Ein Mensch in Spanien sitzt am Tisch und isst, dahinter weitere Menschen beim Essen.
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Costa Blanca: Muslimische Tafel gibt an Weihnachten 300 armen Menschen zu essen

Krise in Spanien

Costa Blanca: Muslime retten Weihnachtsessen für 300 arme Menschen

  • vonStefan Wieczorek
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Bei der muslimischen Tafel Al-Taufik in Elche bekommen hunderte Bedürftige an der Costa Blanca zu essen. An Weihnachten kochten die Muslime besonders viel. Die Armut im Corona-Jahr ist groß.

Elche - In Elche an der Costa Blanca ist die islamische Tafel Al-Taufik längst eine Institution, was Hilfe für arme Menschen angeht. In Carrús, einem der ärmsten Viertel in Spanien, versorgt das muslimische Paar María Eugenia Bermúdez und Ahmed Zarrouk täglich bis zu hundert Bedürftige. An Weihnachten im Coronavirus-Jahr - in dem auch an der Costa Blanca die Armut stark zugenommen hat - servierten sie 300 leckere Weihnachtsmenüs, damit möglichst niemand das christliche Fest hungrig begehen musste. Auch costanachrichten.com steht mit Al-Taufik regelmäßig in Kontakt. Im Folgenden lesen Sie einen früheren Bericht über einen Besuch bei der islamischen Tafel, wo kein Hilfesuchender, der etwas zu essen braucht, nach dem Glauben gefragt wird.

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
ProvinzAlicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Costa Blanca: Armut wütet - Muslime geben an Weihnachten 300 Menschen zu essen

Um 12 Uhr stehe ich vor der grünen Metalltür in der Calle Ginés García Esquitino in Elche an der Costa Blanca. Eine halbe Stunde Vorsprung habe ich vor denen, die gewöhnlich anklopfen. Auf die teils auf Arabisch verfassten Zettel an der Tür achten sie kaum. Zu oft stehen sie davor, von der Armut überwältigt, zu hungrig die Mägen. Eine Frau mit Kopftuch öffnet mir, bittet mich in den Saal voller Essenstische: Die Tafel des islamischen Vereins Al-Taufik.

Verabredet bin ich mit dem Vorsitzenden Ahmed Zarrouk. Doch es ist seine Frau, María Eugenia Bermúdez, die mich empfängt. „Ahmed ist noch nicht da, setz dich irgendwo hin.“ Trotz großer Platzauswahl, zehn Tische stehen mit duftendem Mittagsteller gedeckt, bleibe ich stehen. Was, wenn ich jemandem den Platz wegnehme?

Weder die Leiterin noch ihre Helferin beachten meine Unsicherheit, verschwinden stattdessen im Wechsel hinter der Tür zur Küche. Früh treffen die ersten Kunden ein. „Geht alle durch“, weist sie Bermúdez an. Von alt bis jung, von gesund bis im Rollstuhl sitzend, nehmen die armen Menschen von der Costa Blanca in der muslimischen Tafel Al Taufik Platz.

Lauter Männer. Wortlos setzen sie sich hin, beginnen zu essen. Die Leiterin der muslimischen Tafel von Elche stellt mich vor. Einige machen mit einer Geste deutlich, nicht fotografiert werden zu wollen. Wie fange ich ein Gespräch an? „Schreib einfach, dass das Essen hier super ist“, höre ich. Der junge Mann hinter mir, Ricardo Lozano, ist schon mit dem Essen fertig. Als Zuhörer komme ich ihm offenbar gerade recht. Seit vier Jahren bewohne der 22-Jährige die Straße.

Costa Blanca: Muslimische Tafel hilft armen Menschen und fragt nicht nach Herkunft

„Meine Mutter wurde krank, ich kam mit Drogen in Kontakt“, erzählt der junge Spanier, der in die Armut rutschte. Aus dem Drogenmilieu sei er raus, sagt der Nutzer der muslimischen Tafel von der Costa Blanca stolz, habe sogar einen Job. Von den 100 Euro pro Woche für das Kebab-Ausliefern könne er sich aber keine Bleibe leisten. Ein Ziel hat er jedoch fest vor Augen. „Sozialarbeiter werden. Ich will Bedürftigen, armen Menschen helfen.“

Er streckt den Arm aus, ich soll mich in der muslimischen Tafel umschauen. „Der, und der, und der da – alle schlafen auf der Straße.“ „Er hier“, sagt er und zeigt auf einen armen Mann im Rollstuhl, „schläft bei der Cáritas, aber der, der ihn herschob, ist obdachlos“.

Drei Männer winken mich herbei. „Von uns darfst du ein Foto machen“, sagen sie fröhlich posierend. Einer von ihnen ist Antonio Calderón, 42, ich hätte ihn zehn Jahre älter geschätzt. „Ich machte Schuhe“, erzählt er. Dann sei die Krise gekommen. Auch er ist rasch mit dem Essen fertig, fängt an, beim Aufräumen der muslimischen Tafel in Spanien zu helfen. „Antonio, unser Angestellter“, scherzt Leiterin María Eugenia Bermúdez.

Oha, tatsächlich sitzen zwei Frauen an einem Tisch der muslimischen Tafel. Eine winkt jedoch gleich ab. Die andere ist mit einem Mann in eine Diskussion vertieft. Als María García und Esteban González stellen sie sich vor. „Wirtschaftlicher Aufschwung? Davon kriegen wir nichts mit“, klagt die 37-Jährige. „Es wird eher immer schlimmer.“ González, 48, vor Jahren an der Universität, analysiert die Weltlage. „Bei euch in Deutschland wählen sie jetzt auch die extreme Rechte“, sagt er. „Das ist immer so, wenn es viele arme Menschen gibt.“

Muslimische Tafel an Costa Blanca: „Die meisten, die herkommen sind Christen“

Javier Chacón am Nachbartisch zeigt mir in der muslimischen Tafel der Costa Blanca seine Graffiti-Entwürfe auf Papier. Gern würde der 40-Jährige Kindern Kunstunterricht geben. Der Weg dahin ist jedoch lang. Kürzlich kam er erst aus der Haft. „Dann schmissen mich meine Eltern raus – wobei es nicht meine richtigen Eltern sind“, verwirrt er mich. „Auch heiße ich anders, als es im Ausweis steht. Der ganze spanische Staat ist nur Schau.“

Bei Al-Taufik frage ihn jedoch niemand nach seiner Herkunft. „Schau, ich bin Muslim – aber ich kann auch beten wie ein Christ.“ Chacón macht ein Kreuzzeichen. Beides kann auch die Leiterin der muslimischen Tafel, María Eugenia Bermúdez. Vor Jahren habe sich die gebürtige Sevillanerin vom Christentum abgewandt. „Ich fühlte mich enttäuscht“, sagt sie. Heute jedoch arbeite Al-Taufik eng mit christlichen Vereinen von Elche zusammen. Die Cáritas etwa stelle den Bescheid aus, der für das Essen in ihrer Tafel berechtige. „Und die meisten, die herkommen, sind Christen“, sagt Bermúdez.

Endlich kommt Ahmed Zarrouk, entschuldigt sich für die Verspätung. Vor sieben Jahren gründete der Tunesier mit seiner Frau den Verein Al-Taufik, zunächst in Form einer sozialen Herberge. „Ich will helfen, weil ich weiß, dass ich auch einmal Hilfe gebrauchen kann“, sagt der Leiter der muslimischen Tafel an der Costa Blanca. So habe er nicht immer gedacht. „Ich war Türsteher in einer Diskothek, trank Alkohol“, erzählt Zarrouk.

Ein Einschnitt habe Ahmed Zarrouk zum Nachdenken gebracht, er habe viel gelesen und gebetet – und schließlich Antwort erhalten. „Ich begann, alle Menschen um mich zu lieben.“ Der sichtbare Wandel in ihrem Mann sei es gewesen, der María Eugenia Bermúdez zum Islam geführt habe. „Ich dachte, wenn so etwas geschieht, muss etwas Gutes in der Religion sein“, erzählt sie.

Selbst finanziell nicht auf Rosen gebettet, ist das Ehepaar für seine muslimische Tafel in Elche seit über zehn Jahren geschätzt. Mit der Universität Miguel Hernández oder dem Rotary Club organisiert das Paar Spendenaktionen. Zum Angebot von Taufik gehört auch Spanischunterricht für arabische Frauen oder Arabisch für Kinder. An Wochenenden bereiten Familien Paellas vor.

Corona und Armut an der Costa Blanca: Schlangestehen fürs Nötigste.

Ich muss los. Der Abschied fällt herzlich aus, sogar Umarmungen gibt es (Der Besuch fand vor der Corona-Krise statt, Anm. de. Red.). „Ich würde dich gern auf einen Kaffee einladen, aber habe nur einen“, lacht Javier Chacón. Verschämt liefere ich kein Gegenangebot. Antonio Calderón eilt von der Seite herbei, wo er Stühle stapelt. „Bis bald mal.“ Die Tür der muslimischen Tafel schließt hinter mir. Auch an Weihnachten wird sie wieder öffnen.

Costa Blanca: Wirschaftliche Not wegen Coronavirus groß - Armut wütet

Wie uns die muslimische Tafel Al-Taufik bestätigte, hat die Nachfrage nach Essen im Laufe der Corona-Pandemie in Elche zugenommen. Erschwert wird die Versorgung allerdings durch die sanitären Vorgaben. Die Räumlichkeiten lassen es etwa nicht zu, dass viele Menschen zugleich mit Essen versorgt werden. Daher hat Al-Taufik begonnen, auch Mahlzeiten zum Mitnehmen vorzubereiten. Spenden von Tupperdosen sind daher gern gesehen.

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