Auswilderung mit Tücken

Naturschutz: Keine Spur mehr von den in Pego ausgesetzten Fischadlern

  • vonAndrea Beckmann
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Es war ein ganz besonderer Moment, als im Juni 2019 vier noch nicht flügge gewordene Fischadler in dem Feuchtgebiet Marjal Pego-Oliva in der Provinz Alicante ausgewildert wurden. Knapp ein Jahr später gehen die Beteiligten davon aus: Keiner der Greifvögel hat überlebt. Allen sind offenbar Starkstromkabel zum Verhängnis geworden.

  • Naturschützer hatten 2019 Fischadler im Feuchtgebiet Marjal ausgewildert, um die Art zu retten.
  • Umweltschützer geben Fischadler nicht auf: Bald sollen neue Vögel in Pego ausgesetzt werden.
  • Bis Mitte der 1980er Jahre brüteten in dieser Region noch einzelne Fischadlerpärchen.

Pego - Etwa 30 bis 40 Tage alt waren die Fischadler, als sie vergangenes Jahr Mitte Juni unter Polizeibewachung in Kisten verpackt in das Feuchtgebiet Marjal Pego-Oliva gebracht wurden, wo sie von Mitarbeitern des valencianischen Umweltministeriums und freiwilligen Umweltschützern rund um die Uhr bewacht und versorgt wurden. Zu groß war die Angst, dass sie von Neugierigen in ihrer Ruhe gestört oder gar angefasst werden könnten, was ihrer Entwicklung geschadet hätte.

Auch auf ihrer Anreise in das alicantinische Pego hatten die Vögel, die in Kisten befördert wurden, nichts von ihrer Umwelt wahrgenommen. Zwei der gefiederten Gesellen waren aus Andalusien eingeflogen worden, wo man sie einem Nest am Stausee von Barbate (Cádiz) entnommen hatte, während zwei weitere Exemplare aus einer Brutstätte im Nationalpark Cabrera stammten. Sie waren über den Seeweg aufs Festland gebracht worden. Die unbewohnte Insel Cabrera liegt eine halbe Bootsstunde von der Baleareninsel Mallorca entfernt und bietet 950 Tierarten ein nahezu unberührtes Habitat.

Seltene Vögel: 100 Fischadler sollen in der Marina Alta ausgewildert werden

An dem Auswilderungsprogramm der Vögel, das im vergangenen Jahr seinen Anfang nahm und das in den kommenden Jahren sowohl im Feuchtgebiet Marjal als auch am Kap San Antonio in Dénias Naturpark Montgó die Auswilderung von insgesamt 100 Fischadlern vorsieht, ist unter anderem auch die Stiftung Migres mit Sitz in Sevilla beteiligt. Deren Vorsitzender Miguel Ferrer, der an der Boston University (Massachusetts) unterrichtet, war extra aus den USA nach Pego angereist, um diesem Ereignis beizuwohnen.

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„Das war ein ganz besonderer Moment, den ich vor Ort erleben wollte“, sagte Ferrer damals. Die Auswilderung der ersten vier Fischadler im Kreis Marina Alta, der eine mehrjährige Planung vorausgegangen sei, habe er sich auf keinen Fall entgehen lassen wollen. „Den Fischadlerjungen wird bei diesem Projekt vorgegaukelt, dass sie in dem Feuchtgebiet Majal in Pego geschlüpft sind“, erklärte Ferrer. „Die Umgebung, die sie als erste zu sehen bekommen, wenn sie den Nistplatz verlassen und alleine auf Futtersuche gehen, nehmen sie als ihren Geburtsort wahr.“

Dass sie glauben sollen, in Pegos Feuchtgebiet geschlüpft zu sein, hat einen bestimmten Grund, weiß Ornitholge Joan Sala. „Entscheidend ist, wo Fischadler flügge werden. Hauptsächlich männliche Tiere kommen zur Familiengründung immer wieder an den Ort zurück, an dem sie geschlüpft sind.“

Umweltschutz in Pegos Naturpark zuerst ohne Hindernisse

Das Experiment der Wiedereingliederung in den Naturpark verlief anfangs ohne Zwischenfälle.  Doch schon bald sorgten sie ein um das andere Mal für Aufregung. Kaum flügge geworden, gingen die Greifvögel munter auf Erkundungsreise – manchmal mit Schwierigkeiten. So wurde ein Männchen mehrmals erschöpft am Ufer eines Sees aufgegriffen. Sein Gefieder war bei missglückten Fischfangversuchen oder Auseinandersetzungen mit anderen Greifvögeln patschnass geworden war. Flugversuche scheiterten.

Das älteste Fischadlerweibchen stellt sich am geschicktesten an. Nach Ausflügen in Stauseen in der Region Valencia kam es stets wohlbehalten zurück. Das zweite Weibchen, das man ursprünglich irrtümlich für ein Männchen gehalten hatte, flog am weitesten. Der GPS-Sender verriet, dass es schon im Alter von wenigen Wochen bis nach Südfrankreich geflogen war. Von dort kam es unbeschadet nach Pego zurück, um sich dann kurze Zeit später im Naturpark Albufera bei Valencia niederzulassen. Dort wurde der Greifvogel kurze Zeit später durch einen Stromschlag getötet. Das Tier war mit einem Starkstromkabel in Berührung gekommen. Dabei hatten die Beteiligten des Auswilderungsprojekts gerade dieses Weibchen, das auf den Namen Marina getauft worden war, als besonders intelligent gehalten. Damit war bereits der zweite Fischadler des Projekts getötet worden. Wenige Monate zuvor hatte es das Männchen Quillo getroffen. Auf seiner Reise in wärmere Gefilde war der Fischadler in Marokko durch einen Stromschlag verendet. Ein Ornithologe fand ihn nahe eines Mastes.

Fischadler von Pego in den Senegal: Spur der Vögel Luigi und Lulu verloren

Damit blieben von dem Auswilderungsprojekt des valencianischen Umweltministeriums nur noch die Fischadler Luigi und Lulu, die bis in den Senegal vordrangen. Dort verlor sich im Februar dieses Jahres aber ebenfalls ihre Spur. Die Mitarbeiter des valencianischen Umweltministeriums empfangen seitdem kein Signal mehr von ihrem GPS-Sender. Glaubte man anfangs noch, dass sie vielleicht in einem Gebiet unterwegs sein könnten, in dem es keinen Empfang gibt, muss inzwischen davon ausgegangen werden, dass auch diese beiden Greifvögel nicht überlebt haben. Man habe einen französischen Ornithologen ausfindig gemacht, der im Senegal lebt. Der habe sich auf die Spur nach Quillo gemacht. „Nur wenige Meter von der Stelle, von der uns zuletzt das GPS-Signal erreichte“, befindet sich ein Strommast“, teilte ein Mitarbeiter des Auswilderungsprojekts mit. Man befürchte deshalb das Schlimmste.

Fischadler finden im Raum Pego-Oliva und Dénia ideale Lebensbedingungen .jpg

Doch so schnell will man sich nicht geschlagen geben. Das Projekt soll in diesem Sommer fortgesetzt werden. Eines der Küken, das im Feuchtgebiet Marjal das Fliegen erlernen soll, ist bereits auf Menorca geschlüpft. Mehr war von den Projekt-Verantwortlichen bislang nicht zu erfahren.

Gefährdete Fischadler: 1985 aus Jáveas Granadella vertrieben

Der Fischadler war in dieser Region stets ein von Ornithologen gern gesehener Gast. Die Vogelart, die noch 1970 am Cap San Antonio zwischen Dénia und Jávea und bis 1985 in Jáveas Granadella nistete, ist in der Region aber längst nicht mehr heimisch. Vertrieben wurde sie seinerzeit nicht nur von Fischern, die Fischadler als gefräßige Feinde ansahen und Jagd auf sie machten. Auch die ausufernden und viel Lärm verursachenden Bauaktivitäten führten in den 1980er Jahren dazu, dass Fischadler ihre Niststätten in ruhigere Gebiete verlegten.

Die Lebensbedingungen für die Greifvögel hätten sich in der Region inzwischen verbessert, meint Ornithologe Joan Sala. Man sehe gute Chancen, den Fischadler dazu zu bringen, wieder an der nördlichen Costa Blanca zu nisten. Dies soll mit Unterstützung der Fundación Migres geschehen. Die Stiftung hat in den letzten Jahren erfolgreich Fischadlerpärchen am Stausee von Barbate (Cádiz) und im Naturpark Marismas del Odiel (Huelva) angesiedelt, wo nach langer Abwesenheit nun wieder 33 Paare vorkommen.

Greifvögel in der Marina Alta: San Antonio in Dénia und Marjal in Pego bieten optimale Bedingungen

In der Marina Alta ist die Wiederansiedlung am Cabo San Antonio und im Marjal Pego-Oliva geplant. „Das Gebiet ist optimal“, meint Joan Sala. Weil sich Fischadler aber nicht von alleine ansiedeln werden, muss nachgeholfen werden. Unter der Aufsicht des Biologen Miguel Ferrer von der Stiftung Migres sollen schon bald Jungvögel aus Schottland und Deutschland umgesiedelt werden. „Die Tiere benötigen ab der sechsten Woche schon nicht mehr ihre Mutter zur Nahrungsaufnahme“, weiß Sala. „Hier kommen sie in Nistkästen, in denen sie per Kamera rund um die Uhr überwacht und gefüttert werden, bis sie fliegen können und selbst in der Lage sind, für ihre Nahrung zu sorgen.“ Das Projekt wird von den Kommunen Dénia, Jávea, Pego und Oliva unterstützt. Die Aufzucht der Tiere obliegt der valencianischen Landesregierung.

Rubriklistenbild: © Andrea Beckmann

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