John Gilligan bei seiner Verhaftung in Spanien.
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John Gilligan bei seiner Verhaftung im Oktober 2020 in Orihuela Costa.

Kriminalität im Urlaubsparadies

Gangster unter Spaniens Sonne: Irischer Drogendealer an Costa Blanca vor Prozess

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Spaniens Küsten gelten als Refugium für Gelichter aller Art. Ein besonders krasses Beispiel ist der irische „Veteran-Gangster“ von Orihuela Costa, John Gilligan, ein verurteilter Schwerstverbrecher, den nun doch noch ein Verfahren in Spanien ereilen könnte.

Orihuela Costa – Die Costa Blanca, aber auch die Costa del Sol, genauso wie die Balearen oder Kanaren, haben bei Spaniern wie ausländischen Residenten den Ruf, beliebte und effiziente Verstecke für gewöhnliche Verbrecher, Mafiosi, Alt- und Neonazis, Steuerhinterzieher und andere Gauner aus der halben Welt, vornehmlich Europa zu sein. Vor allem Drogendealer machen sich in Spanien breit, nah am Kunden. In den unübersichtlichen Urbanisationen Torreviejas, Rojales oder Orihuela Costas, den schier endlosen Siedlungen von Málaga bis Marbella oder in den Hochhausschluchten Benidorms und noch dazu bei den laschen Kontrollen der Schengen-Zone und der als mild empfundenen spanischen Justiz, lässt sich so mancher Haftbefehl oder Missetat am Strand oder im Garten aussitzen, bis Gras über die Sache gewachsen ist.

Razzia an der Costa Blanca: Ire Gilligan, verhaftet, ertappt und wieder frei

Die spanischen Polizeiberichte sind zwar voller Berichte über aufgebrachte und abgeschobene "gesuchte Subjekte" aus Skandinavien, Deutschland, BeNeLux oder dem Baltikum, doch wirklich Herr werden Policiá Nacional und Guardia Civil dem Heer der Flüchtigen scheinbar nicht. Vor allem dann, wenn die Sache mit einer Abschiebung ins Heimatland nicht zu erledigen ist und die spanische Justiz selbst tätig werden soll.

Ein besonders krasser Fall könnte jetzt doch noch ein „Happy End“ bekommen: Denn John Gilligan, den „Veteran-Gangster“ wie in die Medien seines Heimatlandes Irland nennen, erwartet nun doch noch ein Prozess wegen Drogenhandels, Bildung einer kriminellen Vereinigung und illegalen Waffenbesitzes an der Costa Blanca. Das zuständige Gericht in Torrevieja habe, so die Staatsanwaltschaft, "ausreichende Tatbelege", um einen Prozess durchzuführen. Lange genug hat es gedauert, bedenkt man, dass Gilligan mit "la mano en la masa", mit der Hand im Teig, wie die Spanier natürlich kulinarisch das "in flagranti" umschreiben.

Die Öffentlichkeit war einigermaßen verblüfft, als der am 20. Oktober 2020 in einem seiner Häuser in Orihuela Costa verhaftete Gilligan nur Tage später wieder auf freiem Fuß war. Neben ihm wurden damals auch seine Lebensgefährtin, sein Sohn, mutmaßliche Gangmitglieder und Anfang 2021 noch einige Komplizen verhaftet, kamen aber alle bald wieder frei, unter milden Auflagen.

18 Jahre Knast in Irland: Danach Urlaub und neue Geschäfte an der Costa Blanca in Spanien

Darunter auch „Fat“ Tony Armstrong, der 2006 bereits für neun Monat in Spanien in U-Haft saß, als die Leichen zweier „Konkurrenten“ im Fundament eines Lagerhauses auftauchten. Bei den Razzien im Umfeld der Verhaftung des 69-jährigen Gilligan wurden nicht nur 15.000 „Schlaftabletten“, die besonders bei Heroin-Abhängigen Absatz finden, und vier Kilogramm Haschisch gefunden, sondern auch eine nicht gemeldete Pistole, eine .357 Magnum. Es ist das gleiche Modell, mit dem 1996 die irische Journalistin Veronica Guerin bei Dublin erschossen wurde. Gilligan hatte die Frau vorher bereits einmal brutal angegriffen, eine Beteiligung an dem Mord, der damals das ganze Land erschütterte, konnte ihm aber nie nachgewiesen werden. Auch sei die gefundene nicht die Mordwaffe, so die spanische Kriminalpolizei, die sich dazu jedoch „weitere Untersuchungen in Kooperation mit den irischen Behörden" vorbehält.

Gilligan kam schon wenige Tage nach der Verhaftung an der Costa Blanca wieder frei. Droht jetzt doch der Prozess?

Gilligan saß wegen „organisierter Kriminalität“ – er war jahrzehntelang Boss eines als äußerst brutal geltenden Drogenkartells in Irland – insgesamt 17 Jahre ein, von 2001 bis 2018, verurteilt war er sogar zu 28 Jahren. Einmal frei, siedelte er sich in Torrevieja und bald Orihuela Costa an. Die Ermittlungsrichter in Torrevieja, so berichten es unter anderem „Irish Times“, „Sundayworld“ und „Irish Mirror“, wollen ihm nun nachweisen können, dass er seit 2018 in Spanien einen Drogenhändlerring aufzog, der Ware vornehmlich per Post nach Großbritannien und Irland sandte, bei der Razzia im Oktober 2020 habe die spanische Nationalpolizei "vier versandfertige Päckchen" abgefangen und damit auch die Addressaten ermitteln und nach Irland melden können.

Milde Auflagen: Verdächtiger trotz "in flagranti" und Vorstrafen auf freiem Fuß

Dass weder diese Vergehen, noch die kriminelle Vorgeschichte Gilligans genügten, um den Bandenboss in Untersuchungshaft zu setzen oder ein Auslieferungsbegehren aus Irland zu provozieren, halten die Kommentatoren in Irland für einen schweren Fehler, denn der Inkriminierte sei geübt darin, Beweise zu verfälschen und Zeugen unter Druck zu setzen oder „zum Schweigen zu bringen“, wie man aus seinen früheren Prozessen wissen will.

Ein Prozesstermin in Torrevieja wird nicht vor Mitte 2022 erwartet, Gilligan darf das Land nicht verlassen und muss sich alle vier Tage bei der Polizei melden, was er sonst so treibt, weiß kein Mensch. Im Sommer 2021 soll er in Orihuela Costa mit Kumpanen sogar auf den 25. „Todestag“ der Journalistin Guerin, die viele seiner Leute in den Knast brachte, angestoßen haben, berichten die Regenbogen-Medien der grünen Insel. Die Gilligan betreffenden richterlichen Auflagen werden in Spanien normalerweise für Straftaten angelegt, bei denen eine Haftstrafe von unter neun Jahren erwartet wird. Da ihn Irlands Justiz derzeit nicht sucht und offenbar froh ist, diesen alten Bekannten nicht schon wieder "betreuen" zu müssen, wird Spanien ihn auch so bald nicht los. Doch mit den Sangrias im heimischen Garten an der Costa Blanca könnte es für Gilligan dann bald doch vorbei sein, zumindest für ein paar Jahre.

Zum Thema: Polizei in Torrevieja auf der Flucht - Überlastung und zu gefährliches Pflaster

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