Ein Priester betet, zwei Krankenpfleger sitzen links auf der Bank und sehen ihm zu,
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Der 99-jährige Priester Cesareo Espinal betet, während er auf das Eintreffen der Corona-Impfstoffe wartet.

Politiker außerplanmäßig geimpft

Impfskandal in Spanien: Bürgermeister an Costa Blanca gegen Corona geimpft

  • vonStephan Kippes
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Mehrere Bürgermeister an der Costa Blanca haben sich gegen Corona impfen lassen, obwohl sie laut Impfplan noch nicht dran gewesen wären.

Update, 21. Januar: Auch La Nucías Bürgermeister Bernabé Cano gehört zu den geimpften Alcaldes an der Costa Blanca. Seine Partei, die PP, gab zunächst an, die Impfung sei planmäßig verlaufen, da Cano Arzt ist. Das Landesgesundheitsministerium hat diese Begründung dementiert: Cano sei zwar Arzt, aber seit Jahren nicht im öffentlichen Gesundheitswesen tätig. Die Landesregierung hat eine Untersuchung eingeleitet. In der Nachbarregion Murcia rollen wegen des Impfskandals in Spanien unterdessen erste Köpfe: Murcias Gesundheitsminister Manuel Villegas ist von seinem Amt zurückgetreten.

Impfskandal in Spanien: PSOE schließt Bürgermeister aus Partei aus

Update, 17. Januar: Die sozialistische Partei PSOE schließt die Bürgermeister von Els Poblets und El Verger vorläufig aus der Partei aus. Die valencianische PSOE-Führung kündigte am gestrigen Samstag die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Ximo Coll und Carolina Vives sowie ein weiteres Parteimitglied aus Rafelbunyol an, weil sie sich außer Reihe impfen ließen. Für die Dauer der Untersuchung soll die Mitgliedschaft der Politiker in der PSOE ruhen. Die Sozialisten begründen den drastischen Schritt mit der Befürchtung, dass solche Handlungen ein schlechtes Licht auf die „hervorragende Arbeit des Gesundheitspersonals und verantwortungsvoller Bürgermeister und Stadträte“ bei der Impfung und dem Management der Coronavirus-Krise werfen könnten.

Update, 16. Januar: Die beiden Bürgermeister Ximo Coll und Carolina Vives haben am Freitagabend in einem gemeinsamen Kommuniqué die Öffentlichkeit um „Entschuldigung“ gebeten. Die Rathauschefs aus El Verger und Els Poblets versicherten, sich nichts Böses bei der Impfung gedacht zu haben. Ihre Schutzimpfung wähnten sie irrtümlich im Einklang mit dem Impfprotokoll der valencianischen Landesregierung, da ihnen versichert worden sein, dass alle an diesem Tag zu impfenden Personen auch geimpft worden seien. Die Entscheidung sei falsch gewesen.

Erstmeldung, 15. Januar: El Verger/Els Poblets – Zwei Bürgermeister aus zwei beschaulichen Dörfern im Norden der Costa Blanca sind mit der Coronavirus-Krise unfreiwillig ganz groß herausgekommen. Das Stadtoberhaupt aus El Verger, Ximo Coll, und seine Gattin, die Bürgermeisterin des Nachbarorts Els Poblets, Carolina Vives, haben das, was viele in ihrem Alter angesichts der rapide steigenden Corona-Infektionen sich sehnlich wünschen, den Impfschutz gegen Covid-19. Und das, obwohl sie nicht zu den Risikogruppen gehören, die zuerst geimpft werden, und das junge Paar noch Dekaden von einem Platz in einer Seniorenresidenz entfernt ist.

Covid-Impfskandal in Spanien: Zwei Bürgermeister von Costa Blanca außer Reihe geimpft

Die Geschichte nahm, wie es in valencianischen Gefilden oft der Fall ist, bei einem Aperitif auf der Terrasse einer Bar seinen Lauf. In diesem Fall setzte sie ein Anruf aus dem Gesundheitszentrum aus El Verger in Gang. „Sie haben uns angerufen und gesagt, dass sieben Impfdosen übrig geblieben sind“, erklärte Coll gegenüber der Presse. „Und dass wir kommen sollen, um uns impfen zu lassen,“ sagte Coll, der wie seine Frau in Personalunion zum Rathauschef auch Leiter des örtlichen Gesundheitsamts ist. In Begleitung von fünf Ortspolizisten ließen sich beide Politiker gegen Covid-19 mit den sieben noch zur Verfügung stehenden Vakzine impfen und dachten sich wohl nichs Böses dabei..

Als Geschichte “viral geht”, leitet das Gesundheitsministerium der Region Valencia eine Untersuchung wegen „irregulären Impfung“ ein.  In der aktuellen Phase dürfen nur Senioren in Altersheimen und das für sie zuständige Pflegepersonal geimpft werden. „Unser Impfplan wird rigoros und ordentlich durchgeführt. Wir können und werden keine Planungsänderung erlauben”, sagte Gesundheitsministerin Ana Barceló. Jede Impfung wird der Ausweisnummer und der jeweiligen Krankheitsgeschichte zugeordnet und ist damit auch nachprüfbar.

Impfung für Bürgermeister: An der Costa Blanca explodieren die Coronavirus-Infektionen

Nun sorgt diese valencianische Art der Impfung in El Verger für Gesprächsstoff weit über die beiden beschaulichen Gemeinden hinaus, die geographisch gesehen hinten an das gänzlich unter Quarantäne stehende Oliva und vorn an die Kreishauptstadt Dénia grenzen, wo der dortige Bürgermeister die 14-Tages-Inzidenz jenseits der 1.000 Infektionen umgerechnet auf 100.000 Einwohnern als „schrecklich“ bezeichnet und die Einwohner in den „freiwilligen Hausarrest“ bittet. Den medialen Rummel kann der Bürgermeister von El Verger trotzdem schwer verstehen. „Aber die sieben Dosen waren übrig, nachdem das ganze Personal geimpft worden war. Weil zwei Pflegekräfte in Quarantäne sind, zwei weitere an der Grippe erkrankt sind und sich nicht impfen lassen können und drei weitere sich noch nicht impfen lassen wollten“, erklärte Coll.

So blieb ihnen scheinbar nichts anderes übrig als die Arme auszustrecken und den begehrten Biontech-Pfizer-Impfstoffen einen sinnvollen Nutzen zuzuführen. „Sie sagten uns auch, das geöffneten Einheiten nur sechs Stunden haltbar seien“, sagte Coll. Da fiel die Wahl auf zwei PSOE-Politiker, einen Polizeichef und vier diensthabende Polizisten. Warum nicht auf mich?, fragt sich wohl manch ein Bürger in El Verger.

„Bei uns wird geimpft, wer an die Reihe kommt. Es gibt keinen Impfstoff, der übrig ist – ganz im Gegenteil. Es mangelt an Impfstoffen. Und ich bin mir sicher, dass es in diesen Dörfern Senioren in Risikogruppen gibt, die man hätte impfen können“ sagte Valencias Vizeministerpräsidentin Monica Oltra. Möglicherweise hätte man sogar unter den bei deutschsprachigen Langzeiturlaubern doch sehr beliebten Ortschaften sieben Kandidaten aus den Risikogruppen mit negativen PCR-Tests finden können, zumal einige Senioren sich gerne in Spanien impfen lassen würden, aber es nicht können, da ihr Erstwohnsitz in Deutschland liegt.

Bürgermeisterin Carolina Vives aus Els Poblets und ihr Kollege aus El Verger haben sich außer Reihe impfen lassen.

Der Alcalde Coll versuchte Empörung im Keim zu ersticken, in dem er auf die Rolle eines Bürgermeisters so kleiner Gemeinden einging. Ein Butler des Pueblo von El Verger sei er, kein primus inter pares. „Es gibt viele Senioren und Personen aus dem Kreis der Risikogruppen, die mich anrufen, damit ich ihnen bei etwas behilflich bin“, sage Coll. Die Wahl sei auch auf ihn gefallen, um eine potenzielle Gefahrenquelle für die weitere Ausbreitung des Coronavirus auszumerzen. Geimpft fällt ihm der Dienst am Volk mit einer Inzidenz von über 700 nun sicherlich leichter. Ähnliches dürfte für die angetraute Kollegin aus Els Poblets gelten, das mit 2.550 Einwohner noch kleiner als El Verger ist, aber vom Coronavirus bei weitem nicht so heftig heimgesucht wird wie der Nachbar.     

Impfung außer Reihe: Null-Verständnis bei Opposition und Rücktrittsforderungen

Der Geschichte hätte vor 20 Jahren wahrscheinlich Dieter Hildebrandts Scheibenwischer auf Volltouren gebracht. Nicht alles, was dem Bürgermeister an den Kopf geworfen wird, entspricht aber der ganzen Wahrheit. So marschierten die Pfleger, die den Impfstoff verabreichten, nicht unbedingt lieber zu den Rathauschefs als in die örtliche Seniorenresidenz. Dort konnte die Impfung noch nicht stattfinden, da zuletzt 119 Coronavirus-Infektionen in der privaten Residenz festgestellt wurden und daher der Schutz noch nicht verabreicht werden kann. Was den Bürgermeister nicht davor schützt, dass die Opposition von einer „grotesken“ Situation spricht, ihm „Mangel an Mitgefühl“ vorwirft und den Rücktritt fordert. Selbst in diesem Fall könnte Ximo Coll, in seinem früheren Beruf Klempner, noch seiner Berufung folgen und sinnvolle Dienste für sein Volk verrichten.

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