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„Niemand ist auf so etwas vorbereitet“ - Hundestaffel von Costa Blanca hilft nach Erdbeben in der Türkei

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Von: Judith Finsterbusch

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Die Hunde-Rettungsstaffel Usar13 von der Costa Blanca ist nach dem verheerenden Erdbeben in die Türkei gereist. Ein Interview über den Einsatz vor Ort und die Erdbeben-Gefahr in Spanien.

La Nucía – „Das, was wir vor Ort nach einer solchen Katastrophe sehen, kann sich beim besten Willen niemand vorstellen“, sagt José Luis Moreno, und spricht aus Erfahrung. Der Präsident der gemeinnützigen Hunde-Rettungsstaffel Usar13, die auf dem Trainingsgelände in La Nucía an der Costa Blanca regelmäßig den Ernstfall probt, suchte nach Erdbeben schon auf der halben Welt nach Verschütteten, am Mittwoch flogen neun Zwei- und vier Vierbeiner von Usar13 in die Türkei. Costanachrichten sprach zuvor mit Moreno über die Lage in der Türkei und in Syrien - und über die Erdbebengefahr in Spanien. Erinnert sei an das große Erdbeben 1829 in der Vega Baja, im Süden der Provinz Alicante.

Wie schätzen Sie die Lage vor Ort ein?

Es handelt sich um ein riesiges Gebiet, mit Tausenden eingestürzten Gebäuden und einer Opferzahl, die in die Zehntausende gehen wird. Je mehr Rettungsteams schnell vor Ort sind, desto besser, es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Das einzig Gute ist, dass das Erdbeben nachts passierte, als die Menschen in ihren Betten schliefen: Das Tödlichste bei einem Erdbeben ist die Flucht ins Freie. Auch Treppenhäuser sind sehr gefährlich. Besser ist es, sich kleinzumachen und unter irgendetwas zu verstecken, das den Kopf schützt.

Wie groß sind die Chancen, noch Überlebende zu finden?

Eine Faustregel ist, dass alle sechs bis zwölf Stunden die Hälfte der Verschütteten stirbt. Etwa sieben bis zehn Tage nach einem Erdbeben können Verschüttete noch lebendig geborgen werden.

Wie beeinflusst die Kälte die Rettungsarbeiten?

Die Kälte ist weniger für die Verschütteten ein Problem, ihre Überlebenschancen hängen vor allem davon ab, ob sie Zugang zu Wasser und Nahrung haben. Aber bei der Versorgung der Verletzten und derjenigen, die ihr Zuhause verloren haben, spielt der Winter natürlich eine große Rolle. Das Ausmaß eines Erdbebens wird gemeinhin an der Zahl der Todesopfer gemessen. Doch was ist mit all denen, die alles verloren haben? Wo sollen sie hin? Wie sollen sie leben, wie noch einmal komplett von vorne anfangen? Wie fängt man solch eine Katastrophe als Staat auf? Wie baut man ein solch immenses Gebiet wieder auf?

Es gab viele heftige Nachbeben. Wie beeinflussen diese die Rettungsarbeiten?

Nachbeben sind für uns als Rettungskräfte ein großes Risiko. Wenn ein Hund Leben meldet, wird zunächst abgewogen, wie groß die Gefahr ist, den Verschütteten zu bergen.

Es sind etliche Hilfskräfte aus vielen Ländern im Einsatz. Wie wird so etwas organisiert?

Es gibt immer eine übergeordnete Organisation, in diesem Fall die Vereinten Nationen. Sie haben die Gesamtkoordination, teilen die Rettungsteams geografisch ein und sorgen in Zusammenarbeit mit Organisationen vor Ort für Unterkünfte, Fahrzeuge, Verpflegung. An den einzelnen Einsatzorten gibt es dann eine Leitung, die das Kommando hat. Bei einer Katastrophe von solch einem Ausmaß ist die Koordinierung fundamental.

Es wird jetzt wieder viel gesprochen von der Erdbebengefahr an der spanischen Mittelmeerküste. Welche sind die Parallelen mit der Türkei?

Wie wir alle wissen, gibt es vor allem im Süden der Costa Blanca und in Murcia eine reale Erdbebengefahr, das Erdbeben in Lorca ist noch gar nicht so lange her. Aber unabhängig davon: Die Gebäudestruktur in der Türkei ist praktisch die gleiche wie hier. Dort sind viele Wohngebiete betroffen mit zehn-, zwölfstöckigen Mehrfamilienhäusern. Wäre solch ein Erdbeben in Alicante oder Benidorm passiert, sähe es hier jetzt ganz genau so aus. Von vier Gebäuden würde eins einstürzen und zwei weitere mitreißen.

Sind wir hier in Spanien auf ein Erdbeben vorbereitet?

Niemand ist jemals auf eine Katastrophe solchen Ausmaßes vorbereitet. Die Türkei hat Erdbebenerfahrung, dort gibt es sogar Simulatoren, die jedes Schulkind durchläuft, um zu wissen, wie es sich verhalten muss. Und trotzdem hat niemand das Ausmaß vorhergesehen. Wenn so etwas in Ländern wie Pakistan passiert, ist das auch nochmal etwas anderes: Dort kämpfen die Leute ohnehin täglich ums Überleben, sie sind aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Aber hier sind wir viel zu bequem und wissen überhaupt nicht, wie wir uns im Fall einer Katastrophe zu verhalten hätten.

Wäre mehr Aufklärungs- und Präventionsarbeit nötig?

Unbedingt! Wir als Hunde-Rettungsstaffel kommen naturgemäß immer erst zum Einsatz, wenn es schon zu spät ist. Und so verhält es sich auch mit Präventions- oder Informationskampagnen: Die gibt es immer erst, wenn etwas passiert ist – und geraten dann rasch wieder in Vergessenheit. Zumal man im Ernstfall nicht nur auf eine Handvoll Profis setzen darf. Nach solch einem Erdbeben herrscht absoluter Ausnahmezustand, und dann schaut auch der professionellste Feuerwehrmann zuerst darauf, dass seine Familie in Sicherheit ist.

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