunden in Villena - dank „Spaniens Schliemann“

Der „Tesoro de Villena“, der Goldschatz der Provinz Alicante, wurde im Winter 1963/64 erstmals ausgestellt und sorgte für große Augen bei der Bevölkerung. Als Sensation feierte ganz Spanien am 1. Dezember 1963 den Fund des Schatzes von enormem materiellen Wert. Ein Wunder ist aber auch 2021 noch, dass er bis heute in der Hinterlandstadt der Costa Blanca blieb, und nicht etwa, was logisch wäre, in Madrid landete. Beides war der Verdienst von „Spaniens Heinrich Schliemann“.

Der Archäologe José María Soler war ein Lokalpatriot, großer Gelehrter und geradezu filmreif unorthodox in seinen Methoden. Als „goldenes Jahr“ für Villena bezeichnete Soler 1963 später – denn die Stadt hinter Alicante wurde reich beschenkt – und das zunächst an Ostern. Am 11. April, 1963 der Gründonnerstag, machten Arbeiter in einem Steinbruch einen Fund.

Im Schotter entdeckten sie Ringe, Armreife, Ohrringe, Kettenglieder, Spiralen und einen Barren aus purem Gold: Überbleibsel des geheimnisvollen Volkes El Argar, das in der Bronzezeit den „runden Gipfel“ Cabezo Redondo bei Villena bewohnte. Dass das Gebiet fortan – wieder dank „Spaniens Schliemann José María Soler – als Ausgrabungsgebiet geschützt wurde, dafür gab dieser Fund im Steinbruch den Ausschlag.

Goldschatz der Costa Blanca: Bauarbeiter in Villena fanden erstes Stück

Dennoch nennt der Volksmund der Costa Blanca die im April 1963 gefundenen Stücke nur „Tesorillo“, also „Schätzchen“, was an den verblüffenden Ereignissen im Herbst liegt. In der Innenstadt von Villena wurde gerade ein Haus gebaut, und im Bausand tauchte auf einmal ein ringförmiges Objekt auf. Ein Arbeiter hängte es an eine Wand. Jemand würde es an die richtige Maschine zurückmontieren, dachte er wohl.

Doch nach Tagen fand sich in Villena kein Experte für das Stück, das zudem bei näherer Betrachtung golden schimmerte – ein Fall für Juwelier Carlos Miguel Esquembre, zu dem die Bauleute das Objekt brachten. Der fiel fast um – einen goldenen Armreif von einem halben Kilo in der Hand haltend. Es dauerte nicht lange, bis auch Spürnase José María Soler, der in Villena den nationalen Dienst für Ausgrabungen delegierte, davon hörte. „Wo habt ihr den Sand her?!“ Man möge sich den kauzigen Schatzsucher vorstellen, wie er, mit der Frage auf den Lippen, in den Popelinemantel gehüllt, den Baustellenleiter am Kragen packt.

Jedenfalls fand José María Soler - die Stimme von „Spaniens Schliemann“ erklingt im obigen Video - tatsächlich den Ursprung der goldhaltigen Erde. Und dabei handelte es sich in Villena eben nicht um das Argar-Dorf am Cabezo Redondo. Sondern um eine unscheinbare Stelle einige Kilometer weiter im Becken Rambla del Panadero im Gebirge Sierra del Morrón. Dorthin begab sich der Schatzsucher umgehend – begleitet vom Brüderpaar Pedro und Enrique Domenech und deren Kindern Pedro und Enrique. Ein wie ein Familienausflug wirkendes Archäologenteam, das jedoch schon bei anderen Anlässen harmoniert hatte – etwa bei der Bergung des „Schätzchens“.

Sensation an Costa Blanca: Schatz von Villena - „Don José - hier ist es!“

Sie vermuteten natürlich nicht, mit José María Soler erneut einen Schatz in Villena zu finden, sagten die Domenechs später, sondern wollten „nur erfahren, was die Stücke dorthin verschlagen hatte“. Es war Sonntag, der erste Advent, als sie Meter um Meter umgruben. Stunden vergingen, bis Pedro Domenech rief: „Don José – hier ist es!“ Unter der aufgekratzten Erde erschien ein Krug. Einer, wie viele andere, die am Cabezo Redondo herumlagen.

Jene aber waren leer – und hier klirrten eindeutig Stücke aus Metall. Eine Sensation bahnte sich an. José María Soler schickte die Kinder mit dem Taxi weg: „Holt Alfonso Arenas, den Stadtrat vom Rathaus, und den Fotografen – Miguel Flor!“

Der Fund sollte nicht nur Villenas größter Schatz werden, sondern auch „eine der bedeutendsten Goldsammlungen Europas“, wie Historikerin Irene Carpena erklärt. Von „einem“ Schatz zu sprechen, stellt die Expertin sofort klar, käme in Villena also nicht in Frage. „Es ist ‚el‘ tesoro – ‚der‘ Schatz!“ Womit die in Villena heimische Lehrerin und Touristenführerin gleich zeigt, dass es den Villenenses bei ihrem Goldschatz nicht unbedingt ums rein Materielle geht.

Goldschatz von Villena: Irene Carpena, Expertin und Einheimische.

Also nicht nur um das Gold, aus dem 28 Armreife, elf Schalen, zwei Flakons und eine Brosche des Schatzes von Villena bestehen, sowie um Silber und Bernstein in weiteren Stücken, oder um den Armreif aus Eisen. Auch nicht um das Gewicht von 9,75 Kilo, auf das die 59 Schmuckstücke kommen.

Goldschatz von Villena: Viele halten José María Soler für den eigentlichen Schatz

Übertroffen wird der Goldschatz von Villena in Europa übrigens nur vom Königsgrab in Mykene, das Heinrich Schliemann 1874 freilegte. Also den Schatz mit der berühmten Goldmaske des Agamemnon. Doch den würden die Villenenses im Leben nicht gegen ihr Gold tauschen. „Für uns ist unser Schatz so bedeutend – ja, ein Stolz – vor allem, weil wir ihn in unserer Stadt haben“, sagt Irene Carpena mit goldglänzenden Augen.

Kein Wunder, dass das Tourismusamt mit dem Wort „Tesoro“ gern spielt, um im Wortspiel die Stadt Villena selbst als Schatz zu preisen. Der „Tesoro de Villena“ ist für die Villenenses überaus identitätsstiftend – wie ein Erbstück eines lieben Vorfahren.

Vergleichbar ist die innige Beziehung etwa mit der Dama de Elche, die vor Jahrtausenden Vorfahren der heutigen Bewohner von Elche anfertigten. Dieses Wunder der Costa Blanca weilt jedoch, eben anders als Villenas Schatz, in Madrid, und sorgt in seiner Stadt für große Nostalgie. Wie es Schatzsucher José Maria Soler – den viele für den eigentlichen „Schatz“ der Geschichte um das Gold von Villena halten – schaffte, das Erbe aus der Bronzezeit „zu Hause“ zu bewahren?

Vielleicht kam ihm entgegen, dass der Schatz von Villena nicht ganz so ikonisch ist wie die Dama de Elche, also kein Gesicht hat – und, dass sein Ursprung und Zweck bis heute ein großes Rätsel blieben. Der einzige Konsens um den „Tesoro de Villena“ ist, dass ihn ein Goldschmied aus dem Cabezo Redondo anfertigte, offenbar ein bestens vernetzter Meister, und dazu Rohmaterial verwendete, das aus Galicien stammen könnte.

José Maria Soler Soler vermutete, dass ein Stammeshäuptling vom Cabezo Redondo einen solchen Schatz angesammelt haben könnte“, sagt Irene Carpena. Einige der kleineren Stücke könnten Bestandteile eines Zepters sein, doch auch Schwerter oder Dolche geziert haben. „Da es keine Schriften aus der Epoche gibt, existieren dazu viele Mutmaßungen“, so die Expertin aus Villena.

Schatz von Villena: Bedeutendstes Stück ist gar nicht aus Gold

So könnte der Schatz von Villena auch einem Händler gehört haben, wofür Parallelen zwischen den Armreifen und ähnlichen Stücken, die in Portugal gefunden wurden, sprächen. Wegen dieser Verbindung zur Costa Blanca existiere sogar unter Fachleuten der Terminus „Estremoz-Villena“ für diese Form der Goldschmiedekunst.

Zu lesen ist auch öfter, dass der Schatz von Villena, als weibliche Aussteuer genutzt, Handelsrouten sichern sollte. Aus den Goldschalen hingegen könnten Adlige getrunken haben, um große Pakte zu begießen, vermutete etwa Archäologe Miquel Tarradell. Als er über Bräuche dieser Art unter den homerischen Königen aus der „Ilias“ schrieb, fragte er: „Sind wir hier nicht mitten im Ambiente des Tesoro de Villena?“

Ein Vergleich, der passend zu der Argar-Kultur erscheint, die hier und da als „Troja des Westens“ gelobt wird – angesichts ihrer großen Fortschritte in der Gesellschaftsordnung. Was zu ihrem Ende führte? Wenn die Forscher das wüssten, wären sie der Antwort auf die Frage näher, wie der Goldschatz von Villena vor 3.000 Jahren in der unscheinbaren Grube landete.

„Vielleicht war es die Furcht vor einer Belagerung“, sagt Irene Carpena – also auf eine plötzliche Not des damaligen Volkes deutend. Doch ein etappenweiser Rückzug der Bewohner des damaligen Villena scheint wahrscheinlicher, wobei ein bestimmtes Element eine Rolle spielt – der Armreif aus Eisen. „Manche halten ihn für das bedeutendste Stück im Schatz von Villena“, sagt etwa Archäologe Ángel García aus Alicante. „Es deutet den Übergang in ein neues Zeitalter an.“

Wunder der Costa Blanca: Goldschatz in glänzenden Augen

Warum auch immer jemand den Schatz am seltsamen Ort in Villena versteckte – er hatte wohl vor, ihn wieder zu bergen. Oder war es ein religiöses Opfer, oder die symbolische Markierung des Gebiets, wie andere Thesen lauten? So oder so. Der Tonkrug wurde zur Zeitkapsel, die die Villenenses - die modernen Bewohner Villenas - 3.000 Jahre später erreichte – und bis heute zutiefst berührt.

Was man ihnen anmerkt, wenn sie darüber sprechen. Und mit goldenglänzenden Augen dreinschauen, wie die Menschengruppe auf dem legendären Foto vom 1. Dezember 1963. Oder die, die vor 2.000 Jahren, am anderen Ende des Mittelmeeres, königliche Gaben im Gepäck hatten: Weihrauch, Myrrhe – und Gold.

Rubriklistenbild: © Ángela García.

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