Wachturm in Torre de la Horadada
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Wachturm in Torre de la Horadada von 1591 mit nachträglichen Anbauten der gräflichen Besitzer.

Ausflüge an der Costa Blanca

Piraten an Spaniens Küste: Ausflug zu den Wachtürmen im Süden der Costa Blanca

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Von Wachtürmen zu Picknickplätzen: Ein historischer Spaziergang vom Maurenturm in Torrevieja zum Antonelli-Turm in Pilar de la Horadada.

Torrevieja – „No hay moros en la costa“ - Es sind keine Mauren an der Küste. Was heute in Spanien eine eher ironische Redensart ist und so viel bedeutet wie „die Luft ist rein“, war über Jahrhunderte furchterregende Realität. Auch für die kleine Besatzung des Torre del Moro am Cabo Cervera, halbwegs zwischen Torreviejas Zentrum und den Stränden von La Mata gelegen. Vom 14. bis ins 19. Jahrhundert diente der befestigte Ausguck als Schutz vor Piraten, die küstennahe Orte plünderten und bevorzugt Menschen auf ihre kleinen, schnellen Boote oder vorgelagerte Inseln als Geiseln nahmen. Erhielten sie nicht das geforderte Schutzgeld, hieß es für die armen Seelen oft: Sklaverei in Nordafrika.

Piraten an der Costa Blanca: Wilde Haufen auf schnellen Booten

Miguel de Cervantes konnte davon ein Lied singen oder besser gesagt, ein Buch schreiben, denn er fiel in die Hand solcher Piraten als er 1575 von seinem Kriegseinsatz in der Lepanto-Schlacht nach Hause zurückkehren wollte, vier Jahre dauerte sein Martyrium, bis der Freikauf gelang. Schon er bezeugte, was Propaganda und Volkserzählung später auf „die Mauren“ beschränkten. Es waren nämlich nicht nur wilde Berber aus Nordafrika, Osmanen vom Bosporus oder Balkan, vertriebene islamische Spanier oder zwangskonvertierte Morisken aus Al-Ándalus, die Spaniens Küsten unsicher machten, sondern oft schlicht gewerbsmäßig organisierte Mafia-Banden.

Der Torre del Moro, der Maurenturm in Torrevieja.

Die Mannschaften der Schiffe waren bunt zusammengewürfelt und durchaus auch mal mit christlichen oder gänzlich gottlosen Kapitänen an der Spitze besetzt, die wegen ihrer nautischen Fähigkeiten vom jeweiligen Schutzherren angeheuert wurden. Die aus ihrer spanischen Heimat vertriebenen Mauren, in Afrika zunächst selbst landlose Fremde, hatten dazu detaillierte Ortskenntnisse geerbt und kannten die Schwächen der aragonesischen und kastilischen Truppen, die sich auch untereinander bekämpften.

Sechs Soldaten auf Wacht: Wachtürme in Torrevieja im Laufe der Zeit

Gerade sechs Soldaten, plus zwei Mann Reserve, wie die Dokumente zeigen, hielten am „Maurenturm“ in Torrevieja Ausschau, als es die Stadt ringsum noch gar nicht gab. Wenn er überhaupt besetzt war. Der Kommandant saß im weit entfernten Orihuela. Tauchten verdächtige Schiffe auf, meldeten die Männer das mit Rauch- oder nachts mit Feuerzeichen an den benachbarten Turm, sowohl an der Küste als auch landeinwärts und verzogen sich dann schleunigst in die Büsche oder ins Schilf der Lagunen von Torrevieja. Denn bis eine Streitmacht zu Hilfe kommen konnte, vergingen oft Tage. König Jaime II. von Aragón wies nach der "Reconquista" der Gegend Anfang des 14. Jahrhunderts für Orihuela die Errichtung dieses Beobachtungssystems an, das in der Folge aber nicht nur vor anrückenden Piraten, sondern auch vor christlichen Konkurrenten warnen sollte, denn Kastilien und Aragón prügelten sich lange um die Gebiete zwischen Alicante und Murcia.

Auf der Spitze der Burg von Alicante, 169 Meter über dem Meer. Auch hier wirkten die Antonellis.

Praktisch kein Stein des Torre del Moro stammt mehr aus dieser Zeit. Unter Felipe II. im 16. Jahrhundert wurden die Anlagen professionell erweitert und umgebaut, der König holte sich mit Giovanni Battista Antonelli einen hoch angesehenen Architekten für Festungsbau aus Italien, der unter anderem das Castillo de Santa Bárbara, die Burg in Alicante verstärkte. Dabei benutzte man vor allem landeinwärts auch Türme der Mauren, die bereits mit einem ausgeklügelten Spiegel-System sozusagen Kurznachrichten übermittelten.

Auf dem Gebiet des heutigen Torrevieja entstanden so drei Türme, neben dem auf Cabo Cervera noch der kleine Torrelamata im gleichnamigen Stadtteil, der im Grunde nichts weiter war als eine ummauerte und erhöhte Feuerstelle sowie der „Torre Vieja“, nachdem die Stadt benannt ist. Jener wurde beim Bau des Salzhafens allerdings geschleift. Vor wenigen Wochen, Ende 2021, meldeten Archäologen auf der Baustelle am alten Salzhafen in Torrevieja, sie hätten womöglich die Fundamente des namensgebenden Turmes Torreviejas gefunden. Der Bürgermeister will davon aber nichts wissen, denn er müsste dann den gesamten Renovierungsplan umschmeißen.

Vom Wach- zum Operettenturm: Nach den Piraten fielen Restauratoren über den Turm her

Als die Flotten Englands und Frankreichs mit großem Aufwand der Piraterie im westlichen Mittelmeer Anfang des 19. Jahrhunderts weitgehend ein Ende setzten, die einst zu stolze spanische Armada erledigten sie schon früher, begann in Spanien ein Boom der Küstenbesiedelung, wie man ihn seit den Phöniziern nicht mehr gesehen hatte. Auch die drei Türmchen in der Salzstadt Torrevieja verkamen zu historischer Dekoration und verschwanden allmählich im Häusermeer oder ganz von der Bildfläche.

Das Wappen der Stadt Torrevieja hat im Maurenturm nichts verloren, denn als er gebaut wurde, gehörte er zu Orihuela.

In der Neuzeit fielen zwei Mal "Restauratoren" über den Torre del Moro in Torrevieja her und richteten mehr Schaden an als die Piraten. In den 60er Jahren brachten sie eine äußere Wendeltreppe an, 1994 dann verkommt der Turm endgültig zum Operettenbauwerk mit niedlichen Blumenrabatten drumherum und einem steinernen Relief des Stadtwappens mitten im Mauerwerk. Der Höhepunkt der Albernheit aber sind die aufgesetzten Zinnen, die ein bisschen Ritterambiente vorgaukeln sollen, mit dem Originalbau aber nichts mehr zu tun haben.

Der Torrelamata ist zwar viel kleiner und unspektakulärer, aber doch noch etwas originaler als der Torre del Moro, der heute dennoch als das älteste Gebäude der Stadt zählt. Als Picknickplatz für einen Spaziergang bietet er eine beschauliche Bühne und einen Ruhepol im nervösen Ferienhaus-Eklektizismus Torreviejas.

Das Schweigen der Grafen: Der Wachturm von Torre de la Horadada

Architektonisch aufwendiger gestaltet ist der Turm in Torre de la Horadada, 20 Kilometer südlich von Torrevieja. Errichtet wurde er 1591 von Baumeister Cristóbal Antonelli, dem Neffen von Giovanni, mit einem deutlich größeren Umfang und einem feinen Gespür für Proportionen. Dieser Turm gelangte im 19. Jahrhundert im Rahmen einer Auktion an den Grafen Roche, Enrique Fulgencio Fuster y López, geboren 1845, einer alten Familie aus Murcia entstammend, ein Jesuit und Humanist, Industrieller und Winzer.

Zum historischen Wachturm in Torre de la Horadada hatte zeitweise nicht einmal die Stadt Zugang.

Er widmete sein Leben dem Erhalt des spirituellen und kulturellen Erbes der Region Murcia und soll einer dem Vatikan nahestehenden Loge, einem Vorläufer des Opus Dei angehört haben. Zwei seiner Schwestern und ein Bruder wurden im Zuge der antikatholischen-anarchistischen Terrorakte rund um die Errichtung der Ersten Spanischen Republik umgebracht, eine seiner Töchter starb mit 16 Jahren an einer Krankheit im Torre de Horadada. Vorgänge, die in schaurigen Legenden von Gespenstern immer noch im Dorf herumgeistern, doch die Grafen hüllen sich in Schweigen.

Die Anlage diente und dient als Sommersitz der Familie und wurde mehrfach umgebaut, mit einem großen, an den Turm angrenzenden Gebäude erweitert, zu Zeiten, als die Nähe zur Macht die Baugenehmigung ersetzte. Lange ist das noch nicht her. Alte Einwohner von Pilar berichten von großen Festen, Unmengen Personal und einem recht turbulenten Treiben. Bis zum Ende der Franco-Zeit genoss die Grafenfamilie sogar einen Privatstrand, der heutigen Playa del Conde, Grafenstrand.

Das Wappen der Grafen Roche ins alte Mauerwerk des Wachturms gerammt.

Seit 1995 ist der Turm in Torre de la Horadada zwar unter Denkomalschutz (BIC), doch die privaten Besitzer verweigerten nicht nur der Öffentlichkeit, sondern sogar der Stadtverwaltung den Zugang, den sie sich erst vor einigen Jahren vor Gericht erstreiten musste. Die Konservatoren würden zum Beispiel gerne überprüfen, ob die farbigen Dachkacheln des Turms aus der Entstehungszeit stammen oder später angefügt wurden, ob die alte Holztreppe im Inneren noch in Takt ist. Das Einzige, was in all den Jahren restauriert wurde, ist das prächtige Familienwappen der Roche – wie ein Statement. Doch die Grafen schweigen weiter.

Die Stadt war unter der linken Regierung bis 2019 sogar bereit, allfällige Restaurierungen zu finanzieren, zu denen eigentlich der Eigentümer verpflichtet ist. Auch einen Kauf oder notfalls eine Enteignung fasste das Rathaus von Pilar ins Auge. Seit dem Machtwechsel zur PP ist davon freilich keine Rede mehr, der Privateigentum vor öffentliches Interesse geht, auch wenn dabei Denkmalschutzauflagen umgangen werden sollten.

Hochtechnologie hat inzwischen den Küstenschutz übernommen, kann aber die vielen kleinen Boote, die heutzutage mit Flüchtlingen von Afrika nach Spanien herüberkommen, kaum aufhalten. „Hay moros en la costa“ ist also eine Konstante geblieben. Die Besatzungen sind damals wie heute vor allem verzweifelte, arme Menschen, die das Schicksal ver- und zum Äußersten treibt. Damals wie heute sind es auch die gleichen Gauner, die daran verdienen, seien es skrupellose Schlepper auf der einen oder politische Scharlatane und Neo-Kolonialisten, also Piraten in Zwirn und Krawatte, auf der anderen Seite des Mittelmeeres.

Zum Thema: Einschiffen mit Cervantes - Ein Ausflug nach Cartagena.

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