Mystisches Erbe

Friedhof der Engländer: Zerfallene Gräber statt Traumhaus

  • vonAndrea Beckmann
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Nur noch einige wenige Grabsteine erinnern an den Cementerio de los Ingleses, den Friedhof der Engländer, der sich in traumhafter Lage über der Strandpromenade von Las Rotas in Dénia (Alicante) erhebt. Seine Eigentümer, eine Familie aus Valencia, erwarben das unter Denkmalschutz stehende Gelände seinerzeit mit der Zusage der Stadt, Wohngebäude auf ihm errichten zu dürfen. Doch bald schon mussten sie den Traum begraben.

  • Historischer Friedhof: Nur noch wenige Grabsteine erinnern an die letzten Ruhestätten britischer Bewohner.
  • Das Grundstück bietet eine traumhafte Aussicht über die Küste bis hin nach Dénia.
  • Der Friedhof entstand in einer Zeit, in der Nichtkatholiken in Spanien noch im Wald verscharrt oder ins Meer geworfen wurden.

Dénia – Mystisch mutet er an, der Cementerio de los Ingleses (Friedhof der Engländer), der über Dénias Promenade Las Rotas liegt, und für dessen Erwerb so manch einer bereit wäre, allein wegen der ausgezeichneten Lage mit spektakulärem Meeresblick ein kleines Vermögen auszugeben. Wäre da nicht der Haken an der Geschichte.

Um das Areal vor der Bebauung zu schützen, wies die Stadtverwaltung das 1.949 Quadratmeter große Gelände in feinster Lage, das sich seit den 1970er Jahren in Privatbesitz befindet, Anfang der 1990er Jahre als Grünzone aus. Dennoch wurde es in der Folgezeit mehrmals verkauft. Bis es im Oktober 1996 letztmals den Besitzer wechselte. Das Friedhofsgelände, dessen Gräber bereits vor 50 Jahren geräumt wurden, ging damals an die Geschwister Francisca und Antonio Ricardo Llopis aus Valencia.

„Wir kauften das Grundstück von unserem Nachbarn, mit dem wir ein gutes Verhältnis haben“, berichtet der Ehemann von Francisca Llopis, Daniel Palacios. „Wir wussten zwar, dass es als Grünzone ausgewiesen war, aber wir vertrauten unserem Nachbarn. Der war im Besitz eines Gutachtens des Denianer Bauamtes, das bescheinigte, dass einer Bebauung nichts im Wege stehen würde.“

Ein Trugschluss: Engländer-Friedhof muss in seiner Ursprungsform bewahrt werden

Verwunschen liegt er da, der Cementerio de los Ingleses in Dénia.

Doch das war ein Trugschluss. Denn als die Eigentümer am 22. November 2000 das Projekt für zwei Einfamilienhäuser bei der Architektenkammer in Dénia einreichen wollten, um eine Baugenehmigung zu beantragen, sagte man ihnen, das Grundstück sei als „nicht bebaubar“ ausgewiesen. Eine Bebauung sei demnach unmöglich.

„Von da an war alles ein Desaster“, erzählt Daniel Palacios. „Als ehemaliger Architekt der Stadtverwaltung Valencia weiß ich, dass solche Fälle in der Regel verhandelbar sind. Wir hofften, mit der Stadt Dénia zu einer Einigung kommen zu können und erklärten uns bereit, die verbleibenden Elemente des Friedhofs auf alle Fälle zu respektieren.“ Aus der Entstehungszeit – der Friedhof wurde 1856 seinen Bestimmungen übergeben – existierten noch ein Grabstein, verborgene Grabstätten unterhalb der Erde, ein komplett verwachsener englischer Garten sowie fünf Meter hohe Mauern, weiß Palacios.

Das Grundstück hat für die Eigentümer keinen Nutzen mehr

Dénias damals regierender Bürgermeister Sebastiá García (PSOE) habe ihm eine Lösung zugesagt. Im Gespräch sei auch eine permuta, also ein Grundstückstausch, gewesen. Doch bei der Zusage ist es geblieben. „Wir haben mit nachfolgenden Stadtregierungen gesprochen“, berichtet der Eigentümer. „Solange Dénias neuer Flächennutzungsplan aber noch nicht aktualisiert ist, ist an eine Einigung nicht zu denken.“

Das Grundstück habe für seine Familie, die längst an anderer Stelle von Las Rotas ein Haus erworben hat, keinen Nutzen. Deshalb sei man auch an einem Verkauf interessiert. „Wir möchten aber keinen Ärger haben“, sagt Palacios. „Interessenten sollten sich im Klaren sein, worauf sie sich bei einem Kauf einlassen.“ Es gebe noch ein weiteres Problem. „Wir teilten uns bislang die Zufahrt mit zwei Nachbargrundstücken, die uns nun aber das Wegerecht verweigern.“ Der Fall sei bei Gericht anhängig.

Der Friedhof stammt aus einer Zeit, in der in Spanien verstorbene Protestanten ins Meer geworfen wurden

Der Cementerio de los Ingleses stammt aus einer Epoche, in der die katholische Kirche nicht erlaubte, dass Protestanten oder Anglikaner neben Katholiken die ewige Ruhe fanden. Verstorbene, die nicht dem katholischen Glauben anhingen, wurden im Wald verscharrt oder ins Meer geworfen. 1664 erging ein Abkommen, wonach in Spanien auch Friedhöfe für Anglikaner erlaubt wurden. Doch es vergingen noch fast 200 Jahre, bis in Madrid in der Nähe der Puerta de Alcalá der erste Beisetzungsort für Nichtkatholiken entstand. Fast zeitgleich wurde der Friedhof in Dénia geschaffen, wo zu der Zeit wegen der blühenden Rosinen-Exporte, die über den Hafen Dénias erfolgten, viele Briten lebten.

Auf dem Friedhof der Engländer geschehen immer wieder sonderbare Dinge

Der verwucherte und verwunschen anheimelnde Engländer-Friedhof macht immer wieder wegen sonderbarer Vorfälle von sich reden. So sorgte vor nicht allzu langer Zeit eine anonyme Person für Schlagzeilen. Auf dem Grabstein von Reginald Rankin, einem britischen Jungen, der vor seinem ersten Geburtstag verstarb, tauchte über Nacht eine Marmortafel mit Prosa in griechischer Sprache von dem Geografen Strabon (1. Jahrhundert vor Christus) auf. Es konnte nie geklärt werden, wer dahinter steckt.

Und das war nicht das erste Mal, dass an der Grabstätte aus dem 19. Jahrhundert Mysteriöses geschah. Vor einiger Zeit brachte dort ebenfalls ein Unbekannter Tafeln mit Gedichten von John Dos Passos und Lope de Vega an.

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