Spanien im Corona-Herbst

Feriensiedlung an Costa Blanca: Wie Corona das Leben in La Marina prägt

  • vonStefan Wieczorek
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Wie das Coronavirus in Feriensiedlungen in Spanien das Leben verändert: Eine Spurensuche in La Marina bei Alicante - von Brexit über Termin-Zwang bis Weihnachten.

  • Feriensiedlungen wie La Marina praktizierten lange vor Corona soziale Distanz und Co. Alles normal also?
  • Mitnichten. Die Pandemie prägt das Leben an der Costa Blanca. Bürger fragen um Hilfe bei der Tourismusinfo.
  • Doch ob Termin-Terror oder Isolation: Ist Corona an allen Problemen der Feriensiedlung schuld?

Alicante - Womit könnte man das Leben unter dem Coronavirus vergleichen, um es jemandem, der davon nichts mitgekriegt hat, zu erklären? Vielleicht ja wirklich mit einer großen kollektiven Reise, wie es neulich costanachrichten.com-Redakteur Marco Schicker bei seinem Córdoba-Besuch tat? Er stellte die „neue Normalität“ von Corona der „neuen Welt“, die Kolumbus entdeckte, gegenüber. Machen wir es diesmal andersrum. Betrachten wir die Krise in Spanien aus Sicht der Daheimgebliebenen, denen ein ungebetener Besucher ihr Zuhause auf den Kopf stellte. Was die Pandemie alles verändert hat: eine Spurensuche in La Marina, einer großen Feriensiedlung bei Alicante.

Costa BlancaKüstenabschnitt in Spanien
Bedeutungkatalanisch/spanisch für ‚weiße Küste‘
ProvinzAlicante
Autonome RegionComunidad Valenciana

Costa Blanca: Feriensiedlung hat Corona - La Marina lebt soziale Distanz vor

Viele unserer Leser bewohnen in Spanien entlang der Mittelmeerküste Urbanisationen dieser Art, wo im Laufe vergangener Jahrzehnte tausende Menschen von nah und fern ein neues Leben begannen. Gänzlich losgelöst vom spanischen Alltag in den Gemeinden, zu denen sie eigentlich gehören - im Fall von La Marina ist es San Fulgencio -, leben die Einwanderer in aller Ruhe ihr Feriensiedlungs-Leben und dabei gewissermaßen bereits seit Jahren die Corona-Lebensweise vor.

Soziale Distanz ist Alltag in den endlos wirkenden Reihenhausstraßen an Küsten wie die Costa Blanca. Als Mensch im meist reifen Alter widmet man sich hier auch weniger wilden Trinkgelagen, wie sie in Spanien derzeit zu immer neuen Covid-19-Ausbrüchen führen, und pflegt lieber gesunde Gewohnheiten und vorsichtige wie höfliche Abstände zum Nachbarn. Auch Bürgermeister José Sampere bestätigt: „Die Menschen in La Marina halten sich – bis auf wenige Ausnahmen – an die Vorgaben. Da können wir wirklich zufrieden sein.“

Eine Antwort auf die Ausgangsfrage könnte in La Marina also lauten: Das Leben mit Corona ist wie der normale Alltag an der Costa Blanca, nur eben mit Maske. Aber stimmt das? Nun ja. Es ist doch vieles spürbar anders als sonst, in diesen ersten November-Tagen, als wir die Feriensiedlung im Süden von Alicante besuchen. Sind die Straßen leerer? Sind die Augen und Haltungen trauriger? Oder bildet man sich das bei der mittlerweile auch durch Medien geformten Corona-Voreingenommenheit nur ein? Zoomen wir hinein, in diesen spannenden Schmelztiegel.

 „Dass man wegen des Coronavirus für alles einen Termin braucht, und manchmal sogar dafür zahlen muss. Das schreckt ab.“

Victoria Aleksandrowa, Bewohnerin der Feriensiedlung La Marina bei Alicante.

Feriensiedlung La Marina bei Alicante: Leben mit Corona - 50 Nationen, ein Problem

Über 50 Nationen bewohnen San Fulgencio, davon die meisten die Feriensiedlung auf dem Hügel, und stellen 70 Prozent der Bevölkerung von 7.800 Menschen. 2012 war der Ort mit fast 80 Prozent Ausländern gar Spitze in Spanien. Nun, unter Corona, bringen die vielen Briten, aber auch Deutsche, Skandinavier, Russen und woher sie sonst noch kommen, auch ganz unterschiedliche Ansichten auf die Virus-Lage mit nach La Marina. Viele schauen Nachrichten, wenn überhaupt, nur aus ihrem Heimatland. Tür an Tür scheint die Welt, oder zumindest Europa hier zu wohnen. Daher fällt uns eine weitere Antwort auf die Anfangsfrage ein: Das Leben mit Corona ist wie ein Problem, das auf einmal Menschen aus 50 Nationen oder mehr gemeinsam haben.

Costa Blanca: La Marina hat Corona - Leben in allen Bereichen verändert.

Einer dieser Menschen in der Feriensiedlung ist Victoria Aleksandrowa, eine Ukrainerin, die im deutschen Supermarkt von La Marina arbeitet. Kaum Kunden kämen wegen Corona, sagt sie und zieht die Maske höher. Die Urbi-Bürger gingen auf Abstand, schotteten sich geradezu ab, als seien sie nicht da. „Sehen Sie da drüben die Häuser? Vom Laden aus konnte ich die Nachbarn immer alle sehen, nun ist alles leer.“ Was die Mittdreißigerin in der Pandemie am meisten Nerven kostet? „Dass man für alles einen Termin braucht, und manchmal sogar dafür zahlen muss. Das schreckt ab“, so Aleksandrowa.

Costa Blanca: La Marina wartet auf Corona-Weihnachten - Feriensiedlung von Hotspots isoliert

Ein Stück weiter lockt uns in La Marina das Glitzern und Glänzen eines Shops. Was ist hier los? Girlanden, Kugeln, Weihnachtskarten, alles voll. Ist denn heut’ schon Christmas, im Laden des Tierschutzvereins Sat Animal Rescue Centre? Wohlgemerkt: Bei unserem Besuch in der Feriensiedlung hat der November gerade begonnen. „Eigentlich haben wir unseren Weihnachtsmarkt ja erst Ende November“, erklärt die Britin Mary Williams. „Aber da wir nicht wissen, was angesichts der Corona-Lage an der Costa Blanca daraus wird, verkaufen wir die Sachen lieber jetzt.“ Halten wir fest: Das Leben mit Corona ist wie Warten auf Weihnachten – ohne zu wissen, wie es wird.

Wie gut San Fulgencio unter Corona im Vergleich zum Rest der Costa Blanca dasteht, lässt sich an den Zahlen ablesen. Mit einer 14-Tage-Inzidenz von 64 (Stand: 8. November) hat der Ort mit der riesigen Feriensiedlung La Marina eine viel geringere Ansteckungsquote als etwa Nachbar Elche mit 280 oder die Kreishaupstradt Orihuela mit 431 neuen Fällen auf 100.000 Bewohner. Doch auch wenn La Marina von den Corona-Hotspots gut isoliert scheint, konnte es ein großes Opfer kultureller Art nicht vor der Pandemie retten: Am Sonntag, der dem 11. November am nächsten ist, feiert die Urbanisation der vielen Nationen nämlich einen großen Tag des Gedenkens.

La Marina: Wegen Corona kein Gedenktag - Feriensiedlung trauert zu Hause

Die Briten brachten ihn nach Spanien, den Remembrance Day, den die englischsprachige Welt für Opfer des Weltkrieges erdachte und bis heute als lebendige Tradition mit den roten Poppy-Mohnblumen emotional begeht. In San Fulgencio ist es im Jahr das Event, das die neuen Siedler mit den Spaniern vereint. Gefeiert wird nämlich oben in der Urbanisation La Marina und unten im Ort. Ein anglikanischer und katholischer Priester leiten jeweils die Andacht, die ganze Rathausmannschaft ist – egal ob PP oder PSOE regiert – präsent.

Der Remembrance Day an der Costa Blanca passte sich immer auch an Aktuelles an, etwa, als er Opfer des Terrorismus berücksichtigte. Was läge da näher, als ihn für die Opfer der Pandemie zu veranstalten? Doch leider läuft das unter Corona nicht so.

Denn auch die Feriensiedlung mit den geringen Fallzahlen muss die Coronavirus-Normen einhalten. Schweren Herzens sagte der Stadtrat für Internationales, Darren Parmenter, das volksverbindende Fest von San Fulgencio ab. „Ich konnte Bürger nur dazu einladen, den Gedenktag so gut es geht zu Hause zu zelebrieren“, sagt der Brite. Wir lernen: Das Leben unter Corona ist wie eine Erinnerung, die in Quarantäne bleiben muss.

Costa Blanca: La Marina unter Corona - Spanier im Second Hand Shop, Briten vor Brexit

Aber nicht nur das verlorene Fest gibt den Briten von La Marina unter Corona zu denken, sondern vielmehr ganz Alltägliches, wie Mary Williams aus dem Charity-Shop des Vereins Sat Animal Rescue erklärt. „Wir stellen einerseits fest, dass nun viel mehr Spanier zu uns kommen. Sonst haben sie Vorbehalte gegen Kleider aus zweiter Hand.“ Warum jetzt nicht mehr? „Das können wir nur vermuten. Wir glauben, dass es die gestiegene finanzielle Not ist“, so Williams. „Was aber auch auffällt, ist, dass viele Sachspenden eintreffen. Viele Menschen verkaufen ihre Häuser an der Costa Blanca, wir bekommen reichlich Möbel und Gegenstände.“

Ein neuer Exodus aus Spanien wegen Corona? „Nein, wegen des Brexit. Bald ist das Jahr um, die Übergangsphase endet am 31. Dezember“, erinnert uns die Britin. „Viele wollen weg, da sie nicht wissen, ob sie da noch krankenversichert sind.“

Brexit. Daran hatten wir Nichtbriten fast gar nicht mehr gedacht. Dabei ist es ein riesiges Thema für La Marinas größte Gruppe. Kurz zur Ausgangsfrage zurück, womit man das Leben unter Corona vergleichen kann: Mit einem dunklen Vorhang, der andere große Sorgen (scheinbar) verschwinden lässt.

Doch sie sind nicht weg, die gewöhnlichen Sorgen der Feriensiedlung an der Costa Blanca. Daran erinnert auch Bürgermeister Sampere: „Gerade bei der Brexit-Unsicherheit ist es nötig, dass Bewohner sich im Rathaus anmelden. Ich weiß aber nicht mehr, wie ich es ihnen sagen soll.“ Doch nicht nur Brexit-Betroffene sollten den padrón haben: „Es ist auch wegen der Corona-Lage wichtig, dass das Rathaus weiß, wer hier eigentlich lebt“, so der Ortschef. „Uns besorgt die Einsamkeit vieler Menschen, etwa wenn sie allein oder krank sind, manchmal unbemerkt sterben. Da können wir ohne Meldung noch weniger dagegen tun.“

Feriensiedlung an Costa Blanca: Wegen Corona alles nur mit Terminen.

La Marina an Costa Blanca: Für alles Termin, beim Arzt im Zelt - alles wegen Corona?

Andererseits hörten wir bereits, wie schwer sich Bürger von La Marina gerade unter Corona damit tun, ins Rathaus zu gehen. Zumal die Urbanisation – ausgerechnet jetzt – die wichtigsten Anlaufstellen völlig neu sortiert hat: Das Stadthaus der Feriensiedlung zog zum Gesundheitszentrum um. Dieses wiederum ist im Umbau, von Absperrbändern umwickelt, die ausnahmsweise nichts mit der Pandemie zu tun haben, auch wenn sie so aussehen.

Zum Arzt gehen Bürger der Siedlung an der Costa Blanca nun in ein vorläufiges Gebäude mit Zelt als Warteraum. Nicht angenehm sei dort das Warten, berichtet das deutsche Ehepaar Monika und Jürgen Remmert. Ob Gesundheit oder Verwaltung – überall sei es mühselig, überhaupt einen Termin zu bekommen. Ans Telefon ginge oft keiner. „Dann gehen viele eben gar nicht“, ist Frau Remmert besorgt. Seit 20 Jahren wohnt sie in der Urbi, fühlte sich aber noch nie so isoliert wie jetzt. „Nun fährt auch der Bus zum Krankenhaus in Torrevieja nicht mehr“, so Remmert. „Da ich keinen Führerschein habe, käme ich dort gar nicht hin.“

Der Bürgermeister erklärt: „Den Bus nutzten, als er noch fuhr, an einem Tag vielleicht mal zwei Leute, dann zwei Tage keiner.“ Um zu sparen, habe die Stadt an der Costa Blanca die Linie voriges Jahr eingestellt. „Nun in der Corona-Zeit haben wir viele Extra-Kosten, etwa um Barbesitzern zu helfen“, sagt Ortschef Sampere. Also muss La Marina auch durch die sanitäre Krise ohne Bus kommen.

Nur ein Beispiel für die Probleme der Feriensiedlung, die vielleicht nicht direkt mit der Pandemie zu tun haben – doch durch das Virus irgendwie akut werden. Noch ein anderer Vergleich drängt sich hier auf. Das Leben unter Corona ist auch ein Vergrößerungsglas für Sorgen, die man sonst fast vergessen hätte.

Costa Blanca unter Corona: „Viele haben Angst, vor Ansteckung und um Existenz.“

„Wir müssen durch die Pandemie durch, sie irgendwie hinter uns lassen“, sagt ein Spanier aus La Marina, Jesús María Alonso. Sein Café Gernika leide sehr unter der Krise. Auch die neuen Beschränkungen der Gastronomie wegen des Coronavius sieht der Barbetreiber skeptisch: „Es ist besser, wenn die Menschen sich im Lokal treffen, wo alle Sicherheitsnormen gegen Corona erfüllt werden, als privat, wo jeder tut, was er will.“

Nur ein Drittel, im Sommer 40 Prozent, der Klienten kamen in der Krise in Alonsos Bar in der Feriensiedlung. Eigentlich wollte der 63-Jährige in Rente gehen, das Café im Winter verkaufen. Was daraus wohl wird? Der Spanier versteht, dass Menschen die Bar in La Marina meiden. „Viele haben Angst, nicht nur vor der Ansteckung, sondern um ihre Existenz“, so Alonso, der viele Jahre Lkw-Fahrer war. „In der Krise ist eine Waffel oder ein Pancake Luxus, das weiß ich.“

Costa Blanca: Kaum Kunden im Café Gernika in der Feriensiedlung.

Statt auf Pancake oder Eis drängeln sich die Menschen aus der Feriensiedlung La Marina an einem anderen Ort zusammen: In der Tourismusinfo. Mit Anfragen zu Corona würden sie regelrecht bombardiert, erklären uns dort die Angestellten. Sie fühlten sich, als hätten sie einen neuen Job erlernt: „Covid-19-Experte“.

An Costa Blanca sind wegen Corona alle wie Touristen, die Infos und Hilfe brauchen

Als wir in der Tourismusinfo von La Marina sprechen, erscheint ein Mann an der Tür, richtet seine Corona-Maske vorsichtig, reinigt die Hände und betritt sachte den Raum. Er wolle einen falsch adressierten Brief von der Stadt abgeben, sagt er mit deutschem Akzent. Da müssen sie zum Rathausbüro, hört er freundlich, atmet durch und zieht vondannen, um am Eingang des anderen Gebäudes wieder Maske und Hände zu richten – und wahrscheinlich erklärt zu bekommen, dass er einen Termin braucht.

Womit könnte man das Leben unter Corona vergleichen, um es jemandem, der nichts davon mitgekriegt hat, zu erklären? Vielleicht ja mit einer riesigen Feriensiedlung in Spanien, an deren Ende noch niemand war (und wo vielleicht ja doch eine unbekannte „neue Welt“ wartet).

Zusatz-Info: Laut Stadtrat Darren Parmenter aus San Fulgencio ist der Exodus der Briten aus La Marina eine „Falschnachricht“. Er kenne „niemanden, der wegen des Brexit weggeht“. Vorsichtiger formuliert es Bürgermeister José Sampere: „Wir können es momentan nicht sicher sagen.“

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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