Erdbeben an der Costa Blanca

Das große Beben: 1829 wurde die Vega Baja fast völlig zerstört

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Das große Beben der Vega Baja. Eine Illustration von 1840 zeigt Zerstörung im ganzen Kreis.
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Die Vega Baja im Süden Alicantes gehört neben Granada und Murcia zu den seismisch aktivsten Gegenden auf dem spanischen Festland. Vor fast 200 Jahren schlug die Natur besonders heftig zu. Daraus hatte man zunächst einige Lehren gezogen. Doch der Bauwahn programmiert die nächste Katastrophe.

  • Erdbeben sind an der Costa Blanca, Costa Cálida oder Costa del Sol keine Seltenheit.
  • 1829 zerstörte ein Erdbeben fast die gesamte Vega Baja von Orihuela bis Torrevieja.
  • Exzessive Bebauung birgt große Risiken bei unweigerlich kommenden Beben.

Orihuela - Bereits seit Tagen erlebte die Gegend um Orihuela kleinere Erschütterungen. Doch am 21. März 1829, es war ein Samstag kurz vor 18.30 Uhr, bebte in der heutigen Vega Baja die Erde – wie seismologische Forensiker später ermittelten, mindestens mit einer Stärke von 6,6 auf der Richterskala.

„Liebe Brüder. Almoradí existiert nicht mehr. Am 21. März 1829 erlebten wir mehrere Beben der Erde, die alles zerstörten. Auch in anderen Dörfern. Es liegen so viele Leichen unter den Trümmern, dass wir nicht sagen können, wie viele es sind. Von Orihuela bis Torrevieja hat sich die Erde geöffnet.“

El Correo literario y mercantil, 6. April 1829

Erdbeben in der Vega Baja mit vielen Toten

Die Bilanz: Mindestens 389 Tote, fast 400 Verletzte, 3.000 völlig zerstörte Häuser, weitere 2.500 so stark, dass sie unbewohnbar waren. Alle drei großen Brücken über den Segura waren verschwunden, selbst Kirchen und Klöster fielen in sich zusammen, auch die Festung von Guardamar zerbröselte durch die Schockwellen. Am heftigsten erwischte es Almoradí, das allein 200 Todesopfer beklagte und praktisch komplett zerstört wurde. Das Epizentrum lag heutigen Berechnungen zufolge zwischen Benejúzar, Rojales und Torrevieja.

„Die Kirche brach zusammen, auch das Kloster, so wie alle Gebäude sogar in den Feldern, auch die Brücke über den Fluss ist nicht mehr. Bis heute fanden sie 180 Tote, 130 Schwerverletzte und 250 Stück totes Vieh. Aus allen Dörfern bringen sie die Verletzten nach Orihuela, wo sie in den Hospitälern mit großer Liebe gepflegt werden.“

Gaceta de Madrid, 4. April 1829

Erst zehn Tage später erschienen erste Berichte in den spanischen Zeitungen. Das lag weniger an den damaligen Transport- und Kommunikationsmitteln, sondern vor allem an der strengen Zensur des Regimes von König Ferdinand VII. Dort wird geschildert, wie der Kirchturm von Orihuela drei Frauen erschlug, in Torrevieja „praktisch kein Stein auf dem anderen geblieben“ sei und wie „Schiffe aus der Fremde, die hier lagen, um Salz zu laden“ Hilfe leisteten, Verletzte evakuierten und Lebensmittel für die Überlebenden brachten. Auch in Orihuela wurden viele Gebäude beschädigt und die Erschütterungen soll man bis Murcia und Alicante gespürt haben.

Seismische Verwerfungslinien in der Vega Baja, nahe an der Oberfläche und Jahreszahlen bedeutender Erdbeben.

König zeigt sich gnädig

Orihuelas Bischof Félix Herrero Valverde verstand die Ausmaße der Katastrophe und setzte das Netzwerk seiner Kirche ein, um sich ein komplettes Bild zu machen. Er selbst fuhr am nächsten Tag nach Almoradí, wo er „nur noch einen Schuttberg“ vorfand, „geformt aus 300 Häusern und der lieblichen Kirche mit Konvent. Ich sah auch hunderte Unglückliche, die diese Trümmer mit ihren eigenen Tränen begossen, die Leichen ihrer Eltern und Kinder suchend. Ein Alter kam auf mich zu: Herr Bischof, acht Söhne habe ich unter diesen Ruinen!“

Das spanische Fernsehen nimmt live den Moment auf, als beim Erdbeben in Lorca 2011 ein Glockenturm von einer Kirche abstürzt:

Seine Pfarrer schickte der Bischof in die weitere Umgebung, nach Ärzten, Bauarbeitern, Brot und anderen Hilfsgütern. Am 26. März sandte er ein Schreiben an König Fernando VII. nach Madrid und bat um Wiederaufbauhilfe. Dieser erließ am 5. April ein Königliches Dekret, in dem er Diözesen, den Adel sowie „vermögende Personen im allgemeinen“ zu Spenden aufrief und aus seiner und der Königin Privatschatulle 1,5 Millionen Real beisteuerte. Er ernannte eine Junta, ein Hilfskomitee, das in wenigen Wochen 8,5 Millionen auftrieb und den baskischen Ingenieur José Agustín Larramendi Muguruza als leitenden Planer für den Wiederaufbau in die Vega Baja entsandte. Dieser brachte drei Jahrzehnte Erfahrung im Städtebau mit, seit 1799 war er Leiter des königlichen Wege- und Brückenamtes.

Luftaufnahme von Guardamar del Segura aus den 1930er Jahren. Das Straßenraster des Ingenieurs Llaramendi nach dem Erdbeben von 1829 ist klar erkennbar und existiert noch heute, auch in Torrevieja.

Der Ingenieur orientierte sich beim Wiederaufbau an den Erfahrungen der Portugiesen. Die waren mit der Rekonstruktion von Lissabon nach dem Erdbeben von 1755 gerade halbwegs fertig geworden. Ein Beben übrigens, das, gefolgt von Tsunami und Feuersbrünsten bis zu 100.000 Tote bis hin zu den Kanarischen Inseln forderte. In Lissabon hatte Marquese Pombál mit dem Viertel Baixa, also der Unterstadt, die bis heute Baixa Pombalina heißt, eine Blaupause geschaffen, die man adaptieren konnte.

Und so entwarf Larramendi in Almoradí, Benejúzar, Guardamar del Segura und Torrevieja Stadtgrundrisse, die bis heute in ihrem Kern Bestand haben: Entgegen der oft ringartigen Anordnung der mittelalterlichen Städte um Kirche oder Burg mit verschachtelten Gässchen und wilden Anbauten und Aufstockungen, sollten klare Normen künftige Katastrophen milder ausfallen lassen. Die Anordnung der Häuser erfolgte in Quadraten (Quartier), die Straßen wurden parallel angelegt, es entstand ein Schachbrett, unterbrochen von großen, runden Plätzen.

„Die Verwüstung, die ich in Almoradí sah, war so vollkommen, dass nicht ein Haus stehen blieb. Wir waren bei der Kirche, in die niemand riskiert, hineinzugehen und die wenigen, die überlebten, wollen nicht mal mehr einen Fuß in das setzen, was gestern noch ihr Dorf war.“

Diario de Barcelona, 8. April 1829

Die Mindestbreite der Wege lag bei 14 bis 17 Metern, um ein Ineinanderstürzen von Häusern ebenso zu vermeiden wie das Übergreifen von Bränden und um genügend Platz für Flüchtende zu lassen. Die Höhe der einstöckigen Gebäude durfte fünf Meter nicht überschreiten, auch, weil Larramendi wusste, dass die Vega Baja sich keine so stabilen Baumaterialen leisten konnte wie Lissabon, wo man wieder dreistöckig baute.

Risikogebiete für Erdbeben in Spanien (Festland). In Andalusien, Murcia und im Süden von Alicante rüttelt es am häufigsten.

Chronisten, übrigens bis heute, sprechen vom Beginn des sozialen Wohnungsbaus und der organisierten Städteplanung in Spanien. Allerdings wirft die Art und Weise der Hilfs- und Wiederaufbauaktionen ein eher trauriges Licht auf fast mittelalterliche Machtgefüge, in denen die Bevölkerung auf die Spendengnade eines Königs und seiner Adeligen sowie die Mildtätigkeit der Kirche angewiesen war. Die Bewohner haben es vor allem den Persönlichkeiten und der professionellen Arbeitsteilung von Bischof Herrero und dem liberalen Ingenieur Larramendi zu verdanken, dass der Aufbau voranging.

Nur eine Frage der Zeit

Wenn in diesen Tagen Almoradí und Torrevieja dem Beben von vor 190 Jahren mit Veranstaltungen und Events gedenken, feiern zwei ungebetene Gäste mit: die Angst und das schlechte Gewissen. Beide werden verdrängt. Für Wissenschaftler ist es Gewissheit, dass ein starkes Beben wiederkommen wird und sie warnen seit Jahren vor Überbebauung, fordern Mäßigung und höhere Standards in der Bausicherheit. Vergebens.

„Der unglückliche Henrique, Zeuge von Leid und Untröstlichkeit, versuchte mit tausenden Zärtlichkeiten die sterbenden Augen Florentinas wieder zu öffnen, um noch einmal die Geliebte anblicken zu können, er kreuzte seine Arme um sie, ihren schwachen Atem zu spüren. Ein schreckliches Rütteln und die Erde öffnet sich und verschluckte die beiden Liebenden und mit ihnen verschwinden ihre jungen Seelen.“

Aus dem Roman: „Los terremotos de Oribuela ó Henrique y Florentina: Historia trágica“, Valencia 1829

Der korruptionsgetriebene Bauwahn der letzten 60 Jahre duldete weder Aufschub noch Vernunft, und das aus ihm entstandene Meer an Urbanisationen, das heute weite Teile der Vega Baja prägt, ist nicht nur hässlich und Ressourcen gefährdend, sondern auch gefährlich.

Stahlstich aus dem Buch, das kurz nach dem Erdbeben in der Vega Baja erschien: „Los terremotos de Oribuela ó Henrique y Florentina: Historia trágica“, Valencia 1829

Die Uni Alicante hat es in einer interdisziplinären Studie 2011 auf den Punkt gebracht: Alles, was vor den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts errichtet wurde, hat überhaupt keinen Erdbebenschutz. Erst seit 1992 gibt es Vorgaben, die aber laut Experten nicht nur unzureichend sind, weil sie die spezifischen geologischen Eigenschaften des Baugrunds nur ungenügend abdecken, sondern deren Umsetzung schlicht kaum kontrolliert wurde. Das gleiche gelte für die Stadt- und Raumplanung. 1842 lebten in Torrevieja 3.800 Menschen, heute sind es offiziell 82.000, im Sommer dreimal mehr.

Die stärksten Beben folgen einem gewissen Rhythmus

Wie auf der Karte des Nationalen Geografischen Instituts ersichtlich, ist der Süden der Provinz, einschließlich Teilen von Murcia, Hochrisikogebiet für Erdbeben – neben Granada das am meisten gefährdete Gebiet Spaniens. Beide liegen zwischen afrikanischer und eurasischer Platte, deren Verwerfungen hier nahe an die Oberfläche gelangen, 40 bis 50 Kilometer.

Das Nationale Geographische Institut ING ist in Spanien die Referenz zum Thema Erdbeben:

Die Forscher fanden für die Gegend eine Art Rhythmus starker Beben: 1048 Orihuela, 1396 bei Gandía mit mindestens 6,5, 1644 bei Alcoy, 1748 nördlich von Játiva, 1829 Vega Baja, 1884 zwischen Málaga und Granada mit 800 Toten, 1919 Vega Baja. 2003 mit 5,8 in Petrer, das jährlich um die 700 kleine Erschütterungen verzeichnet. 2011 starben bei einem Beben der Stärke 5,1 bei Lorca neun Menschen, 300 wurden verletzt. Der Süden Alicantes ist aus seismologischer Sicht längst „überfällig“.

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