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Wilder Ritt auf der Drachenfrucht: Spaniens Bauern suchen die Zukunft

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Von: Marco Schicker

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Das Fruchtfleisch der Drachenfrucht.
Starke Farben, starker Geschmack: Das Fruchtfleisch der Drachenfrucht kann auch knallpink sein. © Pixabay

Die „grüne Revolution“ besteht auch in Spanien aus lauter kleinen Feldschlachten. Wie ein Bauer der Vega Baja im Süden von Alicante mit einem schmackhaften Exoten den Klimawandel meistern will.

Torrevieja - Es gibt sie immer wieder und immer öfter, Beispiele für kleine, ambitionierte Projekte, die belegen, dass auch Spaniens Landwirte nicht nur die sturen Bauernschädel sind, die laut die Regierung um Subventionen und Ausnahmeregeln sowie billiges Wasser anrufen, den Klimawandel ausblenden, sich an unhaltbare Früchte klammern und sich jede Einmischung verbitten, geht es um Fortschritt, Umweltsünden oder miese Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter in Spanien.

Vom Versuch auf 6 Hektar: Bauer aus Torrevieja vermarktet Drachenfrucht

Eines dieser zukunftsweisenden Projekte spielt in der als besonders konservativ verschrieenen Vega Baja ganz im Süden der Costa Blanca, wo sich die Familie Ríos aus Torrevieja seit mehreren Jahren auf die exotische Drachenfrucht, auch als Pitahaya oder Pitaya bekannt, spezialisiert hat und jetzt das Experiment auf größere Dimensionen bringt. Was 2014 zunächst ein Versuchsfeld war, wächst bei Rogelio Ríos ab diesem Jahr 2022 auf stattliche sechs Hektar und 15.000 Büsche.

In Spanien auf tropische und subtropische Exoten umzustellen, ist angesichts der steigenden Durchschnittstemperaturen am Mittelmeer nichts Neues. Die Natur, die Flora selbst ändert sich mit dem Klimawandel. Doch mit Mangos, Papayas und Co. aus Valencia oder Málaga gibt es häufig ein Dilemma. Zwar sprießen diese Früchte freudig, brauchen aber genauso viel oder noch mehr Wasser als die üblichen Pflanzen und laufen außerdem Gefahr, unerwünschte und bis dato noch unbekannte Schädlinge anzulocken, die dann auch über die angestammte Flora herfallen könnten.

Nicht so die Drachenfrucht, ein resistenter und etwas schräger Kaktus-Busch, der nur ein Drittel der Wassermenge benötigt, die die sonst in der Vega Baja dominanten Zitrusfrüchte aus dem immer dünner werdenden Rinnsal der Brunnen und der Fernüberleitung aus dem Tajo-Segura-System ziehen können. Die Regenmengen bleiben zwar stabil in der südlichen Ecke Alicantes, kommen aber immer unregelmäßiger und meist sturzbachartig, weshalb das meiste Regenwasser erst Überschwemmungen verursacht, dann aber ungenutzt abfließt oder in Kanälen und Haltebecken schneller verdunstet, weil es eben wärmer wird. Der Ersatz in Form von entsalztem Meerwasser eignet sich hingegen nicht für alle Pflanzen und ist zudem energetischer Unsinn und sehr teuer.

"Die Welt ist zu klein geworden": Spaniens Landwirtschaft muss sich neu erfinden

Ausschlaggebend für Familie Ríos Erfolg mit dem Ritt auf der Drachenfrucht ist indes der Markt. Großhändler zahlen ihm bis zu fünf Euro für das Kilo, während es für Zitronen und Orangen meist nur noch Centbeträge gibt. „Die Welt ist sehr klein geworden, die Konkurrenz aus allen möglichen Ländern, die alle dasselbe produzieren, immer größer geworden, unser Produktionsmodell läuft aus, deshalb suchten wir nach Alternativen“, erklärt Ríos, der seit bald 40 Jahren auf seinen Feldern steht, der spanischen Zeitung „Información“. Zunächst hatte er es mit Öko-Anbau von Mandarinen und Zitronen versucht, um sich vom Massenmarkt abzuheben, dann überzeugte ihn aber die Drachenfrucht wegen des relativ geringen Wasserverbrauchs.

Drachenfrucht in einem Markt in Spanien.
Exotischer Neuling auf Spaniens Feldern und in Spaniens Märkten: Die Drachenfrucht. © Pixabay

Eigentlich wachsen die Büsche unter Bäumen und brauchen auch einen immer leicht feuchten Boden, „aber dennoch zählen wir mit 1.500 Kubikmetern Wasser pro Hektar und Jahr einen Verbrauch, der um zwei Drittel unter den Zitrusfrüchten bleibe“, so Ríos. Einige Bauern bauen die Frucht auch unter Planen an, was noch mehr Wasser spart, aber nicht so ökologisch sei. Es sei eine „verrückte und in allen Aspekten exotische Frucht“, schwärmt der Landwirt, „der Kaktus blüht in Schwüngen von Mai bis Oktober, immer fünf Tage nach Vollmond“, doch die Blüten sind nur über Nacht offen und „sterben mit dem Morgen“, über fünf Monate müssen die Arbeiter dann mühsam händisch die Bestäubung vornehmen, „bis zu 3.000 Früchte in einer Schicht“. In ihrem natürlichen Habitat von Costa Rica bis Vietnam erledigen das Fledermäuse und bestimmte Falter- und Mottenarten, die es in der Vega Baja entweder nicht gibt oder die noch keinen Appetit an den Exoten entwickelt hätten.

Betörend exotisch: Drachenfrucht kommt bei Jung und Alt gut an

Auf den Kanaren und im Umland von Málaga seien derzeit die Hauptanbaugebiete für die Drachenfrucht in Spanien, weiter nördlich hat Ríos so eine Marktlücke entdeckt, die Lonja de Orihuela sowie die Großhändler Mercalicante und Marcamurcia seien gute Abnehmer, den Endkunden koste die Spezialität dann 10 bis 12 Euro das Kilo, rund 5 Euro bleiben im Schnitt bei ihm als Produzenten, ein lohnender Anteil. 15 Personen haben auf den sechs Hektar Drachenland bei Torrevieja Arbeit.

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Gegessen wird sie meistens wie eine Kaktusfeige, einfach die tiefroten oder goldgelben Früchte der Länge nach aufschneiden und das weiße oder tiefpinke mit schwarzen Samen gesprenkelte Innere herauslöffeln. Die Frucht eignet sich auch als dekorativer Tortenbelag, als Smoothie oder im Cocktail, Sorbet oder als Kick in herzhaften Salaten. Der Geschmack sei „betörend exotisch - irgendwie eine Mischung aus Erdbeere, Kiwi, Birne und ganz leicht säuerlich erfrischend“, schwärmt Rogelio Ríos. Besonders bei Kindern käme die knallbunte Frucht gut an, sie sei aber auch sehr gesund, helfe bei der Verdauung, absorbiere Eisen und kontrolliert den Zuckerspiegel. „Es gibt nur Vorteile“ und allmählich interessiere sich auch die Gastronomie, voran die Sterneköche für den wirkungsvollen und leckeren Exoten.

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