Ein Pferd mit einer EHV-1-Infektion in einer Hängevorrichtung im Stall in Valencia.
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Selbst konstruierte Hängevorrichtung für Pferde, die von dem EHV1-Ausbruch in Valencia betroffen sind

Herpes-Virus in Valencia

EHV-1-Ausbruch: Trauer um Pferde und Wut auf Turnier-Veranstalter

  • Anne Götzinger
    vonAnne Götzinger
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Nach dem verheerenden Ausbruch des Equinen Herpes-Virus EHV-1 beim Springreitturnier CES Tour in Valencia sind Reiter und Teams nervlich am Ende. Allein aus dem deutschen Lager sind fünf Pferde an dem Virus gestorben. In die Trauer mischt sich die Wut über Versäumnisse der Veranstalter.

Update, 21. April: Wegen des verheerenden Ausbruchs des Equinen Herpes-Virus beim Springreitturnier CES im März in Valencia hat das Landwirtschaftsministerium der Region Valencia ein Sanktionsverfahren gegen die Veranstalter in Gang gesetzt. Das von Mireia Mollà geleitete Ministerium erachtet, dass der Club Escuela de Salto (CES), der das Turnier austrägt, die Behörden nicht schnell genug über die Verdachtsfälle informierte, obwohl dies bei der Infektionskrankheit obligatorisch ist. Es handle sich möglicherweise um einen schweren Verstoß, der mit bis zu 60.000 Euro geahndet werden kann. CES kann jetzt Dokumente zu seiner Verteidigung einreichen. Durch den Herpes-Ausbruch infizierten sich im internationalen Reitsport hunderte Pferde mit EHV-1, rund 20 Tiere starben an der Erkrankung, darunter auch Pferde von deutschen Reitern.

Update, 23. März: Auf dem Hof des deutschen Springreiters Sven Schlüsselburg haben drei weitere Stuten infolge einer Herpes-Infektion ihre Fohlen verloren. Der 39-Jährige, der bis Mitte Februar beim CES-Turnier in Valencia am Start war und unwissentlich das aggressive Herpes-Virus auf seinen Hof im baden-württembergischen Ilsfeld eingeschleppt hatte, ist besonders stark von dem EHV-1-Ausbruch betroffen. Zwei seiner Pferde waren schon vor mehreren Tagen gestorben, und bereits sechs seiner Stuten hatten verfohlt, wie es in der Fachsprache heißt. Schlüsselburgs Pferde Bud Spencer und Nascari sind inzwischen gesund aus Doha nach Europa zurückgekehrt. Beide waren in Valencia, ehe sie in Katars Hauptstadt geflogen und dort positiv getestet wurden. Nach mehreren Wochen konnten sie nun gesund die Quarantäne verlassen. Bisher sind laut dem Internationalen Pferdesportverband FEI 17 Pferde an dem Herpes-Virus gestorben.

Erstmeldung vom 12. März: Valencia – Auf dem Gelände des internationalen Springreitturniers CES Tour in Valencia liegen die Nerven blank. Nach dem verheerenden Ausbruch einer besonders aggressiven Variante des Equinen Herpes-Virus (EHV-1), der am 21. Februar zum Abbruch des Turniers zwang, befinden sich noch immer rund 150 Pferde in Valencia, die wegen Symptomen nicht ausreisen können. Viele werden noch in veterinären Kliniken in Valencia, Alicante, Madrid und Barcelona behandelt. Wie viele sich in Valencia tatsächlich infiziert haben, und wie viele Pferde am EHV-1 gestorben sind, ist unklar.

Equines Herpesvirus 1
Wissenschaftlicher NameEquid herpesvirus 1
Höhere KlassifizierungVaricellovirus
OrdnungHerpesvirales

„Es sind Dunkelziffern“, sagt die deutsche Pferdesport-Fotografin Christine Pantel, die mit ihrem Mann Andreas bis vor wenigen Tagen in Valencia vor Ort war und den CN von der dramatischen Situation dort berichtet. Auch Tiere von deutschen Reitern sind dem EHV1-Virus zum Opfer gefallen. Darunter auch Pferde der erfolgreichen Nachwuchsreiter Tim-Uwe Hoffmann und Tessa Leni Thillmann. „Gestern Abend ist ein weiteres Pferd aus dem deutschen Lager gestorben“, beklagt Christine Pantel am 10. März traurig.

EHV1-Virus im Reitsport: Reiter werfen Veranstaltern in Valencia Versäumnisse und mangelnde Hilfe vor

Nicht nur wegen der grausamen und zermürbenden Erlebnisse bei der CES Tour seien die Reitsportler und ihre Teams „nervlich am Ende“, erzählt die Fotografin. Die Versäumnisse des Veranstalters zu Beginn des EHV-1-Ausbruchs und die mangelnde Kooperation beim Management der Krise hätten die Situation noch verschlimmert. Die Reitsportgemeinschaft erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Turnierleitung des CES Valencia.

„Keiner wirft den Veranstaltern vor, dass das Virus bei ihrem Turnier ausgebrochen ist, dieses Risiko besteht. Es gibt bislang auch noch keine Impfpflicht gegen Herpes“, stellt die deutsche Journalistin klar. „Aber die betroffenen Pferde wurden nicht rechtzeitig separiert und die Reiter nicht informiert. Erst so konnte sich das Herpes-Virus so rasant ausbreiten“, berichtet die Fotografin. Bereits am 22. Februar seien Blutproben bei fieberhaften Pferden in Valencia genommen worden, von denen 17 positiv auf EHV-1 waren. Aber erst nach weiteren Proben seien die Namen bekannt gegeben worden, sodass die betroffenen Pferde nicht von den anderen getrennt werden konnten.

Am selben Tag sprach ein kleines Team der Betroffenen beim Landesministerium für Landwirtschaft der Region Valencia vor und informierte über die Vorgänge und Zustände nach dem EHV-1-Ausbruch auf dem Gelände des CES. Noch am selben Tag kamen daraufhin die verantwortlichen Vertreter des Ministeriums. Valencias Landwirtschaftsministerin Mireia Mollà erklärte in einer Pressemitteilung am 9. März, dass in der Region derzeit noch 267 Pferde aus sechs Reitställen wegen des Virus unter Quarantäne stünden, die Situation aber „unter Kontrolle“ sei.

Virus-Ausbruch: EHV-1 wurde durch Versäumnisse von Valencia aus in andere Länder verschleppt

„Es muss wohl einiges schief gelaufen sein, sowohl beim Veranstalter in Valencia, als auch bei der FEI“, meint Pantel. Einiges deute darauf hin, dass es bereits in der ersten Woche der am 28. Januar gestarteten Springtour einen Krankheitsfall mit hohem Fieber gab – und dieser vertuscht wurde. Bis zur offiziellen Absage am 21. Februar waren jedoch einige Teams bereits aus Valencia abgereist, wodurch das Herpes-Virus weltweit weiterverbreitet wurde. Auch der deutsche Springreiter Sven Schlüsselburg war ahnungslos nach seinem letzten Start am 12. Februar abgereist, zwei seiner Pferde wurden vergangene Woche beim Turnier in Doha positiv auf EHV-1 getestet. Neben Deutschland und Spanien sind in Europa auch Belgien, Schweden und Frankreich von dem Ausbruch betroffen.

Herpes-Virus im Pferdesport: Blutproben von Pferden werden nach dem EHV1-Ausbruch von Valencia nach Madrid transportiert.

Auf der Webseite des CES wird der EHV-1-Ausbruch indes mit keinem Wort erwähnt. Unter „Aktuelles“ geht der letzte Eintrag vom 4. Februar über den Sieg von Patrice Delaveau im Internationalen Springen. Am 9. März nahm Turnierleiterin Charo Ortells Torregrosa angesichts der Kritik Stellung: Die Turnierleitung und Tierärzte seien erst am 20. Februar von einem französischen Reiter informiert worden, dass eines seiner Pferde Virus-Symptome zeige, die alle sofort alarmiert hätten. Die Organisation habe stets „nach bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt.

Pferde sterben an EHV-1: Welle der Solidarität in der Reitsport-Gemeinde nach Virus-Ausbruch

Ihre Mutter Charo Torregrosa schrieb am 9. März auf Facebook: „Wir helfen jedem Reiter, Stallburschen und Pferd, das auf unserem Gelände festsitzt, wo wir können.“ Diesen Eindruck haben die Reiter vor Ort jedoch nicht. Wie Christine Pantel berichtet, fühlen sich die Teams nach dem Virus-Ausbruch alleingelassen. „Fast alle Vorschläge zur Verbesserung der Situation wurden von der Turnierleitung abgeschmettert oder umgeworfen.“

Unterdessen hat die dramatische Situation in Valencia eine Welle der Solidarität in der Reitsport-Gemeinde ausgelöst. In Deutschland hat Axel Milkau, Veranstalter des Braunschweig Classico, den Verein Reiter helfen Reitern e.V. ins Leben gerufen, um die Hilfs- und Spendenaktion zu koordinieren. Tonnenweise wurden Heu, Futter, Medikamente gegen EHV-1 und andere Hilfsmittel mit Lkw nach Valencia geschafft, um die betroffenen Pferde und Reitställe nach dem Virus-Ausbruch zu unterstützen.

Pferde-Virus im Reitsport: Tessa Leni Thillmann auf Stute 3Q Qadira, die in Valencia an dem Virus starb.

Doch auch beim Thema Spenden sorgten die Veranstalter für Ärger. „Sie brüsteten sich auf Facebook und Instagram mit Spenden, um zu zeigen, wie toll sie das organisiert hätten“, klagen Betroffene. Wie aus einem Kommentar von Charo Ortells Torregrosa hervorgeht, werden Spenden den Reitsportlern zu „einem sehr niedrigen Preis verkauft“. Die Anlage habe derzeit viele Kosten, um Pferden, Reitern und Pflegern in Valencia diesen Service zu bieten, so die Begründung. Deshalb könne man die Spenden nicht spenden. Der FEI hat inzwischen einen Vermittler eingesetzt, um alle Umstände zu untersuchen, die zu dem schlimmsten EHV-1-Ausbruch in Europa in den letzten Jahrzehnten geführt haben.

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