Landwirtschaft in Spanien

Costa Blanca: Alarm im Weintraubental - Winzer in Alicante verzweifelt

  • vonStefan Wieczorek
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Im Hinterland von Alicante wartet am Fluss Vinalopó eine Weintrauben-Schatzkammer. Doch Winzer warnen: Das Weintraubental liegt im Sterben. Ein Grund: Früchte aus aller Welt werden importiert und billig verkauft. Und hiesige Bauern leiden an immer höheren Kosten und Auflagen.

Alicante - Allerlei Schatzkammern mit fruchtigen Kostbarkeiten hat die Costa Blanca. Eine solche ist das Tal am Fluss Vinalopó. Ganz Spanien versorgt es mit grünen Juwelen - Weintrauben. In der Silvesternacht etwa, wenn Spanier für ein glückliches neues Jahr zwölf Weinbeeren verschlingen, stammen statistisch gesehen neun davon aus dem Tal der Trauben hinter Alicante. Beim Besuch dieser Gegend werden die Augen von der schier unendlichen Weite aus Weinstöcken, die ein grünes Meer zwischen den Bergen bilden, verwöhnt. Aber was das Auge des Unkundigen nicht sieht: Das Meer ist bedroht, mehr denn je. Die Nöte der Winzer vom Vinalopó sind durch das Coronavirus in Vergessenheit geraden. Nun schlagen sie in der laufenden Ernte Alarm.

VinalopóFluss in Spanien
Länge: 81 km
Flussgebiet: 1.692 km²
Mündung: Santa Pola

Costa Blanca: Weintraubental ohne Trauben? - Winzer aus Alicante schlagen Alarm

„Wir sind zu schnell gerannt“, lauten die ersten Worte des obigen Videos. Die Winzer vom Vinalopó werben damit dafür, wieder wahrgenommen, respektiert zu werden. Die Landwirtschaft der Costa Blanca sei vom Verbraucher der Smartphone-Ära vergessen worden, lautet die Botschaft. So auch die Weintrauben aus dem Hinterland von Alicante. Immer schwieriger und teurer werde die Herstellung der einmaligen Früchte, die mit dem geschützten Verfahren „Uva embolsada“ produziert werden, wobei die Fruchtstände in Tüten eingepackt werden, was den Weinbeeren vom Vinalopó besondere Eigenschaften im Geschmack und Physis verleiht. 2020 beging das Tal der Trauben bei Alicante das 100-jährige Bestehen der Herstellungstechnik.

Doch das Jubiläumsjahr ging im Weintraubental mit einem herben Paukenschlag los, und der hatte nichts mit Corona zu tun. 2.000 Landwirte blockierten im Februar - kurz vor Erklärung des Alarmzustands in Spanien - die Autobahn A-31 im Vinalopó-Tal bei Monforte. Winzer, Unionen und Lokalpolitiker von der Costa Blanca prangerten eine „präzedenzlose Preiskrise“ an. Ohne faire Preise für Versicherungen würde die einmalige Weintraube von Alicante bald der Vergangenheit angehören. Es waren keine leeren Phrasen: Das zeigten nicht nur tote Weinstöcke, die die Protestler schwenkten. Mittlerweile kann im Vinalopó-Tal tatsächlich eine wachsende Zahl an Weinfeldern gezählt werden, die einfach ihrem Schicksal überlassen werden.

Weintraubental der Costa Blanca schlägt Alarm - Winzer holzen Trauben-Felder ab

Mehrere Millionen Kilo Weintrauben waren 2019 im Vinalopó-Kreis, der ganz Spanien mit Trauben beliefert, einfach hängen geblieben. Auch für diese Saison schwant den Winzern von der Costa Blanca wieder nichts Gutes. Zwar war die Landesregierung im August – beim feierlichen Anschnitt der ersten Traube – , in Person von Landeschef Ximo Puig (PSOE) und Landwirtschaftsministerin Mireia Mollà (Compromís) präsent. 400.000 Tonnen würden auf 1.750 Hektar des Weintraubentals geerntet, wurde dabei feierlich verkündet. Danach fuhr die hohe Politik aber fort nach Valencia – und alles blieb wie vorher. Das beklagte später Pedro Rubira an, Vorsitzender des Bereichs der Tafeltrauben in der Bauernvereinigung Asaja von Alicante.

Costa Blanca: Weintraubental bald ohne Weintrauben? Landwirte schlagen Alarm.

„Heute“, erklärte der Winzer aus Alicante, „sehe ich das Lächeln der Politiker angesichts der Konjunktur und der reduzierten Mittel als Beleidigung.“ Ein „Handbuch der Lügen“ sei ausgebreitet worden, poltert Pedro Rubira . „Jedes Jahr werden wir im Vinalopó-Tal Zeugen des Abholzens von Weinbergen. Wir sind an einen Punkt gekommen, wo der Preis fürs Einsammeln der Weintrauben höher ist als das, was man uns dafür bezahlt.“ Immer länger werde im Trauben-Sektor die Liste ungelöster Probleme. „Vor Jahren war das Klima unser Feind“, spielte Rubira auf die Wassernot an, „nun ist es die Verwaltung.“ Die Einkommenssteuer sowie immer höhere Versicherungssummen setzten den Winzern zu. Und die Politik? Die biete nichts außer immer neuen Hürden, so Rubira.

Costa Blanca: Weintraubental bald grünes Bernsteinzimmer - ohne Juwelen?

Er sei müde, erklärte der Winzer aus dem Vinalopó-Tal von der Costa Blanca. Und zwar nicht von der harten Arbeit des Weintrauben-Anbaus, sondern „von der Enttäuschung“. Viele seiner Kollegen sind im Weintraubental längst keine Winzer mehr. Einige kehrten der Landwirtschaft den Rücken zu, die doch - auch laut Video ganz oben - als primärer Sektor „eine erstrangige Sache“ sein sollte. Andere pflanzten nun andere Bäume an. Eine solche Landwirtin ist María Ángeles Seguí aus Alicante, die früher an der Costa Blanca Weintrauben anbaute. „Alles wird für uns teurer: Kraftstoff, Wasser, Dünger, Steuern, Versicherungen und viele andere Dinge. Nur Landwirte wissen, wie viel ein Tropfen Wasser oder Olivenöl wert ist“, sagt die ehemalige Winzerin.

„Es muss sich im primären Sektor die ganze Preispolitik grundlegend ändern“, sagt die Landwirtin. Es könne etwa nicht sein, dass nach Spanien Produkte aus den abenteuerlichsten Ecken der Welt importiert und zum Spottpreis verkauft werden - aber dafür hiesige Bauern immer unerträglichere Auflagen und Kosten erleiden müssten. Noch erinnert der Panoramablick auf das Vinalopó-Tal an ein weites, grünes Meer. Aber das bedeutet nicht, dass sich diese Schatzkammer - das Weintraubental von der Costa Blanca - nicht bald in ein grünes Bernsteinzimmer verwandeln könnte - eines, aus dem die Juwelen verschwunden sind.

Bei den Weintrauben aus dem Weintraubental am Vinalopó handelt es sich übrigens um Tafeltrauben von der Costa Blanca. Über Kellertrauben für die Weinherstellung in der Provinz Alicante lesen Sie im folgenden Artikel.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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