Abgetragener Strand mit Trümmern vor Häusern in Spanien.
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Costa Blanca: Verfallene Strandhäuser - Trümmer am Meer vor der Siedlung Playa Babilonia in Guardamar

Siedlung am Meer in Spanien

Costa Blanca: Strandhäuser vor Trümmern - Verfall in Babilonia

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Wie aus einem Emblem der Costa Blanca ein Bild der Trauer wurde: Häuser in Trümmern, Strand ohne Sand. Die Playa Babilonia von Guardamar - ein Albtraum am Meer.

Guardamar - Für die Bewohner der Siedlung Playa Babilonia an der Costa Blanca sind ihre Strandhäuser vor allem ihr „hogar“, das traute Heim. Für die Stadt Guardamar waren sie lange Zeit das touristische Emblem schlechthin. Das bunte Treiben der Familien am Strand in der Nähe der Mündung des Flusses Segura - das gehörte zum Sommer einfach dazu. Doch nun liegt die Tradition in Trümmern. Die Häuser sind verfallen, weite Teile des einst prächtigen Strandes völlig abgetragen. Wie konnte es dazu kommen? Und was wird aus der einst so idyllischen, in ganz Spanien gelobten Strandsiedlung Playa Babilonia?

Guardamar del Segurabeschaulicher Erholungsort in der autonomen Region Valencia
Fläche: 35,58 km²
Höhe: 25 m

Costa Blanca: Strandhäuser vor Trümmern - Verfall in Babilonia

Noch immer ziehen sich Familien aus ganz Spanien an die Playa Babilonia zurück. 90 Häuser zählt die Siedlung im Norden der Stadt noch, wenn auch viele Gebäude von außen so verfallen aussehen, als würden sie gleich einstürzen. Einige wurden in den vergangenen Jahren bereits abgerissen. 2018 endeten die Konzessionen für die verfallenden Häuser am Strand der südlichen, für die prächtigen Dünen bekannten Costa Blanca. Eigentlich, so hofften Gegner der Siedlung, würde sie damals schon abgerissen und dem Sandboden gleichgemacht. Der Strand ist ein einziges Sorgenkind. Abgetragen, voller Trümmer und gefährlich für Besucher.

Immer wieder muss die Stadt Guardamar die Playa Babilonia absperren. Denn wenn ein Sturm kommt, häufen die Bewohner Steine und Trümmer auf und bauen so improvisierte Dämme. Damit das Meer die verfallenen Strandhäuser nicht noch mehr beschädigt. So auch neulich, im April 2021, als im Sturmtief „Lola“ starke Wellen die Siedlung heimsuchten. Das Rathaus - seit langem im erbitterten Konflikt mit den Bewohnern der Playa Babilonia - zeigte das Vorgehen der Anwohner an: beim zuständigen Küstenamt des Umweltministeriums von Spanien. Aber von sämtlichen Verwaltungen fühlt sich Babilonia im Stich gelassen oder angegriffen.

Costa Blanca: Verfallene Strandhäuser - Geschichte beginnt 1905 mit Imbissbude

Geröll und Schutt aus Stein, Beton, Eisenteilen und kaum noch Sand: Das traurige Bild, das heute die einst famose Playa Babilonia abgibt, die in besten Zeiten unendliche Weite bot für Picknicks, Spielplätze und Fischerboote an der Costa Blanca. Der aggressive Vormarsch des Meeres in den letzten 20 bis 30 Jahren unterspülte letztlich Treppen und Terrassen der Strandhäuser, deren Geschichte laut Stadtarchiv vor über hundert Jahren begann. Das erste Haus in der Zone, die heute Playa Babilonia heißt, war eine 1905 als „Caseta Babilonia“ dokumentierte Imbissbude für Fischer.

Costa Blanca: Strandhäuser in Glanzzeiten - Babilonia auf altem Foto.

Die heutigen Strandhäuser der Playa Babilonia kamen später hinzu, ab den 20ern und vor allem in den 50er Jahren, mit dem Aufblühen des Tourismus. „Es wurde schick, braun zu werden. Vorher war das nur etwas für Bauarbeiter“, erläutert Archäologe Antonio García, früherer Leiter des Archäologischen Museums von Guardamar (MAG). Vor allem vermögende Bürger aus dem Umland entdeckten den Strand von Guardamar als Urlaubsort, aber auch als Zuflucht. Anwohnersprecherin Clara Pérez, deren Familie 1934 das Haus in der Zweiten Republik erwarb, erzählt: „Einige Familien verbrachten mit ihren Kindern hier den Bürgerkrieg.“

Verfallene Strandhäuser der Costa Blanca - Klimawandel nicht stark genug

Da die Küste dem Umweltministerium gehört, stellte es den Bewohnern lediglich Konzessionen aus. Die Verträge untersagten es, das Äußere der Strandhäuser zu renovieren oder sie weiterzuverkaufen. Die Laufzeiten waren unterschiedlich, bis das Küstengesetz 1988 die Konzessionen aller Babilonia-Häuser auf 30 Jahre, also bis 2018, verkürzte. Die Konzessionäre klagten dagegen bis nach Brüssel – mit Erfolg. Das Umweltministerium änderte das Gesetz 2013 und ließ die Verlängerung der Konzessionen um weitere 75 Jahre zu - zumindest theoretisch. Darauf pochen die Anwohner bis heute, jedoch in der Praxis vergeblich.

Costa Blanca: Strandhäuser zwischen Meer und Dünen - Umweltbelastung oder Schutzwall?

Wie kam es aber zum extremen Schwinden des Strandes Playa Babilonia in den letzten Jahrzehnten? Gemäß der Umweltdaten der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) hob der Klimawandel den Meeresspiegel in 20 Jahren um zwei Zentimeter – nicht genug, um 20 oder 30 Meter Strandbreite zu überschwemmen. José Pérez vom Umweltamt Guardamar sieht das Übel in den Häusern selbst, die die natürliche Dynamik zwischen Meer und Dünen blockierten. „In den Fünfzigern dachte man an Tourismus, aber nicht an die Umwelt“, so sein Vorwurf. „Sie hätten 100 Meter weiter hinten bauen müssen.“

Costa Blanca: Verfallene Strandhäuser - Selbst Ortsheld war Babilonia-Konzessionär

Die Anwohner halten dagegen: Die Strandhäuser seien sehr wohl unter Berücksichtigung der Umwelt gebaut worden. Die Ordnung für die Konzessionen von 1934 bezeichne die Häuser als Schutzvorrichtung der Stadt vor dem Untergang im Sand. Vor einer solchen Katastrophe stand Guardamar zur Jahrhundertwende von 1900. Erst das Aufforstungsprojekt des Ingenieurs Francisco Mira stoppte das Vorrücken der Dünen. Die sagenhafte Geschichte wird im Museum an der örtlichen Tourismusinfo erzählt. Mira selbst war laut Anwohnern einer der ersten Konzessionäre an der Playa Babilonia.

Gegen ein Schwinden des Sandes wegen dem Bau der Strandhäuser spricht zudem der Viveros-Strand, der sich nördlich an die Playa Babilonia anschließt. Der Strand direkt an der Mündung des Flusses Segura ist im selben Umfang abgetragen, obwohl er unbebaut ist. Die Hauptschuld an der Zerstörung des Sandstrandes trägt für die Anwohner der 400 Meter ins Meer ragende Wellenbrecher an der Segura-Mündung, die im Zuge von Befestigungs- und Umleitungsarbeiten am Fluss 1994 errichtet wurde. „Die Mauer ist verkehrt herum gebaut, das sieht man auch als Laie“, sagte uns etwa Anwohner Daniel Sánchez.

Costa Blanca: Verfallene Strandhäuser - Falscher Wellenbrecher, falsche Vorurteile

Die Krümmung des Wellenbrechers nach Norden (statt nach Süden) behindere den Ostwind, Sedimente an die Küste von Guardamar heranzutragen. Die Fehlerhaftigkeit der Konstruktion gehört laut Anwohnerverein in Fachkreisen zum Allgemeinwissen. Bestärkt wird die These durch eine Küstenschutz-Studie des Umweltministeriums von 2007, in der es über den Wellenbrecher von Guardamar heißt: „Diese Art von Bauwerk unterbricht die Ablagerung von Sand am Strand. (...) Nach einiger Zeit verliert das Dünensystem seine Struktur und zerfällt.“ Foto unten: Mündung in Guardamar. Links die abgetragene Playa am Wald.

Costa Blanca, Guardamar: Deutlich leitet die Mauer die Flusssedimente gen Norden statt nach Süden zur Playa Babilonia.

Immer noch wird die Playa Babilonia von Touristen und Bewohnern der Costa Blanca als malerisches Wahrzeichen Guardamars geschätzt. In einer Kampagne zur Rettung der verfallenen Strandhäuser sammelte der Anwohnerverein mehrere Tausend Unterschriften. Doch nicht alle haben Verständnis für die Konzessionäre. Einige beschuldigen sie etwa der Immobilienspekulation. Der Anwohnerverein wehrt sich gegen die Vorwürfe. Es sei zwar richtig, dass das Gesetz von 2013 den Verkauf der Konzession gestatte, erklärt Carla Pérez. „Aber niemand hier will sein Haus verkaufen. Sie sind Teil der Geschichte unserer Familien.“

Auch weitere verbreiteten Vorurteile gegen die verfallenen Strandhäuser seien falsch. „Hier haben weder Fischer gewohnt noch sind die Konzessionen Geschenke an Freunde von Diktator Franco. Die Verträge sind legal und wir zahlen unsere Beiträge.“ Die Anwohner seien an einer Lösung interessiert, die gut für die Stadt Guardamar sei. „Aber wir verstehen nicht, warum das Küstenamt etwa in Santa Pola Unsummen in die Küstensanierung steckt und ausgerechnet uns hängen lässt.“

Verfallene Strandhäuser der Costa Blanca - Die Jüngeren sind gefragt

Für die Bürgerbewegung Queremos Guardamar könne nur der Abriss der verfallenen Strandhäuser und die Wiederherstellung des natürlichen Zustands die Playa retten. Umweltingenieur José Pérez dagegen denkt über die Errichtung einer Art Staumauer zwischen Häusern und Meer nach. Damit die provisorischen, illegalen Dämme unnötig würden. Das Rathaus verweist jedoch immer wieder auf das Urteil des Umweltministeriums, das allerdings – wie die Räumung der Steinbrocken – seinerseits keine Entscheidung fällt, während die Siedlung immer weiter auseinanderfällt.

Costa Blanca: Strandhäuser als Ikone - Altes Plakat von Guardamar

Nur noch „sentimentalen Wert“ bescheinigt Guardamars Archäologe Antonio García den verfallenen Strandhäusern. Kein Wunder: Nichts ist ihr Alter von höchstens 100 Jahren im Vergleich zu den Schätzen, die Guardamar sonst auf den Dünen zu bieten hat. Ob maurische Siedlungen aus dem Mittelalter, römische Villen aus der Antike oder sogar eine phönizische Festung.

Zum Abschluss noch eine Szene von der Playa Babilonia. Anwohner Daniel Sánchez steht auf seiner Terrasse und blickt aufs Meer. Es ist warm und einige Menschen baden. Ein Mädchen mit Schwimmreifen planscht mit der Mutter in den Wellen. „Das sind meine Enkelin und meine Tochter“, sagt der Rentner und lächelt. Ins Wasser wagt er sich nicht, er genießt die Sicht. Auch im Ringen um die Playa Babilonia überlässt er das Feld anderen. „Ich habe viele Jahre gekämpft. Die Jüngeren müssen nun wissen, was gut für den Strand und unsere Häuser ist.“

Einen weiteren Text über die Situation der Playa Babilonia lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 1.949 der Costa Blanca Nachrichten (gedruckte Ausgabe).

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