Jedes Wort wird bewertet

Jávea – se. „So oft habe ich gedacht, wenn nur etwas passieren würde, dass ich diese Prüfung nicht s...

Jávea – se. „So oft habe ich gedacht, wenn nur etwas passieren würde, dass ich diese Prüfung nicht schreiben muss“, sagt Laura Gil. „Jetzt wünschte ich, sie fände statt.“ Die 16-Jährige bereitet sich seit zwei Jahren – wie viele junge Residenten – auf die IGCSE vor, den englischen Realschulabschluss, der an den meisten internationalen Schulen abgelegt wird. Im Unterschied zu Schülern an spanischen Schulen arbeiten sie seit September 2018 auf eine große Prüfung hin, die in Kürze absolivert werden sollte. Alle Klausuren, die sie bisher schrieben, zählten nicht und dienten nur dazu, sie und die Lehrer über ihren Kenntnisstand zu informieren. Jetzt haben die englischen Behörden die Prüfung praktisch abgesagt und plötzlich sollen doch diese Klausuren gelten, für die viele gar nicht richtig gelernt hatten – und die Lehrer sollen zusätzlich anhand der Leistungen, die die Jugendlichen im Internet-Fernunterricht bieten, ihre Abschlussnoten festlegen. Andreas Wolf, Leiter der deutschen Abteilung an Jáveas International College (XIC), berichtet, dass große Unsicherheit herrscht. „Die Behörden sagen jeden Tag etwas Neues. Wir machen deshalb einfach weiter wie bisher, damit die Schüler keinen Unterricht verpassen“, sagt er. „Statt der Prüfungen geben sie jetzt Arbeiten ab und wir bewerten sie danach.“ Es fließe nun die Leistung der ganzen beiden Schuljahre ein. „Da sieht man mal, dass man auch eine Klausur ernst nehmen sollte, die angeblich nichts zählt“, sagt Wolf. Er und die Schüler stünden jetzt ständig unter Examensstress. „Die Schüler lernen dasselbe. Manche sogar noch mehr, weil sie weniger abgelenkt sind und jetzt ihre Leistung ja direkt bewertet wird.“ Zu Beginn des Fernunterrichts seien alle Lehrer furchtbar nervös gewesen. „Wir sind es nicht gewohnt, mit so vielen Internet-Programmen zu arbeiten. Mit Ausnahme der Informatiklehrerin sind da alle Schüler fitter als wir.“ Doch jetzt nach drei Wochen herrscht Routine. „Ich sehe, welcher Schüler zugeschaltet ist, und wir machen den Unterricht, als ob wir in der Klasse wären. Ich stelle die Aufgaben, haben die Schüler Fragen, beantworte ich sie am Bildschirm. Und wir haben auch einen Chat, in den ich zum Beispiel die Hausaufgaben schreibe.“ Für ihn sei der Fernunterricht aber viel mehr Aufwand. „Normalerweise gehe ich durch die Bankreihen und kommentiere die Arbeit der Schüler während des Unterrichts. Jetzt muss ich das danach schriftlich machen.“ Da Videos und Tonaufnahmen oft zu groß für die Internetverbindung seien, müsse er auch häufig improvisieren. Laura Gil ist mit dem Fernunterricht sehr zufrieden, vermisst aber ihre Klassenkameraden. „Vor allem jetzt im Prüfungsstress waren wir sehr verbunden“, sagt sie. Außerdem müsse nun alles pausenlos perfekt sein. „Der Tag hat gar nicht genug Stunden.“ Noch schlimmer sei es für die, die dieses Jahr Abitur machten. „Denn sie müssen sich mit ihren Noten bei den Universitäten bewerben.“ Die Schüler an den spanischen Schulen haben es einfacher, da sie während der ganzen zwei Jahre zählende Prüfungen schrieben. Ihnen fehlen also nur einige wenige Klausuren. Wann die nachgeholt werden sollen, ist noch nicht klar. Spanische staatliche Schulen haben keinen Fernunterricht. Die Lehrer schicken den Schülern aber Wiederholungs-Aufgaben und auch neuen Unterrichtstoff. Obwohl die Behörden das gar nicht gerne sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare