Wunder Spaniens

Hanfindustrie der Costa Blanca vor Rückkehr? Callosa hofft auf grüne Wende

  • vonStefan Wieczorek
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Die Hanfindustrie prägte die Costa Blanca, bis der Kunststoff sie verdrängte. Nun steht der Hanf aus Callosa vor dem Comeback, versichern Wissenschaftler - und setzen auf die grüne Wende.

Alicante - Nicht immer, aber manchmal ist Geschichte ein Kreislauf: Ob in Spanien, an der Costa Blanca, wo auch immer. Längst vergessene Kenntnisse und Tätigkeiten können wieder auftauchen - einfach so, weil es der Lauf der Zeiten so will. Im Ort Callosa de Segura im Süden von Alicante bahnt sich ein solches Comeback an. Viele Jahrhunderte war das Städtchen am Gebirge die Wiege schlechthin für eine historische Industie: die Hanfindustrie. Besonders widerstandsfähige Textilien entstanden aus den in Callosa angebauten Pflanzen. Das war einmal - und könnte wieder sein. Denn urplötzlich stehen in der europäischen grünen Wende in Richtung Kreislaufwirtschaft wieder Naturfasern hoch im Kurs.

HanfPflanzengattung
Wissenschaftlicher Name:Cannabis
Höhere Klassifizierung: Hanfgewächse
Familie: Hanfgewächse (Cannabaceae)

Costa Blanca auf Hanf: Historische Industrie für Naturfasern aus Alicante

Was wurde in Spanien und an der Costa Blanca in der Vergangenheit nicht alles aus Hanf hergestellt? Von Alltag bis Weltgeschichte waren die beständigen Naturfasern jahrhundertelang eine Grundlage. Nicht nur Miguel Hernández, der Dichter aus Alicante, lief sein Leben lang auf Hanfsohlen. Auch die Segel, die die Kolumbus-Expedition aus Spanien nach Amerika führten, waren aus Hanffasern gefertigt. Doch lange schien es vorbei mit dem Universal-Gras zu sein. Den Riss in der Geschichte der historischen Industrie brachten die 1960er Jahre.

Mitte des 20. Jahrhunderts führte in Europa und Spanien der Boom der Kunststoff-Fasern zum (vermeintlichen) Tod der historischen Industrie, die etwa in Callosa de Segura in der Provinz Alicante Existenzquelle Nummer eins gewesen war. Produkte aus Nutzhanf gab es fortan nur noch im Museum, ob im Museo del Cañamo in Callosa, dem Museo de la Huerta in Rojales oder dem Museo Pusol in Elche. Doch nun die Sensation: Das Hanf von der Costa Blanca lebt. Auf einem Feld bei Callosa wurde nun erstmals nach Jahrzehnten wieder das alte Nutzgras von einst abgeschnitten. Wie kam es dazu?

Hanf an Costa Blanca: Historische Industrie dank grüner Wende mit Comeback?

1973 war in Callosa de Segura bei Alicante zum letzten Mal das historsiche Hanf geerntet worden. Ein Unternehmer namens José Castell kaufte noch rechtzeitig die letzten übrigen Samen. Fast 40 Jahre lagerten sie in seinem Bestand, ohne dass er zuviel daran dachte. 2011 machte er in der Vega Baja, dem südlichen Kreis der Costa Blanca, seinen Besitz bekannt. Und das sorgte vor allem in Callosa für große Emotionen. Enthusiasten kontaktierten umgehend die Polytechnik-Hochschule der Kreishauptstadt Orihuela, die das Projekt der Wiederauferstehung des Nutzhanfs als Experiment in die Wege leitete.

In der Nähe von Callosa legten die Forscher ein Feld für den Anbau des Hanfs aus der historsichen Industrie an. Im Herbst 2020 konnten sie endlich das Ergebnis dieser Arbeit vorstellen. Nicht alles lief glatt: Nur ein Fünftel der alten Pflanzten keimte auf. Aber das reichte, um von der Auferstehung der beständigen Naturfasern zu träumen, versichern die Wissenschaftler von der Costa Blanca. Der Grund: Spanien und die Europäische Union arbeiten an der Umweltagenda 2030. Dabei kann gerade Naturfasern wie dem Nutzhanf eine große Rolle zukommen. Die Hanfindustrie aus Alicante als Pfeiler der grünen Wende - wer weiß, was der Lauf der Zeiten bringt?

Rubriklistenbild: © Museo Pusol

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