Kriminalität in Spanien

Häuslicher Gewalt in Spanien entkommen: Expertin aus Alicante im Interview

  • vonStefan Wieczorek
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Wie häusliche Gewalt entsteht, weiß Marina Marroquí aus Alicante, einst Opfer, nun in Spanien bekannte Expertin und Autorin. Ein Interview zum 25. November, dem internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Alicante - Jahrelang erlebte Marina Marroquí aus Alicante die Hölle – gedemütigt und gepeinigt durch ihren Partner. Doch das ist vorbei. 2014 gründete sie in Elche an der Costa Blanca einen Verein gegen häusliche Gewalt. Zu Berühmtheit in Spanien gelangte Marroquí 2016 durch ein Interview in der TV-Talkshow „Salvados“. Mittlerweile ist sie gefragte Expertin auf Veranstaltungen und in Schulen. Auch schrieb sie ein Buch: „Eso no es amor“ - „Es ist keine Liebe“. Costnachrichten.com veröffentlicht zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen ein Gespräch mit der heute 32-Jährigen.

Häusliche Gewalt in Spanien: Expertin aus Alicante im Interview

Costanachrichten.com: Haben das TV-Interview und die öffentlichen Auftritte in Spanien und Alicante Ihr Leben verändert?

Marina Marroquí: Zumindest haben sie mir jede freie Minute geraubt (lacht). Sehr viele Frauen aus Spanien rufen seitdem an. Frauen, die Jahre an der häuslichen Gewalt gelitten hatten, und dann hunderte Kilometer zu unseren Treffen fahren. Ich sehe, wie sie glücklich werden – das ist die beste Entschädigung.

Costanachrichten.com: Nun sind Sie in Spanien eine Ikone gegen die häusliche Gewalt. War es richtig, sich so zu öffnen?

Marina Marroquí: Wichtig war die Gründung des Vereins gegen häusliche Gewalt, AIVIG. Meine Familie hatte Angst davor. Immerhin läuft mein Peiniger, der mir den Tod angedroht hatte, frei herum. Doch in den sieben Jahren in Angst wäre ich lieber tot gewesen. Ich entschloss mich also, ohne Angst zu leben. Nicht, weil ich mutig bin – sondern sorglos. Ich denke nicht daran, was alles passieren kann. Und das mit dem Ruhm? Ich weiß, dass das bald wieder verschwindet.

Costanachrichten.com: Kommt Ihnen das damalige Leiden an der häuslichen Gewalt noch real vor?

Marina Marroquí: Seitdem ich den Verein gegen häusliche Gewalt gegründet habe, wirkt die Vergangenheit wie ein Parallelleben. Wie ein dunkles Zimmer, das, das Licht eingeschaltet, ganz anders ausschaut. Auch heute habe ich Albträume, aber einen in drei Monaten, und nicht wie früher: jeden Tag. Ich lebe jetzt erfüllt, mit meinem Mann und meiner Familie.

Häusliche Gewalt beginnt schon, wenn du alles filtrieren musst, was du sagst. Wenn der Partner dich beschimpft, wenn du nicht anrufst. Aber sie ist auch dann noch da, wenn er weint und beteuert, es nie wieder zu tun. 

Marina Marroquí, Expertin aus Alicante.

Expertin aus Alicante: Häusliche Gewalt durch Medien - „Wie Krebs“ - Opfer nur Frauen?

Costanachrichten.com: Nun als Expertin gefragt: Definieren Sie häusliche Gewalt.

Marina Marroquí: Ich würde sagen, sie ist eine Gleichgewichtsstörung. Der eine Partner reißt die Macht an sich. Dabei ist die körperliche Gewalt der letzte Schritt. Sie geschieht, wenn die frühzeitige Erkennung scheitert. Häusliche Gewalt beginnt schon, wenn du alles filtrieren musst, was du sagst. Wenn der Partner dich beschimpft, wenn du nicht anrufst. Aber sie ist auch dann noch da, wenn er weint und beteuert, es nie wieder zu tun. Das ist Teil der Phase, die wir „Honigmond“ nennen. Danach fangen wieder die Spannungen und die kleinen Schikanen an.

Costanachrichten.com: Ist häusliche Gewalt auf Schemen reduziert? Auf Mann gegen Frau? Oder auf bestimmte Gesellschaftsschichten?

Marina Marroquí: Zu uns kommen auch mehrere Männer. Es ist wie bei Brustkrebs, auch sie können Opfer von häuslicher Gewalt sein. Dabei jedoch darf man den Fokus nicht der Hauptgruppe entziehen, und das sind die Frauen. Was das Andere angeht: Mein Peiniger arbeitet in einer Hilfsorganisation, kümmert sich dort um Großmütter. Mehr muss ich nicht dazu sagen.

Costanachrichten.com: Kommt häusliche Gewalt im 21. Jahrhundert öfter als früher vor?

Marina Marroquí: Klar gibt es heute nicht mehr Gewalttäter. Aber: Wir haben ihnen durch die Medien zusätzliche Kontrollmöglichkeiten gegeben. Und damit eine zusätzliche Last geschaffen. Weswegen die Gesellschaft jetzt gefragt ist, die Probleme schneller zu erkennen.

Expertin aus Alicante: Häusliche Gewalt in Spanien - Mann nicht gleich Peiniger - Und die Liebe?

Costanachrichten.com: Hat auch die Konsumkultur mit häuslicher Gewalt zu tun? Indem man den Partner behandelt wie ein Produkt?

Marina Marroquí: Aber natürlich. Was man schon daran sieht, wie die Frau in den Medien dazu verwendet wird, um Produkte zu verkaufen. Auch Bücher wie „Drei Meter über dem Himmel“ (von Federico Moccia, Anm. d. Red.), die die Bibel der heutigen Jugend sind, fördern solche Ansichten. Sie sind gefährlich, nicht weil sie zu häuslicher Gewalt verleiten, aber ihre Erkennung erschweren. An den Schulen fehlt dagegen eine tatsächliche affektiv-sexuelle Erziehung. Es reicht nicht, im Unterricht nur zu lernen, wie man ein Kondom überstreift.

Costanachrichten.com: Berührt hat mich in einem Interview von Ihnen zu lesen, wie Ihr Vater weinte, als Sie litten. Wie wichtig sind gute Vorbilder als Mittel gegen häusliche Gewalt?

Marina Marroquí: Paare, die gut funktionieren, sind das einzig mögliche Beispiel. Vielleicht achten Jugendliche nicht auf sie, aber nehmen solche Paare unterbewusst doch wahr. Nicht ich habe mich von der häuslichen Gewalt befreit – meine Familie tat es. Auch, weil ich dank meines Vaters oder meines Bruders immer unterscheiden konnte zwischen einem Mann und einem Peiniger.

Marina Marroquí aus Alicante: Häusliche Gewalt, einst Opfer, heute Expertin.

Costanachrichten.com: Wie kann es jemand schaffen, aus einer höllischen Zwickmühle zu entkommen?

Marina Marroquí: Die Hölle der häuslichen Gewalt ist zwar brutal. Aber noch schlimmer ist der Versuch, sie zu verlassen. Es tut so weh, man denkt, es wird alles noch schlimmer. Doch auch eine Chemotherapie tut weh. Und danach kann man wieder lachen.

Costanachrichten.com: Wir haben nun gehört, woran man häusliche Gewalt erkennt. Woran erkennt man aber die Liebe?

Marina Marroquí: Ja, auch Liebe gibt es. Real ist sie dann, wenn sie glücklich macht, wenn sie uns gemeinsam zum Lachen bringt.

Unter der Nummer 016 erhalten Opfer häuslicher Gewalt in Spanien Hilfe.

Rubriklistenbild: © Ángel García

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